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cassius florentius

Wie Cassius und Florentius nach Bonn kamen

Nichts ist gesichert über die Bonner Stadtpatrone

eine Bildschirmpräsentation zu Cassius & Florentius

"Wo also findest du die Bestätigung dafür, dass dein lahmer, von tausend Abhängigkeiten, Einflüssen, Moden, wollüstigen Begierden, Befürchtungen und Launen gefesselter Verstand klarer und erfolgreicher sei in der Erkenntnis der Ratschlüsse Gottes als die Lehre der Kirche?"
Pater Albert in: Andrzej Szczypiorski. Eine Messe für die Stadt Arras (deutsch 1979)

Einleitung

Alljährlich im Oktober feiert die Pfarrei der Bonner Münsterkirche das Fest der beiden Stadtpatrone Cassius und Florentius. Allerdings sind diese beiden Männer – im Gegensatz zur dritten Stadtpatronin, der heiligen Adelheid von Vilich – unhistorisch. Auf der Internet-Seite www.stadtpatrone.de ist vorsichtig die Rede von „eine(r) alte(n) und ehrwürdige(n) Legende aus der Zeit des frühen Christentums“, nichtsdestotrotz wird weiterhin verbreitet, u.a. auf YouTube:

Auf ähnlich töneren Füssen stehen die Legenden um die heilige Verena, angebliche Verlobte des Victor.

Die literarischen Belege

Das älteste Zeugnis zum Thema (im weitesten Sinne) ist die „Passio“ (Leidensgeschichte), die Bischof Eucherius von Lyon etwa 440 n. Chr. verfasst hat. Um 390 n. Chr. sind nämlich in Acaunus (dem späteren Saint-Maurice in der schweizerischen Diözese Martigny) die Überreste von Toten geborgen worden. Theodor, der örtliche Bischof, und sein späterer Kollege Eucherius aus Lyon erklärten sie schlichtweg zu Märtyrern; Eucherius schreibt:

(10) Cum haec talia Maximianus audisset obstinatosque in fide Christi cerneret animos virorum, desperans, gloriosam eorum constantiam posse revocari, una sententia interfici omnes decrevit et rem confici circumfusis militum agminibus iubet. Qui cum missi ad beatissimam legionem venisset, stringunt in sanctos impium ferrum, mori non recusantes vitae amore. Caedebantur itaque passim gladiis, non reclamantes saltim aut repugnantes, sed depositis armis cervices persecutoribus praebentes et iugulum percussoribus vel intectum corpus offerentes. [...]

(10) Als dies alles dem [Kaiser] Maximianus gemeldet wurde und er einsah, dass die Männer im christlichen Glauben verharrten und ihre Standhaftigkeit nicht erschüttert werden konnte, ordnete er an, dass alle getötet werden sollten und dass der Befehl von den benachbarten Einheiten ausgeführt werden sollte. Als diese zu der heiligen Legion kamen, zogen sie das gottlose Schwert gegen die Heiligen, die sich nicht beklagten und sich nicht weigerten zu sterben. Sie wurden also mit dem Schwert getötet, widerstandslos, indem sie den Henkern den Nacken darboten oder den Schlächtern die Kehle oder den unbedeckten Körper.

(13) Haec nobis tantum de numero illo martyrum conperta sunt nomina. id est beatissimorum Maurici, Exuperi, Candidi adque Victoris; cetera vero nobis quidem incognita, sed in libro vitae scribta sunt.

(13) Die folgenden sind die Namen der Märtyrer: Die Heiligen Mauritius, Ex[s]uperius, Candidus und Victor. Die Namen der übrigen sind unbekannt, aber im Buch des Lebens aufgeschrieben.

(14) Ex hac eadem legione fuisse dicuntur etiam illi martyres Ursus et Victor, quos Salodorum passos fama confirmat. Salodorum vero castrum est supra Arulam flumen neque longe a Rheno positam.1

(14) Aus derselben Legion sollen auch gewesen sein jene Märtyrer Ursus und Victor, die - so wird erzählt - bei Solothurn den Märtytertod erlitten haben. Solothurn ist ein Militärlager am Fluss Aare und nicht weit entfernt vom Rhein.

