Die Medizin der Freiheit

Jude und Protestant, Armenarzt und Revolutionär: Die Geschichte des Andreas Gottschalk, der 1848 in Köln zum Pionier der Arbeiterbewegung wurde

von Klaus Schmidt

Es ist eine Beerdigung - und zugleich eine Kundgebung. Tausende strömen zum Kölner Friedhof Melaten an der Aachener Strasse, als der Arzt Andreas Gottschalk am 9. September 1849 zu Grabe getragen wird. Denn Gottschalk, der einen Tage zuvor, gerade 34-jährig, der Cholera zum Opfer gefallen war, ist mehr als nur ein Arzt gewesen. Er gehört zu den Vätern der deutschen Arbeiterbewegung, hatte gerade erst den Kölner Arbeiter-Verein gegründet - mit 5000 Mitgliedern der grösste Deutschlands. Doch die Menschen, die Gottschalk jetzt auf seinem letzten Weg begleiten, sind empört: Dem Sarg folgt kein Priester. Der konservative evangelische Pfarrer ist aus Protest gegen den religiösen Sozialisten unter einem Vorwand zu Hause geblieben. Die Zeitung des Arbeiter-Vereins reimt später, nicht ohne bitteren Spott: "Senkt die Lade in die Erde! Ist der Pfaff zu Haus geblieben? / Ja, er wollte das Begräbnis nicht auf diese Stund' verschieben. / Aber jene lichten Thränen auf den braunen ernsten Wangen / Sind ein bess'rer Pfaffensegen - schau sie rings im Kreise prangen..."

Andreas Gottschalk, der so Geehrte und Geliebte, ist zeitlebens ein Grenzgänger gewesen - zwischen den Klassen, zwischen den Konfessionen. Als fünftes Kind der Sibilla Levinboch aus Sittard und ihres Mannes, des Talmud-gelehrten Schächters Joseph Gottschalk, wird er 1815 in Düsseldorf geboren. Nach dem Umzug der Familie kommt er in Köln aufs Gymnasium. In Bonn studiert er Medizin, daneben Altphilologie, Logik, Psychologie und englische Literatur. Sein Studium muss er sich - zum Beispiel durch übersetzungen - selbst verdienen. Mit einer Arbeit über den Blutandrang zum Gehirn erreicht er 1840, auch als Jude unangefochten, seine Promotion. Er verfasst medizinische Aufsätze, so über Die Behandlung von Blasenlähmung und nervösem Hüftweh, und wird korrespondierendes Mitglied einer medizinischen Gesellschaft in Brüssel.

Seine Karriere lässt sich gut an. 1842 eröffnet er in Köln eine Praxis, arbeitet auch als Chirurg. Wie sein Bruder, der Jurist Salomon Gottschalk, berichtet, konzentriert er sich dabei von vornherein auf die Behandlung armer Patienten, die er meist kostenlos behandelt.

Vor dem Rathaus ziehen Soldaten auf

Wenig später konvertieren beide Brüder zum Protestantismus, gerade im heiligen Köln gewiss kein selbstverständlicher Schritt, dürfen sich doch die dortigen Protestanten erst seit wenigen Jahrzehnten, erst seit der Zeit, da das Rheinland zum republikanischen (und später kaiserlich-napoleonischen) Frankreich gehört hat, ihrer Religionsfreiheit erfreuen. "Der übertritt erfolgte", hält der Kölner Pfarrer, der den jungen Arzt taufte, höchst amtlich fest, "nachdem sich Andreas Gottschalk durch fleissiges Studium der Propheten sowie der neutestamentlichen Schriften von der Gültigkeit des Christentums auf eine wahrhaft gründliche Weise überzeugt hatte." Den frommen Vater wird die Konversion seiner beiden Söhne geschmerzt haben; die Mutter ist bereits zwei Jahre zuvor gestorben.

