Als die Synagogen brannten

„Reichskristallnacht“ in Bonn

(zuerst "Rhein-Sieg-Anzeiger", Ausgabe Bonn, 1973; später in "neues rheinland", 1978)

synagoge synagoge Abb. 1: Die Synagoge in der (alten) Tempelstrasse brennt, 10.11.1938 (Photo: Ferdi Kolb)

10. November 1938, 11. 29 Uhr: Bei der Bonner Feuerwehr schrillt das Telefon. Ein anonymer Anrufer meldet, dass die Synagoge an der Tempelstrasse brennt. Kurz darauf liegen die Schaufensterscheiben zertrümmert in den Auslagen jüdischer Geschäfte; Wohnungen sind demoliert, jüdische Bürger in „Schutzhaft“: die Bonner Ausläufer der „Reichskristallnacht“, jener Nacht vor 40 Jahren, in der die Nationalsozialisten zum offenen, öffentlichen Terror gegen die Juden übergingen. Ein Löschzug der Bonner Feuerwehr rückt aus und dämmt den Brand schnell ein - offensichtlich waren die Feuerwehrleute aber zu erfolgreich. Denn jetzt herrscht der Polizeidezernent, SS-Standartenführer Reinartz, den Einsatzleiter der Feuerwehr an, er solle sein Augenmerk auf die angrenzenden Häuser richten. Nach Aussagen im Synagogenbrand-Prozess 1949 schleppen nunmehr fünf oder sechs SS-Männer, die kölnischen Dialekt sprechen, zum zweiten Mal Benzin- und Ölkanister in den Betsaal der Synagoge und zünden alles an. Jetzt helfen auch Bonner mit: Auch sie schaffen Benzin herbei und schlagen Fenster ein, damit das Feuer mehr Luft bekommt. Die Synagoge an der Tempelstrasse war freilich nicht das einzige jüdische „Objekt“, das zerstört oder verwüstet wurde: Am 3. Dezember 1938 liess der Bonner Oberbürgermeister auf Anordnung des Regierungspräsidenten in Köln eine Liste der „bei den Aktionen und Demonstrationen gegen Juden“ beschädigten Geschäfte und Wohnungen aufstellen: 27mal hatten die Nazis zugetreten, zugeschlagen, zugehauen. Auch die (geschätzte) Schadenshöhe ist in der Liste jeweils beigefügt: Sie schwankt zwischen 500 RM im Lebensmittelgeschäft Apfel, Bornheimer Strasse, und 24.000 RM im Modegeschäft Heumann, Martinsplatz 6. Die Synagoge in der Tempelstrasse und auch die in Poppelsdorf (Jagdweg/Ecke Bennauer Strasse) sind gar nicht erst aufgeführt: „Die Werte hier auch nur annähernd anzugeben, ist nicht möglich“, schreibt der Oberbürgermeister in seiner Antwort an den Regierungspräsidenten.

speier bügelfix Abb. 2: Die Geschäfte "Speier" und "Bügelfix" in der Sternstrasse (Photos: Ferdi Kolb)

Von den Vorgängen in dem Modegeschäft des Fräulein Heumann sind Einzelheiten überliefert. Else Waldmann, damals Mitte 20 und Angestellte bei Fräulein Heumann - wie diese Jüdin - berichtet: Fräulein Heumann ist bereits am frühen Morgen durch Bekannte gewarnt worden: jüdische Männer seien abgeholt und im Gerichtsgefängnis in der Wilhelmstrasse in „Schutzhaft“ genommen worden. Ein Teil der Waren ist bereits in den Keller gebracht worden, als gegen 11 Uhr acht bis zehn Männer, mit Äxten und Hämmern in den Händen, das Geschäft betreten. Die Angestellten werden hinausgeschickt, dann beginnen die den Bonnern unbekannten Männer ihr Werk. Die Einrichtung schlagen sie kurz und klein, die verbliebene Ware verstreuen sie im Laden umher. In der Privatwohnung von Fräulein Heumann in der zweiten Etage wühlen sie alles durch, zerstören aber nichts Wesentliches. Kurz darauf erscheint eine Abordnung der NS-Frauenschaft auf der Bildfläche, nimmt - gegen Quittung - mehrere Kartons mit Wollsachen für die „Winterhilfe“ mit, die jedoch nach einer Beschwerde bei der NS-Kreisleitung von dieser noch am selben Tag zurückgebracht werden. Else Waldmann muss von der gegenüberliegenden Strassenseite die Zerstörung mit ansehen. Ein Bonner Geschäftsmann, der (noch) nicht weiss, dass auch Else Jüdin ist, meint zu ihr: „Das ist richtig so. Ich hab' in dem Laden kein Glück gehabt; warum soll es der Heumann besser gehen?“ Sein Geschäft existiert noch heute in der Innenstadt.

Warum Else nicht schon vor 1938 Nazi-Deutschland verlassen hat? Sie hatte mit ihrer Schwester vereinbart, dass diejenige Deutschland verlassen solle, die zuerst die Genehmigung erhalte; die andere sollte bei dem Vater - einem in Bonn bekannten Konzertmusiker - bleiben und ihn pflegen. Elses Schwester erhält als erste die Ausreisegenehmigung, wandert nach Holland aus, wird dort nach Kriegsbeginn von den Deutschen verhaftet, nach Auschwitz gebracht und dort vergast. Else - mit vollem Vornamen Else Berta - muss sich bald Else Sara nennen; zusammen mit anderen Bonner Juden - ungefähr 600 Menschen, darunter auch der berühmte Geographieprofessor Alfred Philippson und seine Familie - wird Else von den Nazis in das KZ Theresienstadt bei Prag verschleppt. Am 8. Mai 1945 - die Rote Armee befreit Theresienstadt - leben von den 600 nur noch 6.