Eucherius‘ Text wimmelt von Fehlern und Ungereimtheiten, z.B.:

„Als Ergebnis bleibt festzuhalten, dass weder der historische Rahmen noch die Einzelheiten der passio einer militärgeschichtlichen Prüfung standhalten. Im wesentlichen bleibt somit das Ergebnis Denis van Berchems bestehen, dass der Legende vom Martyrium der Thebäischen Legion kein historischer Kern zu Grunde liegen kann, der sich auch nur annähernd in der beschriebenen Form abgespielt hat. Dies ist bei jedem Versuch, die passio in ihren historischen Rahmen einzuordnen, zu berücksichtigen.“ (Speidel 2005);

und:

„Aus der Passio Acaunensium martyrum des Eucherius beispielsweise lässt sich nicht als historischer Kern herausschälen, was im einzelnen in den Zeiten Maximinians und Diokletians bei Saint-Maurice passiert sei.“ (Näf 2005, 96);

und:

„Der Aussagewert der Passio [des Eucherius] bleibt aufgrund der Kenntnis um den antiken Geschichtsverlauf in der modernen Forschung umstritten.“ (Kremer 1993, 203).

Mit anderen Worten: Wenn Cassius und Florentius als Soldaten der Thebäischen Legion hingestellt werden, ist ein erster Zweifel an der Glaubwürdigkeit erlaubt.

Der nächste antike Autor ist Gregor von Tours (538 – 594 n. Chr.). In seinem Liber Miraculorum („Wunderbuch“) erzählt er ganz allgemein von „50 Thebäern“ – aber in Verbindung mit Köln:

Est apud Agripinensim urbem basilica, in qua dicuntur quinquaginta viri ex illa legione sacra Thebeorum pro Christi nomine martyrium consummasse. Et quia admirabili opere ex musivo quodam modo deaurata resplendet, Sanctos Aureos ipsam basilicam incolae vocitare voluerunt.2

Es gibt bei Köln eine Kirche, in der 50 Männer aus jener heiligen Legion der Thebäer in Christi Namen das Martyrium erlitten haben sollen. Und weil sie wegen des bewundenswerten Mosaiks gleichsam vergoldet aussieht, wollten die Einwohner jene Kirche zu den „goldenen Heiligen“ nennen.

Nunmehr sind die Thebäer in Köln getötet worden – allerdings fehlen immer noch die Namen Cassius und Florentius.

Das „Martyrologium Hieronymianum“ – eine Art Heiligenkalender aus dem 5. bis 7. Jahrhundert, das fälschlich dem hl. Hieronymus zugeschrieben wird – verheddert sich heillos in den Angaben zu den Toten (Martyrologium Hieronymianum 1894):

modern

römisch

Monat

Text

Sterbeort

MH,
Seite

Codex

10.Okt.

UI Idus

Oct[obris]

et alibi Cassi Eusebii Florentii Uictoris Agripine Mallusi cum aliis tricentos XXX

anderswo

131

Bernensis (Ende des 8. Jhdts.)

10.Okt.

UI Idus

Oct

cassi eusebi florenti uictoris agripinae mallus cum aliis CCCXXX

Köln

131

Wissenburgensis (Mitte 8. Jhdt.)

30. April

Pridie Kalendae

Maii

cassius florentius in Alexandria

Alexandria



22.Sep.

X Kal

Oct

loco Acauno nat[...] sanctorum Mauricii Exsuperii Candedi Uictoris Innocenti Uitalis cum sociis eorum VI mil[ia] VI centi sexaginta sex martyres

Acaunus

124

Bern.

08.Okt.

VIII Idus

Oct

in Gall[iae] civi[tate] coloni[ae] agrippin[ae] sancti gereon et aliorum CCCXCII

Köln

130

Epternacensis, ca. 700 n., Chr.

09.Okt.

VII Idus

Oct

in Gall[iae] civit[ate] colonie agripine nat[...] sanctorum Gereon cum sociis suis tricentorum decim et VIII martyrum quorum nomina d[ominu]s scit

Köln

130

Eptern.