Die Konversion hat für Gottschalk tiefere Bedeutung. Schon Heinrich Heine interpretierte das Christentum als kosmopolitische Entgrenzung des Judentums. "Jesus Christus", schreibt Heine 1828 in seinen Englischen Fragmenten, "berief alle Völker der Erde zur Teilnahme an dem Reiche Gottes, das früher nur einem einzigen auserlesenen Gottesvolke gehörte, er gab der ganzen Menschheit das jüdische Bürgerrecht." Diese Entwicklung sieht Heine in der Französischen Revolution fortgesetzt - sofern sie von Menschenliebe geprägt ist: "Die tiefste Wahrheit erblüht nur in der tiefsten Liebe und daher die übereinstimmung in den Ansichten des älteren Bergpredigers, der gegen die Aristokratie von Jerusalem gesprochen, und jener späteren Bergprediger, die von der Höhe des Konvents zu Paris ein dreifarbiges Evangelium herabpredigten, wonach nicht bloss die Form des Staates, sondern das ganze gesellschaftliche Leben nicht geflickt, sondern neu umgestaltet, neu begründet, ja neu geboren werden sollte." In ähnlicher Weise preist nun auch Gottschalk die "Lehre Jesu Christi", weil sie "das Erstgeburtsrecht der Juden aufgehoben und die Brüderlichkeit aller Menschen verkündet" habe.

Politisiert wird Gottschalk vor allem durch den drei Jahre älteren aus Bonn stammenden Schriftsteller und Journalisten Moses Hess, den "Kommunistenrabbi" und späteren Wegbereiter des Zionismus. Im Januar 1842 gehört dieser zu den Mitbegründern der Rheinischen Zeitung, deren Chefredakteur nach monatelangem Hin und Her der 24-jährige Karl Marx wird. (1843 schon verbietet die preussische Zensur das Blatt, und Marx geht nach Paris). Auf einem ärztekongress 1846 in Bonn streitet Gottschalk zusammen mit sozial engagierten Kollegen für die Abschaffung des Promotionszwangs und eine effektivere Unterstützung der Armen. 1847 schliesst er sich mit Freunden in einem sozialistischen Zirkel zusammen und schreibt an Hess, der zu dieser Zeit schon im Pariser Exil lebt: "Endlich ist's uns gelungen, ein Kränzchen hier einzurichten, das nach meinem Geschmack ist...Zweimal in der Woche kommen wir zusammen, lesen und singen und disputieren und treiben den Detailhandel der Propaganda..."

Der junge Arzt, der unverheiratet bleibt, verfolgt wachsam und engagiert den demokratischen Aufbruch Europas. Am 27. Februar 1848 muss in Paris König Louis Philippe abdanken. In Kölns Kaffeehäusern wird die Marseillaise gespielt und das Heil dir im Siegerkranz, die Hohenzollern-Hymne, ausgepfiffen. In der ganzen preussischen Rheinprovinz fordern die Bürger jetzt eine freie Verfassung, Volkssouveränität und die Verwirklichung der ersehnten deutschen Einheit.

Ein Kreis von Demokraten, in dem Gottschalk rasch eine führende Rolle übernimmt, trifft sich seit Anfang März in den Stallungen eines Gasthauses, die man zum Versammlungslokal umgeräumt hat. 130 Personen, berichtet ein Spitzel, finden hier zusammen, überwiegend Handwerker, um politische Aktionen vorzubereiten.

Dann kommt der 3. März. An diesem Tag diskutiert der Kölner Gemeinderat einen Petitionsentwurf. Der Vereinigte Landtag soll einberufen, die Zensur aufgehoben werden und der Deutsche (Fürsten-)Bund eine Volksvertretung erhalten. Doch die Ratsherren sind ängstlich: Weitergehende Forderungen nach Gewährung einer Verfassung mit umfangreichem Wahlrecht und Versammlungsfreiheit lehnen sie "für jetzt noch" ab.

An die 5000 Menschen, überwiegend Handwerksgesellen in Sonntagskleidung - Gottschalk an ihrer Spitze - haben sich vor dem Rathaus versammelt. Sie wollen den Rat dazu bringen, sechs "Forderungen des Volkes" zu erfüllen, die auf Flugblättern bereits von Hand zu Hand gehen. Zu diesen Forderungen gehört das allgemeine Wahlrecht, Presse- und Versammlungsfreiheit, "Schutz der Arbeit und Sicherstellung der menschlichen Lebensbedürfnisse für alle" und die "vollständige Erziehung aller Kinder auf öffentliche Kosten". Auf einigen Blättern steht ausserdem noch "Friede mit allen Völkern".

Gottschalk wird vorgelassen, der Gemeinderat will die Forderungen nur in abgeschwächter Form akzeptieren beziehungweise lehnt sie ganz ab. Gottschalk gibt nicht nach, präzisiert: "Was wir nicht wollen, ist die Herrschaft einer Oligarchie, einer Camarilla der Börsenmänner und Geldspekulanten."

