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Ferdinand Ries 1810

[Ferdinand-Ries-Gesellschaft:]

Zum Konzertprogramm

Mit dem Einmarsch der französischen Armee ins Rheinland im Jahre 1794 und der Flucht des letzten Kölner Kurfürsten Max Franz aus seiner Residenzstadt Bonn nahm eine reiche musikalische Epoche ihr Ende. Die kurfürstliche Hofkapelle, aus der viele große Musiker hervorgegangen waren, löste sich auf, und die meisten ihrer Mitglieder verließen Bonn. Für den jungen Beethoven war es ein Glück , dass er bereits 1792 nach Wien gegangen war, denn seine ehemaligen Kollegen verarmten und waren gezwungen, ihren Lebensunterhalt anderweitig zu bestreiten.


Franz Anton Ries (1755-1846) galt schon früh als Wunderkind auf der Violine; bereits mit neun Jahren war er in die kurfürstliche Hofkapelle aufgenommen worden. 1784 wurde er zum Konzertmeister und 1791 zum Direktor der kurfürstlichen Musik" ernannt. Er war der Geigenlehrer und väterliche Freund des jungen Beethoven. Seit 1794 seiner Stellung und seines Lebensunterhaltes beraubt, wurde er Ökonom" und Pächter des Gutes Marienforst in Godesberg. Gleichzeitig gab er privaten Musikunterricht; 1807 wurde er zum Musiksmeister" am neu gegründeten Lyzeum ernannt. Franz Anton Ries und Nikolaus Simrock, ebenfalls früheres Mitglied der Hofkapelle und später erfolgreicher Musikverleger, waren seinerzeit die bedeutendsten Musikerpersönlichkeiten in Bonn.


Die napoleonischen Kriege sollten auch das Leben seines Sohnes Ferdinand Ries (1784- 1838) stark beeinflussen. Die Perspektive einer sicheren Anstellung in der Hofkapelle war mit deren Auflösung weggefallen. Die stimulierende Atmosphäre im Kreis der Kollegen, in der ein Ausnahmetalent wie Beethoven hatte heranwachsen können, fehlte nun in Bonn. So ging der 17jährige Ferdinand Ries 1801 zu Beethoven nach Wien, der den jungen Landsmann freundlich aufnahm. Für vier Jahre wurde er Beethovens Schüler, Freund und Privatsekretär". 1805 als französischer Staatsbürger gemustert, aber dann doch nicht eingezogen, kehrte er zeitweilig nach Godesberg zurück. Anfang 1806 gab er in Köln als Schüler des berühmten Beethovens" ein großes Konzert mit Werken seines Lehrers. In einer zeitgenössischen Kritik war zu lesen: Zahlreicher und glänzender war seit vielen Jahren kein Concert als das angekündigte des Herrn Ries. & Sein Spiel war entzückend, und von jedem Kenner wurde die Leichtigkeit bewundert, womit er die so schwere Composition seines großen Meisters ausführte. Sein Phantasiren überzeugte, daß er eine sehr rege Einbildungskraft habe und neue Gedanken kühn auszudrücken verstehe." Nach vorübergehenden Aufenthalten in Paris und Wien kehrte Ferdinand Ries Mitte 1809 erneut ins Rheinland zurück und begann ein breites Repertoire an Werken zu komponieren, das er im Jahr darauf in Konzerten nicht nur in Bonn, sondern in mehreren rheinischen Städten aufführte. Der Höhepunkt dieser Konzerttournee war das am 15. Dezember 1810 in Bonn veranstaltete Große Konzert", bei dem nur Werke des jungen Ries gespielt wurden. Wenn das Programm des heutigen Abends etwas vom ursprünglichen Konzertprogramm abweicht, so liegt dies daran, dass damalige Konzerte zeitlich weit ausgedehnter waren, als es heute üblich ist. Neben der Instrumentalmusik standen 1810 auch zwei Gesangsstücke auf dem Programm, die heute Abend nicht gegeben werden.


Eröffnet wird das Konzert mit einer Ouvertüre". Darunter verstand man um 1810 nicht nur musikalische Werke der gleichnamigen Gattung, sondern jedes Werk, das geeignet erschien, als Eröffnungsstück zu dienen. So muss es auch beim Konzert vom 15. Dezember 1810 gewesen sein, denn zu diesem Zeitpunkt hatte Ferdinand Ries noch gar keine Ouvertüre komponiert; überhaupt hatte er erst ein einziges reines Orchesterwerk geschrieben, nämlich seine im Jahr zuvor entstandene erste Sinfonie D-Dur op. 23. Von den vier Sätzen dieses Werkes erscheint der erste Satz mit seinen Aufsehen erregenden dissonanten Orchesterschlägen am Beginn am besten zur Eröffnung einer größeren Konzertveranstaltung geeignet. Aus diesem Grunde könnte dieser Satz zu Beginn des damaligen Konzerts gestanden haben.

Das zweite Stück unseres Konzerts ist leichter zu identifizieren, denn Ries hat nur ein einziges Konzert für Violine und Orchester geschrieben; es entstand 1810, möglicherweise direkt für das Konzert, vielleicht auch als Abschiedsgeschenk für seinen Vater, bevor er zu einer ausgedehnten Konzertreise aufzubrechen gedachte. Man wird annehmen dürfen, dass der Violinvirtuose Franz Anton Ries seinem Sohn bei der Gestaltung des Soloparts inspirierend zur Seite stand.


Nach der Pause erklingt ein Werk, das in der Zeitungsannonce von 1810 schlicht als Fantasie" angekündigt wurde. Es ist unklar, ob es sich dabei um eine Komposition mit dem Titel Fantasie" gehandelt hat oder um ein improvisiertes freies Fantasieren, mit dem viele zeitgenössische Virtuosen ihre Konzertveranstaltungen schlossen. Diesem freien Fantasieren lag häufig ein aus dem Publikum vorgeschlagenes, allgemein bekanntes Musikstück zu Grunde. Beide Merkmale, der improvisatorische Charakter und der Bezug auf allseits bekannte Melodien, sind in der 1807 in Paris komponierten Fantasie über Themen aus Mozarts Oper Le nozze di Figaro" zu finden; es ist Ries' erste Komposition dieser Art und die einzige, die er bis 1810 fertig gestellt hatte.

Das Programm schließt mit einem Großen Klavierkonzert". Bis 1810 hatte Ferdinand Ries zwei Klavierkonzerte vollendet, das erste in C-Dur entstand 1806, das zweite in c-Moll 1809. Es lässt sich zwar nicht mit letzter Sicherheit beweisen, aber es ist doch sehr wahrscheinlich, dass Ries die Gelegenheit nutzte, das Bonner Publikum mit seinem neuesten Klavierkonzert bekannt zu machen. Das ältere Konzert dürfte er dort bereits in einem früheren Konzert vorgestellt haben.


Das "Große Konzert" in Bonn bildete für den 26jährigen Ferdinand Ries den Auftakt auf dem Weg zum internationalen Ruhm. Nur wenige Tage danach brach er zu einer Konzerttournee auf, die ihn in die wichtigsten nordeuropäischen Musikzentren und schließlich nach London führen sollte, wo er 1815 zu einem der Direktoren der berühmten Philharmonie Society berufen wurde.


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