Troisdorf unter dem Hakenkreuz

(de schnuess, 1986)

Mord, Denunziation, Verschleppung, Einschüchterung oder Misshandlung: Während der Nazi-Herrschaft war das in der Gemeinde Troisdorf genauso Alltag wie in Bonn, Köln oder anderswo. Seit einigen Wochen liegt ein Buch vor, in dem ein erster Versuch unternommen worden ist, die 12 NS-Jahre in der Alltagsgeschichte einer rheinischen Gemeinde vorzustellen. Der Verfasser, der sich zum ersten Mal in einem Zeitungsartikel am 30.Januar 1973 mit dem Thema NS befasst hat, gibt im folgenden einen Bericht über das Buch und die Recherchen.

Die "Schutzhäftlinge"

"Hier war nichts los." - "Hier war alles ganz normal." - "Hier waren die Nazis alle zahm." - "Unterlagen? Die sind alle 1945 verbrannt." Solche, im Brustton der überzeugung vorgebrachten äusserungen von "Zeitzeugen" könnten jemanden, der gerade anfängt nachzuforschen, schier verzweifeln lassen - wenn man nicht ahnte, dass dies alles nur Schutzbehauptungen waren. Sobald man sich unverzagt und unbeeindruckt in die Archive begibt und dort hartnäckig sucht, wird man denn auch bald fündig. "Schutzhaftgefangene" steht auf Blatt 1 über den 167 Namen; "Sonder-Akten betreffend Politische Gefangene" vom 1.3.1933 bis 23.6. 1933 hat jemand auf die Akte des "Landrats-Amts des Siegkreises" geschrieben, die jetzt im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf liegt. Danach folgen noch weitere Aktenbände zum selben Thema, jeder ungefähr 500 Blatt dick. Auf Blatt 32 teilt die Troisdorfer Verwaltung dem Landrat mit, der Kommunist Paul M. sei entsprechend seiner telefonischen Anweisung am Abend des 1.März 1933 "dem Gefängnis in Siegburg zugeführt worden." Am 4.April, um 11.50 Uhr, wird Paul M. entlassen - ohne Prozess, ohne Urteil. Am 17.Juni 1933 wird er erneut verhaftet, kommt dann auch in das KZ Brauweiler, später in das Moorlager Esterwegen - bis April 1935. Nichts los? Ganz normal? Keine Akten? Mehr als 41 Troisdorfer sind 1933ff in "Schutzhaft" gewesen, teilweise nur für Stunden, manche für Monate. In dem SA-Heim, dem Privat-KZ am Stationsweg, misshandeln Troisdorfer Nazis einen jungen Mann so schwer, dass er im Sieglarer Krankenhaus an den Verletzungen stirbt.

Die Bürger

Der Nationalsozialismus war eine bürgerliche Bewegung, die NSDAP die "gewaltige Sammelpartei der Mittelschichten" (Bracher). Die alten bürgerlichen Parteien - im Rheinland das katholische "Zentrum" und die nationale DNVP - werden verunsichert, als die Nazis sie im Frühjahr 1933 ködern: "Adolf-Hitler-Strasse" und Ehrenbürgerschaften für Hindenburg und Hitler heissen die Brocken, die den Alt-Parteien hingeworfen werden; verzuckert werden sie mit dem erschauernden Pomp des "Tages von Potsdam" (21.März 1933), als in der Garnisonkirche, am Grabe des Alten Fritz, der Rumpf-Reichstag (ohne SPD und KPD) eröffnet wird; und so wird angebissen. Seit 1927 war Matthias Langen Troisdorfs Bürgermeister; und der "Bürgermeister" war damals gleichzeitig auch Gemeindedirektor, also oberster Beamter der Kommunalverwaltung. Langen, kein Nazi, muss um seinen Stuhl bangen. Deswegen ist er Mitte Februar 1933 besonders fleissig, als der neue NS-"Höhere Polizeiführer West" von ihm verlangt, die Führer der Troisdorfer KPD zu nennen; Langen nennt gleich 14, darunter einen, der schon seit Monaten untergetaucht ist. Er schlägt selber die Umbenennung der Friedrich-Ebert-Strasse in Klaus-Clemens-Strasse vor, nach jenem Nazi, der am 7.Dezember 1930 vor der (alten) Beethovenhalle erschossen worden war. Er geht schlicht nach Hause, als SA und SS die beiden jüdischen (Klein)Kaufhäuser in Troisdorf schliessen. Und er tritt am 1.Mai 1933 in die NSDAP ein. Doch zwei Wochen später gibt er auf, er bittet seine vorgesetzte Dienststelle um "Urlaub". Vermutlich war der Intrigenkampf mit seinem Stellvertreter, dem Beigeordneten St., der gleichzeitig auch Troisdorfer SA-Chef war, zu aufreibend. Ganz normal? Keine Akten? Am 29.Oktober 1946 wird Langen wieder zum Gemeindedirektor gewählt, mit allen 11 Stimmen der CDU. Und die Wähler 1933? Auf Anhieb bekommen die Troisdorfer Nazis bei der Gemeindewahl am 12.März fast 27 % (1929: 0 %) - das Zentrum aber fast 38 % (1929: 46 %); das gleiche Bild schon bei den Reichstagswahlen am 5.März 1933: NSDAP 29 %, Zentrum 42 %. Die Zentrumspartei soll - nach dem Willen der Wähler - auch im Frühjahr 1933 ein Bollwerk gegen die Nazi-Partei sein. Kurios dabei ist aber, dass es in weiten Bereichen ideologische Gemeinsamkeiten gibt: Wenn es gegen die Linke oder auch gegen die Juden geht, führt so mancher wackere Zentrumsmann - so auch der Grossvater des Verfassers - das NS-Vokabular im Munde: "... Bezeichnend ist, dass bei den staatsfeindlichen Parteien die Juden die Führung hatten und jetzt im Auslande noch weiter gegen Deutschland arbeiten ..."