Inzwischen drängen die Menschen nach und spenden ihm stürmisch Beifall. Oberbürgermeister Adolf Steinberger plädiert für Vertagung, es kommt zu Tumulten. Gottschalk dämpft und bittet die Menge, sich zurückzuziehen. Sonst würde man "den Schein geltend machen, als habe der Gemeinderat unter Zwang beraten".

Plötzlich Trommelwirbel, Schreie - ein Bataillon Infanterie zieht auf. Die Menschen stürzen nach den beiden noch freien Ausgängen des Platzes, einige werden niedergetreten, ein Mann wird verhaftet. Gleichzeitig verbreitet sich das Gerücht, man habe auch Gottschalk festgenommen.

Steinberger fürchtet, dass die Situation weiter eskaliert; schliesslich ziehen die Soldaten ab. An eine Fortsetzung der Beratungen ist dennoch nicht zu denken; denn der Gemeinderat ist nicht mehr beschlussfähig. Einer der Ratsherren hat sich im oberen Stockwerk im Stroh versteckt, ein anderer im Turm, zwei weitere sind in Panik aus dem Fenster des Ratssaales gesprungen, wobei sich einer von ihnen beide Beine brach, das eine gar zweimal.

Am nächsten Tag reagiert Kölns Regierungspräsident Karl Otto von Raumer mit scharfen Verdikten gegen die aufrührerischen Bürger. Das "in unserer Provinz unerhörte Attentat" müsse geahndet werden. "Die friedliebenden Bürger Kölns", so hofft er, würden mit ihm "diese Verletzung des Gesetzes und der Ordnung beklagen". Gottschalk lässt er "wegen Aufreizung zum Aufruhr" und "Stiftung einer verbotenen Verbindung" verhaften.

Die revolutionäre Bewegung hat inzwischen ganz Deutschland erfasst, von Baden bis Sachsen. In Wien wird Fürst Metternich gestürzt, in Berlin zwingen die Barrikadenkämpfer am 18. März das Militär in die Defensive; Friedrich WilhelmIV. gibt zum Schein nach und verspricht Reformen. In Solingen und Elberfeld kommt es zu Angriffen auf Fabriken, in Krefeld zur Erhebung der Seidenweber. Und in Köln, einer Stadt mit damals 94800 Einwohnern, demonstrieren am 20. März mehr als 10000 Menschen für Freiheit und Bürgerrechte.

Bald darauf gründet Gottschalk, inzwischen wieder auf freiem Fuss, den Kölner Arbeiter-Verein, eine Art Urgewerkschaft. Schon gleich in den ersten Wochen seines Bestehens verfasst der Verein eine Fülle von sehr konkreten Gesuchen. Die Minister des Inneren und der Justiz fordert er auf, die Arbeit der Vergolder, Sattler, Schuhmacher, Nagelschmiede und Weber vor der Konkurrenz billiger Häftlingsarbeit zu schützen. Vom Kriegsministerium wird aus ähnlichem Grund verlangt, Militärbäckereien zu verbieten. Ausserdem sollen Gewerbe- und Schiedsgerichte eingesetzt werden, die aus Meistern und Arbeitgebern auf der einen und Gesellen und Arbeitern auf der anderen Seite bestehen.

Sosehr sich mancher Unternehmer und wohlhabende Bürger auch für liberale Ideen engagiert - bei der Forderung, mehr Demokratie zu wagen, erlischt die Begeisterung rasch. Gerade die protestantischen Fabrikherren setzen da lieber auf das bewährte Bündnis zwischen Thron und Altar. So geraten sie schnell in Konflikt auch mit Gottschalk, der das ganze preussische Gottesgnadentum ablehnt und schliesslich die Republik fordert. Fast alle Mitglieder im Presbyterium, im Rat der Kölner Gemeinde, sind Kaufleute, städtische Beamte, Juristen, ärzte; auch der Fabrikant Carl Joest gehört dazu, Besitzer einer Zuckerraffinerie - einer der reichsten Unternehmer der Stadt (und ein berüchtigter Leuteschinder). Aus ihren Reihen wird heftig gegen den Mitchristen Gottschalk polemisiert.

