Agrippina
 

nata est ante diem secundum Nonas Novembris anno DCCLXVIII ab urbe condita (Wikipedia)

 

Unvergänglichen Ruhm erwarb sie, als sie im Alter von 35 Jahren ihren kaiserlichen Ehemann dazu brachte, einer Siedlung im Norden, jenseits der Alpen, die Stadtrechte zu verleihen: Agrippina, genannt die Jüngere, war am 6. November des Jahres 15 nach Christus am Rhein geboren, in dem „oppidum Ubiorum“. Vom Jahre 50 an durfte sich also die Siedlung „Colonia Claudia Ara Agrippinensium“ - CCAA - nennen, auf deutsch etwa „städtische Niederlassung des Kaisers Claudius mit einem Altar der Agrippinenser“; eine Colonia verfügte über weiter reichende Rechte und umfangreichere Privilegien als ein Oppidum.

 

Der Spanier Celerinus nennt sich um 75 n. Chr. stolz CIVES AGRIPPINE[NSIS]  Bürger der Agrippina-Stadt

 

Dass Agrippina am Rhein den ersten Schrei tat, lag daran, dass ihr Vater Germanicus seit dem Jahre 13 Oberbefehlshaber der hiesigen römischen Truppen, der 1. und der 20. Legion, war; ihre Mutter war Agrippina die Ältere, eine Enkelin des Kaisers Augustus, die insgesamt neun Kinder gebar, neben der jüngeren Agrippina auch den späteren Kaiser Caligula. Die Geburt seiner Tochter hat Germanicus wahrscheinlich nur nebenbei miterlebt – er war in den Jahren 15 und 16 in den germanischen Wäldern bis zur Elbe unterwegs, um Rache für die Varus-Niederlage zu nehmen - allerdings erfolglos. Im Jahre 19 starb er in Syrien – seine Tochter war gerade vier Jahre alt.

Nur neun Jahre später wurde sie zum ersten Mal verheiratet, und zwar mit Gnaeus Domitius Ahenobarbus, dem sie im Jahre 37 den Sohn Lucius, den späteren Kaiser Nero, gebar. Domitius starb im Jahre 40, Agrippina heiratete Caius Sallustius Crispus Passienus, den sie im Jahre 48 ermordete. Ein Jahre später heiratete sie den Kaiser Claudius, der soeben seine Frau, die berüchtigte Messalina, und ihren letzten Liebhaber hatte ermorden lassen. Dass die Heirat des Claudius mit Agrippina nach dem Gesetz verboten war – er war ihr Onkel -, störte nur vorübergehend: Der Senat beschloss die Aufhebung des Verbots der Onkel-Nichte-Ehe. Jetzt war Agrippina mit 34 Jahren Kaiserin.

Ihre Zeitgenossen sahen an Agrippina durchaus positive Züge: Sie sanierte den Staatsschatz, Skandale und Staatsprozesse gingen zurück, ihr persönlicher Lebenswandel war – zumindest nach aussen hin – unauffällig. Dabei bewegte sie sich als Kaiserin in der Öffentlichkeit durchaus selbstbewusst und mit Sinn für Symbolik: Sie trat mit der Chlamys, einem golddurchwirkten Mantel, auf; sie legte sich eine eigene prätorianische Ehrenwache zu; an ihrem Geburtstag gab es öffentliche Feiern.

Am meisten beeindruckte damals – und auch noch heute – das volle Münzrecht, das ihr Claudius gewährte: Es sind Münzen überliefert, auf denen Agrippina abgebildet ist – auch ohne Claudius -, und solche mit Agrippina und Nero noch als „princeps“ = Thronfolger.

 

(Wikipedia)

AGRIPPINAE AVGVSTAE / TI CLAVD CAESAR AVG GERM P M TRIB POT P P

„Agrippina Augusta / Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus, Oberpriester, mit tribunizischer Vollmacht, Vater des Vaterlandes“

Agrippinae Augustae / Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus pontifex maximus tribunitia potestate pater patriae

 

Später, als ihr Sohn Nero Kaiser ist, lässt sie zu seinen Ehren Münzen schlagen:

 

 

(Goldmünze 54 n. Chr., Lyon)

(Wikipedia)

AGRIPP AVG DIVI CLAVD NERONIS CAES MATER / NERONI CLAVD DIVI F CAES AVG GERM IMP TR P / EX S C

„Agrippina, die Mutter des göttlichen Augustus Claudius Nero Caesar / dem Nero, des göttlichen Claudius‘ Sohn, dem Caesar Augustus Germanicus, Kaiser, mit tribunizischer Vollmacht / auf Beschluss des Senats“

Agrippina Augusta Divi Claudii Neronis Caesaris mater / Neroni Claudii Divi filio Caesari Augusto Germanico imperatori tribunitia potestate / ex senatus consulto

Am 13. Oktober 54 starb ihr Ehemann, der Kaiser Claudius – Agrippina hatte mit Giftpilzen nachgeholfen. So schreiben jedenfalls die zeitgenössischen Dichter Seneca und Juvenal, und viele Römer sind erleichtert über das Ende des zunächst lächerlich-komisch-skurrilen, später launischen und bösartigen Herrschers. Nero, den Agrippina flugs vom Senat als Nachfolger ausrufen liess, galt zu dem Zeitpunkt als Lichtgestalt – von dem Philosophen Seneca erzogen. Auch jetzt gerierte sich Agrippina als „First Lady“, sie wurde Priesterin des vergöttlichten Claudius.

Mit ihrer mütterlichen Übergriffigkeit kam sie ihrem Sohn aber immer öfter in die Quere, als sie sich in seine Liebschaften einmischte. Und Nero selber entwickelte einen krankhaften Grössenwahn, in dem für die umtriebige Mutter kein Platz mehr war. Nero liess sie im Jahre 59 in ihrer Villa bei Neapel erschlagen. Nicht einmal ein Grab gönnte ihr der Sohn, ihre Sklaven sollen später an der Strasse nach Misenum ein Grabmal errichtet haben (Stangl, 1999).

Unvergessen bleibt sie aber bis heute in den Buchstaben CCAA.