1543 Juni 15 Philipp Melanchthon: Antrag auf Einrichtung einer Lateinschule in Bonn[1]

 

Ein schrifft Philippi | Melanthonis an ein | Erbare Stadt [Bonn] von | anrichtung der La | tinischen Schul | nutzlich zu le | sen.

 

Getruckt zu Bon durch Laurentium | von der Moelen. Im jar | M.D. XLIII.

 

Gottes Gnad unnd fried durch seinen Eingebornen Son Jesum Christum, unsern heiland, zuvor. Erbare, weise, gunstige Herren! Ich binn zum offtermal vonn denn wirdigen Herrn, den trewen predigern des Evangelij, jn ewer kirchen angesucht, an E.w. zu schreiben und sie fruntlich zu anrichtung einer Christlichen nutzlichen kinderschul zu vermanen. Nu bin ich fur mein person solchs zu thuan alle zeit geneigt gewesen, den das ist ia der aller heilgesten werck eins uff erden zu anrichtung der schulen trewlich helffen, wie ich ernach anzeigen will mich haben / aber etlich ursachen uff gehalden und nemlich diese.

Die erste, das ich weiß, das E.w. selb alß die verstendigen wissen, das zu erhaltung der relligion und vieler nutzlichen kunsten gantz von noten ist, die kinder zur lehr zu halden, und soll kheins menschen ansehen und autoritet uff erden so groß geachtet sein, das iemand hoher und mehr da durch zu furderung der schulen bewegt werde, denn durch die sach selb, dweil meniglich weiß, das gott geboten, sein lehr zu erhalden. Item meniglich weiß, das solches nit mogich ist, so man die schulen zerfallen laßt. Uber das so bin ich ein geringe person, das ich besorgt, mein schreiben wurde merh mit unwillen angenommen werden, denn das es viel frucht schaffen wurde.

Die ander ursach, die mich uffgehalden, ist gewesen, das ich weiß, das der kirchen guter damit kirchen und schulen zu bestellen, wenig in ewren henden sind, und fressen die pfaffen im Stifft unnd andersowo die prebenden uff, welche nit allein euch nit diesen, sondern wollten auch gern die reyne Christliche lher auß ewern kirchen vertreiben. Dweil denn dem Radt sweer wirt, so viel sunst zu samen zubringen, das die pfarr etlicher massen erhalden werde, so khann ich wol achten, das man zu bestellung der schul des weniger geneigt [A ij] / ist, dweil nit uberige guter vorhanden sind.

Die dritt ursach ist diese, das leider ein krieg an disem ort erregt, den gott gnedilich stillen wolle. Nu hatt man zu kriegszeiten auch nit grossen lust oder rawm, solche ordnungen zu machen, die man zu fridens zeiten bequemlicher manchen khann. […]

Dises und der gleichen viel mehr ursachen, die E.w. selb auch bedencken khonnen, wollen E.w. betrachten und dises loblich und Christlich werk, disen rechten Gottes dienst furnemen, nemlich anrichtung der Latinischen Christlichen schul dazu one zweifel Gott seine gnade geben wirt, so yhr solchs zu seinem lobe anfahen werdet, und wirt dazu dises heilig werck mit leiblichen gutern auch belohnen mit friden und mehrung ewr narung, so werden euch ewr kinder und nachkhomen hier und in ewigkeit danck dafur sagen.

Datum Bonn am xv. tag Junij Anno M.D.XLIII.

 


[1] Fundstelle: Bayerische Staatsbibliothek, Signatur: 4 H.lit.p. 281,18.