Jesus ist für ihn der Heiland der Arbeiter

Bereits am 1. Mai 1848 hatte er sich gegen den Vorwurf verteidigen müssen, er sei Materialist und nehme den Armen "den Trost der Hoffnung auf ein besseres Leben" im Himmel: "Ich antworte darauf, dass meine ungefähr neunjährige ärztliche Laufbahn in dieser Stadt dafür zeugen wird, dass ich immer bereit gewesen, wie es auch meine Pflicht gebot, jedem den Trost der Religion zu bieten, dem meine Kunst keine zu bieten hatte." Jesus sei der Heiland der Arbeiter, "weil er nicht für die Reichen, sondern für das arme Volk stand, lebte und litt; weil er die Geldwechsler aus dem Tempel peitschte, weil er den Schriftgelehrten, Pharisäern und stolzen Priestern entgegentrat, die die Lasten des armen Volkes nur vermehren helfen, die sie selbst nicht einmal mit dem Finger anrühren - weil er endlich den Armen, den Zöllnern und Sündern, den Fischern und Knechten, nicht aber den Reichen, den Müssiggängern und Schwelgern die Gnade und Erlösung bringen wollte".

Gottschalks religiöse Auffassung, die in manchem mit dem übereinstimmt, was zu dieser Zeit auch die christlich inspirierten Frühsozialisten in Frankreich predigen, wird von vielen seiner Mitstreiter geteilt. So ruft etwa der Fassbinder Christian Joseph Esser in der Generalversammlung des Arbeiter-Vereins unter Beifall, eine zukünftige demokratische Regierung solle "auf den Grundsätzen der Achtung des Nebenmenschen, der Liebe und Religion" basieren. Die protestantische Amtskirche sieht das anders. Viele Pfarrer in Rhein-Preussen hetzen gegen den neuen "Democratismus"; der Koblenzer Generalsuperintendent Johann Abraham Küpper fordert seine Pfarrerschaft auf, streng nach Luther zu verkünden, "dass die Obrigkeit von Gott verordnet ist, als Grundpfeiler des staatlichen Organismus, der nicht erschüttert werden kann, ohne dass der Staat schwankt und einzustürzen droht".

Im Juli 1848 - in Frankfurt tagt die Paulskirche, und auch in Berlin ist die Preussische Nationalversammlung zusammengetreten - wird der junge Arzt zusammen mit Esser und seinem Freund Fritz Anneke verhaftet, sein Haus durchsucht. "Alles wurde durchstöbert", schreibt die Vereinszeitung, "und durchschnuppert nach hoch- und landesverräterischen Korrespondenzen." Aber was fand man ausser harmlosen Papieren? "Makulatur, gut genug, um Wurst und Käse hineinzupacken! Verbotene Schriften führt der Doktor nur in seinem Kopfe mit sich, und um den zu öffnen, müssten die Schlosser noch einmal Lehre stehen." Wilde Gerüchte machen nun in Köln die Runde: Gottschalk habe nächtlich Spiessgesellen an der Waffe ausgebildet, sei ausserdem im Besitz von drei Guillotinen und vier Tonnen Gold.

Ende Oktober 1848 (da haben schon überall in Europa die konservativen Kräfte die Initiative wieder an sich gerissen) beginnt der Prozess. Gottschalk und seine beiden Mitangeklagten werden jetzt beschuldigt, "durch Reden in öffentlichen Versammlungen so wie durch Druckschriften ihre Mitbürger zur gewaltsamen änderung der Staatsverfassung, zur bewaffneten Auflehnung gegen die Königl. Macht und zur Bewaffnung eines Theiles der Bürger gegen den Andern geradezu angereizt zu haben, ohne dass jedoch diese Anreizungen einen Erfolg gehabt haben". Die Todesstrafe droht jetzt nicht mehr - "nur" Verbannung. Nun müssen die Geschworenen entscheiden.