Die Juden

[Alt-]Troisdorf hatte in den 30er Jahren rund 10.000 Einwohner. Am Tag der Machtübergabe 1933 wohnen in Troisdorf 37 jüdische Personen, also recht wenig; die Troisdorfer Juden hatten keine eigene Gemeinde, sondern gehörten zur Synagogengemeinde Siegburg. Sie sind kleine Leute: Metzger, Händler, Verkäufer, ein Lokomotivführer und ein Strassenbahnschaffner. Nur drei Juden wandern bis 1938 aus; die meisten bleiben, weil ihre Gemeinschaft schon seit Jahrhunderten an Verfolgung gewöhnt ist; weil ihre ganze Vorstellungskraft für den Holocaust nicht ausreicht. Einige schaffen es noch 1939, ins Ausland zu gelangen, einer sogar am 1.September, dem ersten Tag des überfalls auf Polen. Mehrere Juden haben ihr Haus noch verkaufen können, 1938/39, als ihre wirtschaftliche Not immer grösser wird. Die "arischen" Käufer nützen diese Situation aus: Alle werden nach 1945 von bundesdeutschen Gerichten dazu verurteilt, an die überlebenden Erben nachzuzahlen, in einem Fall 100 %. Ein (1) jüdisches Kind wird in diesen Jahren geboren, die Familie wandert aus und überlebt. Alle Juden, die in Troisdorf selbst, in Siegburg, Köln oder anderswo geblieben sind oder bleiben mussten, sind ermordet worden; dazu diejenigen, die nach Belgien oder in die Niederlande geflohen waren. Sie werden umgebracht: in Lodz/ Litzmannstadt oder Chelmno/Kulmhof, Minsk, Maly Trostinez bei Minsk, Theresienstadt, Oswiecim/ Auschwitz, Sobibor, Belzec. Ihr Besitz wird unter die Troisdorfer verscherbelt. 1985 tauchte eine kleine Kristallvase wieder auf, die einmal Frau Rosa Marx ("Wolfs Röschen") gehört hat. Eine Troisdorferin gibt sie Hilde Levy, Rosas Cousine, bei ihrem Besuch am 8.Mai zurück. Sechs ehemalige Troisdorfer Juden kamen damals zu Besuch in ihre Heimat - auf Einladung der Stadt Troisdorf. Eine Troisdorferin wollte nicht kommen, ihr gelang es nicht, ihrer "Verbitterung über das Schicksal meiner Eltern und meiner Glaubensgenossen Herr zu werden." Ganz normal? "Wir wissen nicht, was morgen wird; wir wissen wohl, was gestern war." (Sichrovsky)

Die Kranken

Fünf Troisdorfer werden in Hadamar ermordet, eine Troisdorferin in Meseritz- Obrawalde. Sie alle waren krank oder wurden von den ärzten z.B. der "Heil- und Pflegeanstalt Bonn" als krank eingestuft. Vermutlich waren die sechs nicht die einzigen "Euthanasie"-Opfer; die Dunkelziffer ist hoch, erst recht bei der sogenannten Unfruchtbarmachung ("Sterilisation") der leichten "Fälle" (bis 1939). Als sie den Krieg beginnen, planen die Nazis die Ermordung von 70.000 Kranken; diese Zahl wird ausdrücklich festgelegt. Als sie im August 1941 erreicht ist, wird diese Aktion beendet; die Manager und Handwerker der "Euthanasie" werden jetzt zur Vernichtung der Juden eingesetzt. Aber in den Krankenhäusern und Anstalten des Reiches wird weiter gemordet - in einem Fall bis über das Kriegsende hinaus.

