1848 Aug 27 Artikel über die Resultate der März-Revolution

„Die Stürme der März-Revolution haben sich längst gelegt, das politische Feld ist wieder geebnet und der Zeitpunkt gekommen, wo man die ganze Sachlage der Dinge in ihrem gegenwärtigen Stand ruhig beurteilen kann. Die verhängnisvollen Tage des 18. Und 19. März haben wohl ihre Früchte getragen, aber der Erfolg jener Blutnacht berechtigt bei weitem nicht zu der Hoffnung, die sich die Majorität – wir sagen es kühn: die Majorität des deutschen Volkes davon gemacht.

Jene Tage waren bestimmt, über das Schicksal Deutschlands und seiner Fürsten zu entscheiden, aber das Volk hat sie durch einen unverantwortlichen Leichtsinn verscherzt. Es hat in seinem Freudentaumel über die heranbrechende Aera der Freiheit vergessen, dem Drachen, den es durch einigen Blutverlust getötet glaubte, den Kopf abzureissen. Man glaubte nicht, dass eine bis zur totalen Ohnmacht geschlagene Partei sich je wieder erholen könnte. Und diese Partei hat sich wieder erhoben, hat sich wieder gekräftigt durch des Volkes Sorglosigkeit. Dieser Sorglosigkeit verdanken wir es, dass man die Macht Denen in Händen liess, die dem alten System mit allen seinen Konsequenzen zugetan gewesen und die nur gezwungen eine anderes politisches Glaubensbekenntnis angenommen. Man durfte deswegen nichts anders erwarten, als dass diese Partei bei einer günstigen Gelegenheit der neue Fahne untreu werden würde. […] Das Volk hat den Gleissnern vertraut und ist von ihnen betrogen.

Die Märtyrer der Märzrevolution haben nicht allein für die geistige Freiheit, sondern auch für ihr materielles Wohl und das ihrer Brüder geblutet, denn das beweist die Menge der gefallenen Handwerker, die sich an dem Kampfe beteiligt. Doch was ist bis jetzt für ihr materielles Wohl geschehen? Nichts. […]

Die Regierung hat durch die Einführung der indirekten Wahlen die wahre Volksvertretung gehindert. Sie wusste nur zu gut, dass von den direkten Wahlen ihr Sein und Nichtsein abhing. Das Ergebnis der indirekten Wahlen ist uns allen bekannt, nur die Bourgeoisie, die besitzende Klasse, ist durch dieselben vertreten. Was nicht in ihrem Sinne, ist auch nicht im Sinne ihrer Vertreter. Die Abschaffung der Lebensmittelsteuer und die Einführung einer Vermögenssteuer enthöbe die besitzlose Klasse von aller Steuer und verpflichtet die besitzende allein. Aber dazu wollen sich die Herren nicht verstehen. Es erheischt vorerst einmal ihr eigene pekuniärer Vorteil, diese ungerechte Steuer beizubehalten, und dann fürchten sie auch, das Proletariat möchte in einer bessern materialen Lage sich befinden, übermütig werden, und Forderungen machen, deren Erfüllung eine ungeheure überwindungskraft erfordere, die sie sich nicht zutrauen.

Dass die Regierung wohlweislich diese Bedenken zu nähren sucht, lässt sich leicht denken; denn was die Märzrevolution, was die Linke der Nationalversammlung in Berlin und Frankfurt, was alle demokratischen Vereine nicht vermocht, das wird die Aufhebung der Lebensmittelsteuer vermögen, nämlich Deutschland zur Republik reif zu machen.

Mögen auch jetzt viele bemüht sein, die Republik in Deutschland als ein Schreckbild, als einen Herd der Anarchie darzustellen, sie würden von ihrem Eifer geheilt werden, weil es dann doch einmal ihrer Börse gälte, um die sich ihre ganze Politik dreht und die ihnen lieber ist als alle 38 deutschen Fürsten mitsamt ihrem verschwenderischen Hofstaat.

Von seinen sogenannten Vertretern hat demnach das hungernde Volk nichts zu hoffen.

Es würde mich freuen, wenn man diese Worte unwahr machen könnte. Ich würde selbst wieder ruhen, wenn ich sähe, dass die Berliner und Frankfurter Nationalversammlung den Mut hätte, nicht allein zu berücksichtigen, dass es in Deutschland Fürsten und eine Minorität von Bevorzugten gibt, sondern dass es daselbst 30.000.000 Deutsche gibt, die Recht verlangen.

Bis dahin bleibt’s bei dem Anspruche.“


Aus: Zeitung des Arbeitervereins Köln, Nr. 26 vom 27.08.1848.