Doch zurück zum 10. November 1938: Bei den ersten Nachrichten von den Zerstörungen setzt sich Hans Höfs, Geschäftsmann in Bonn und Sozialdemokrat, auf sein Fahrrad und sucht zunächst das Weite. Seit Ende der 20er Jahre hatte er Kontakte zu demokratischen und sozialistischen Kreisen unter den Bonner Studenten und Professoren. 1935/36 war er wegen „Hochverrat“ und anderer politischer „Straf“-Taten verurteilt und in das KZ Börgermoor gesteckt worden. 1937 entlassen, muss er sich jeden Morgen Punkt 11 Uhr auf dem Rathaus melden. In der Furcht, jetzt wieder von der SS gefasst zu werden, radelt er über die Rheinbrücke nach Beuel und kommt langsam zu Fuss nach Bonn zurück. Bereits von der Brücke aus sieht er die Synagoge an der Tempelstrasse lichterloh brennen. Auf den Dächern der gegenüberliegenden Häuser stehen Feuerwehrleute und versuchen, von dort aus zu löschen - natürlich vergebens. Denn diesmal - es war die zweite Brandstiftung - hatten die Nazis ganze Arbeit geleistet. Anfang Januar 1939 werden die beiden Synagogen und das jüdische Gemeindehaus an der Tempelstrasse abgerissen. In dem Bereich der ehemaligen Bonner Altstadt und in den angrenzenden Strassenzügen - also etwa zwischen Rhein, Universität, Bahnhof, Kasernen- und Theaterstrasse - sieht Hans Höfs auf seinem Rundgang zahlreiche zerstörte Geschäfte: In der Wenzelgasse liegen Inneneinrichtung und Waren von drei Geschäften - darunter das Schuhhaus Speier - auf der Strasse. In der Gerhard-von-Are-Strasse, da, wo heute eine Apotheke ist, türmen sich Herrenanzüge und -mäntel auf dem Gehsteig: Irrtümlich hatten die Nazis das Massgeschäft eines „Ariers“ heimgesucht. Aus der Gaststätte Passmann in der Rheingasse 6 sollen die Nazis die noch vollen Bierfässer auf Lastwagen geladen und abtransportiert haben. Die Bonner blieben zumeist untätig; nur wenige halfen ihren verfolgten Mitbürgern.

Zu diesen wenigen gehörte die Familie des Orientalistik-Professors Paul Kahle. Seine Frau Marie und ihre fünf Söhne - der zweitälteste ist heute [1978] Botschafter der Bundesrepublik in einem afrikanischen Staat - kümmerten sich besonders um das Ehepaar Philippson und um Emilie Goldstein: Sie hatte an der Kaiserstrasse, in der Nachbarschaft der Kahles, ein Korsettgeschäft. Zwei Kahle-Söhne wollten Frau Goldstein noch warnen, doch sie kamen zu spät. Am Abend des 15. November werden Frau Kahle und ihr ältester Sohn von einem Polizeibeamten „ertappt“, als sie Frau Goldstein helfen, in ihrem Laden aufzuräumen. Am 17. November geifert der „Westdeutsche Beobachter“ auf der ersten Seite des Bonner Teils: „Das ist Verrat am Volke - Frau Kahle und ihr Sohn helfen der Jüdin Goldstein bei Aufräumungsarbeiten." Die Perversion der Menschlichkeit gipfelt in dem Satz: „Die ehrlich und rein empfindende Bevölkerung steht sprachlos vor einer solchen Gemeinheit." Professor Kahle verliert bald darauf sein Amt, der älteste Sohn muss die Bonner Universität verlassen, die Familie flieht im März 1939 nach England. Dem im Oktober 1939 erschienenen Bonner Adressbuch ist zu entnehmen, dass von den 21 in der Liste des Oberbürgermeisters enthaltenen jüdischen Geschäften und Betrieben 20 an einen „arischen“ Inhaber übergegangen waren. Ein Bonner Möbelgeschäft, das auch heute noch existiert, soll die Wohnungseinrichtungen der Juden ersteigert haben - ohne Quittung. Der „Westdeutsche Beobachter“ soll ein letztes Mal zu Wort kommen: Manche Leute „führen gern das Wort »Menschlichkeit« im Munde und vergessen, dass es in dieser Frage nur eine Menschlichkeit gibt: Die Ausrottung der Weltpest.“

bennauer bennauer EIN UNSCHEINBARER GEDENKSTEIN erinnert in Poppelsdorf an die Synagoge und die Ereignisse im November 1938 (1978)
tempelstrasse synagoge ZUR ERINNERUNG an die frühere Tempelstrasse hat die Wörthstrasse, in der die neue Synagoge liegt, den neuen Namen erhalten (1978, 2006)
synagoge synagoge synagoge HEUTE EIN PARKPLATZ - nichts weist darauf hin, dass dort, am nördlichen Brückenlager der Kennedy-Brücke, einst Synagoge und Gemeindehaus gestanden haben (1978).
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