Die Ausländer

Als sie den Krieg beginnen, lassen die Nazis alle Ausländer im Deutschen Reich registrieren. In Troisdorf werden registriert die italienische Familie F., die den Eissalon betreibt; die britische Haushälterin des Fabrikbesitzers Mannstaedt; der schweizerische Cafébesitzer H. und sonstige Sonderfälle. Richtig voll werden die Aktenordner (insgesamt 457 "Aufenthaltsanzeige[n] eines Ausländers" in Troisdorf), als die Deutschen ausländische Arbeitskräfte ins Reich holen: ca.400 "Fremdarbeiter" leben insgesamt zwischen 1941 und 1945 in [Alt-]Troisdorf, die meisten um die 20 Jahre alt: Franzosen, Kroaten, Polen, Russen, Serben, Ukrainer. In diesen Zahlen sind überhaupt nicht enthalten die Ausländer, die bei der Dynamit Nobel (DN), früher DAG, arbeiteten; ihre Zahl darf auf einige Hundert gleichzeitig geschätzt werden. Die DAG-Baracken standen auf dem Gebiet der Gemeinde Sieglar, und dort gibt der Bürgermeister D. 1945 den Befehl, die einschlägigen Akten zu vernichten; bis heute sind sie auch noch nicht aufgefunden worden. Bei Klöckner-Mannstaedt waren es 187 "Fremdarbeiter" insgesamt. 38 Kleinbetriebe (Metzger, Gärtner, Bauern und das katholische Krankenhaus) bedienen sich: 61 "Fremdarbeiter" sitzen dort am Familientisch - oder auch nicht. In den Betrieben werden sie geschlagen und ungenügend verpflegt; die DAG arbeitet Hand in Hand mit der Gestapo, als 3 "Ostarbeiterinnen nicht zur Arbeit erscheinen". Mehrere Russen sitzen im Winter 1944/45 in den Kellern des Kölner EL-DE-Hauses, der Gestapo-Zentrale am Appellhofplatz. Sie ritzen selber mit Bleistift in die Zellenwand, dass sie aus Troisdorf sind. In den erhaltenen Listen erscheinen sie aber nicht; also müssen sie in den DAG-Baracken gewohnt haben. Und wahrscheinlich hat sie die DAG an die Gestapo ausgeliefert. Einer von ihnen, "Tolja", ist im Garten des EL-DE-Hauses erhängt worden. Nichts los? Keine Akten? Die Unterlagen der DN sind nach deren Angaben (1986) "durch Kriegseinwirkung weitgehend vernichtet." 1966 gab es noch Karteikarten von Ostarbeiterinnen im Rentenbüro der DN.

Die Widerständler

Keine Akten. Widerstand und Sabotage sind erfolgreich, wenn die Urheber nicht entdeckt werden, ja wenn die Sabotage als solche nicht erkannt wird, d.h. also fortgesetzt werden kann. Unter diesen Umständen an Widerständler heranzukommen, ist nahezu unmöglich. Nichts los. Nun ja, was war Widerstand? Die BBC ("den Mucher Sender") unter dicken Wolldecken abhören, kann als Widerstand gelten; den "Westdeutschen Beobachter" nicht abonnieren, ebenso mit der Fronleichnamsprozession gehen. Frau De. soll geflohene Ausländer in den letzten Monaten versteckt haben; eine Overather Familie hat ein jüdisches Ehepaar aus Troisdorf versteckt. In Siegburg haben sich Soldaten geweigert, im August 1944 drei luxemburgische Geiseln am Ulrather Hof zu erschiessen, letzten Endes zwecklos. Die Eisenbahnbrücke Troisdorf-Menden flog am 23.November 1942, morgens um 1.50 Uhr, in die Luft; die Täter sind nie ermittelt worden.

Das war's. War's das?

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