Spott über Marx, den "gelehrten Sonnengott"

Am 21. Dezember strömen die Zuhörer in Massen herbei. In seiner Verteidigungsrede greift Gottschalk den Ankläger frontal an: "Der Staatsanwaltschaft ist ,Republik' und ,gewaltsamer Umsturz der Verfassung' ein und dasselbe. So etwas verzeiht man wohl einem Schulknaben oder einem Leitartikel der Kölnischen Zeitung - aber einem Staatsanwalt?" Die darauf folgende Rüge des Gerichtspräsidenten weist er zurück: "Sie haben keinerlei Zensur gegen den zu üben, welcher die eigene Freiheit und Ehre verteidigt." Aber, fährt er entschlossen fort, "ich werde nicht mehr sprechen... Ich hätte noch vieles zu meiner Ehrenrettung, zu meiner Verteidigung zu sagen. Es lohnt nicht, ein weiteres Wort zu verlieren." Doch am 23. Dezember 1848 ist die überraschung gross: Das Urteil der Geschworenen lautet "Nicht schuldig"! Die drei Angeklagten werden sofort freigelassen.

Gottschalk reist nach Brüssel und Paris. Obwohl sich auch in Frankreich die politischen Verhältnisse verfinstert haben, kehrt er mit neuer Hoffnung zurück. Er polemisiert gegen Kölns Oberbürgermeister Steinberger, der sich gerade selbst mit einer exorbitanten Pension versorgt hat ("Haben Sie denn auch bedacht, dass jeder Pfennig, den Sie einstecken, von des Volkes Schweiss herrührt, von seinem Blute erhoben, mit seiner Gesundheit, seinem Leben bezahlt wird?") - und wendet sich zugleich gegen Marx, der, für kurze Zeit aus dem Exil zurückgekehrt, vorübergehend dem Arbeiter-Verein präsidierte. Einen "gelehrten Sonnengott" nennt Gottschalk den Philosophen und schimpft: "Das Elend des Arbeiters, der Hunger des Armen hat für Sie nur wissenschaftliches, doktrinäres Interesse."

Einen Moment lang erwägt Gottschalk, zurück nach Bonn an die Universität zu gehen, um sich dort zu habilitieren, praktiziert dann aber doch weiter in Köln. Als die Stadt im Sommer 1849 von einer schweren Cholera-Epidemie heimgesucht wird, die bis zum November 13000 Tote fordern sollte, versucht er unermüdlich, gerade den besonders getroffenen Armen zu helfen. Am 8. September fällt er in seinem Haus in der Röhrergasse selbst der Seuche zum Opfer.

Unermesslich ist die Trauer. Für die Zeitung des Arbeiter-Vereins ist ein Mann gestorben, "der beim schlichten Proletarier den Namen Freund erworben, / Der den armen Kranken heilte durch sein tief ergründet Wissen, / Der die Medizin ihm zahlte, der sich selbst den Schlaf entrissen, / Der der Freiheit leuchtend Banner muthig uns voran getragen, / Den zum Lohne man in Kerker und in Banden hat geschlagen, / Der trotz Unbill und trotz Undank nimmermehr vom Recht gewichen..." Und als der Pfaffe sich verweigert, spricht ein Freund am Grab die letzten Worte: "Ob Jude oder Christ oder Heide, vor Ihm, dem Gott Aller, sind wir gleich. Wir haben einen Bruder verloren..."

Doch so gross die Bewegung der Gemüter war, so rasch wurde Andreas Gottschalk vergessen - vergessen gemacht in einem Deutschland, dem die Einheit bald über die Freiheit ging und das sich im Nationalismus und schliesslich im Rassenwahn verlieren sollte. Der spät Getaufte, der Jude Gottschalk wurde da auch von seinen christlichen Glaubensbrüdern und -schwestern verleugnet. Erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr er wieder Gerechtigkeit. Heute ist immerhin ein Strässchen nach ihm benannt, sein Grabstein wurde restauriert, und in diesem Jahr erinnerten Kölns protestantische Gemeinde, die ihr 200-jähriges Bestehen feiert, und das Stadtmuseum mit einer Ausstellung an diesen erstaunlichen Mann der deutschen Geschichte. Nach einem - noch so kleinen - Denkmal für Gottschalk allerdings hält man vergeblich Ausschau, dabei hätte er es wahrlich mehr verdient als all jene fatalen Hohenzollern, deren Standbilder, starren Blicks und grünlich schimmernd, auch heute noch Kölns Plätze und Brücken verstellen.


Der Autor ist Theologe und Historiker und lebt in Köln. Gerade erschien sein Buch: "Andreas Gottschalk - Armenarzt und Pionier der Arbeiterbewegung, Jude und Protestant", Greven Verlag, Köln; 168 S., 14,90 Euro

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