09.Okt.

VII Idus

Oct

Et alibi cassi eusebi florenti iocundi agripinae depos[...] sanctorum mar[tyrum] maurorum cum aliis CCCXXX.

anderswo, Köln

130

Eptern.


Diese drei Namen - und dazu Victor - tauchen zum ersten Mal in einer "Passio Gereonis" auf, die dem Mönch Helinandus Frigidimontis3 (um 1200 n. Chr.) zugeschrieben wird - also rund 800 Jahre nach den angeblichen Märtyrertoden in Acaunus/Saint-Maurice.:

CAPUT I.

Sanctorum in fide constantia ac martyrium.

[…]

8. Cum ergo in Galliis perniciosus tumultus contra Romanum Imperium excrevisset, Maximianus apud Italiam collecto exercitu, Thebaeos milites, Mauritium, Gereonem, Victorem aliosque ejusdeim ordinis viros, jam sacramentis verae fidei et salutaris baptismatis per Hierosolymitanum antistitem initiatos, in auxilium accersivit. Qui protinus, ut erant militari virtute exercitati praeceptis imperatoriis obsequentes, singuli cum suis sequacibus armis bellicis instructi, consilio divino muniti, sese in eamdem expeditionem unanimiter contulerunt. Deinde colloquium expetentes beati Marcellini Romani pontificis, qui post beatum Petrum aposlolum vicesimus octavus, ante S. Sylvestrum, ejusdem sedis praesulem, quartus, navim sanctae Ecclesiae in mediis tempestuosi mundi jactatam fluctibus gubernabat: ab eo quomodo sub armis Romanae militiae, Christiane religionis conservanda esset innocentia, didicerunt, ejusque doctrinae perspicuam veritatem usque ad finem boni certaminis invicia fidei justitia servaverunt.

[…]

Kapitel 1.

Die Standhaftigkeit im Glauben und das Martyrium.

[…]

8. Als in Gallien ein schädlicher Aufstand gegen das römische Reich sich erhoben hatte, hat [Kaiser] Maximian in Italien ein Heer zusammengstellt und die Thebaischen Soldaten Mauritius, Gereon, Victor und anderer Männer derselben Abteilung – sie waren bereits in die Sakramente des wahren Glaubens und der seligmachenden Taufe durch den Bischof von Jerusalem eingeweiht worden – zu Hilfe. Diese begaben sich alsbald, den kaiserlichen Befehlen dem militärischen Gebrauch entsprechend folgend, einträchtig auf diesen Feldzug, ein jeder mit seinem Gefolge bewaffnet und gestärkt durch göttlichen Rat. […]


13. Haec primum apud Agauni oppidum, ubi maxima multitudo sancti resedit exercitus, agebantur. Inde praecedentium secuti vestigia repererunt primarios milites Cassium et Florentium cum septem aliis similis constantiae viris, juxta Veronam civitatem in ripa fluminis consedentes, aliosque cum eis quamplurimos, ejusdem agminis, sed non ejusdem intentionis satellites. Hos autem cum cognovissent de Orientali fuisse praesidio saevientes contra eos de professione fidei sciscitati sunt. Cumque illi nec voluntate cordis, nec sententia responsionis a superioribus discreparent, submissis capitibus in eodem loco pro Christi nomine perempti sunt.

14. Mox ad beatum Gereonem ejusque socios trecentos decem et octo …4


13. Dies geschah in Acaunum, wo der grösste Teil des heiligen Heeres lag. Von dort folgten sie den Spuren der Vorausgegangenen und fanden die angesehenen Soldaten Cassius und Florentius mit sieben anderen ähnlich standhaften Männern, die bei der Stadt Verona am Flussufer waren, und weiteren desselben Heeres, aber nicht derselben Tapferkeit. Als diese aber erkannt hatten, dass sie von der östlichen Leibgarde waren, wüteten sie gegen sie und fragten sie nach ihrem Glaubensbekenntnis aus. Und als jene weder ... noch … von den Höheren (?) abwichen, sind sie mit entblössten Häupten auf der Stelle im Namen Christi getötet worden.

14. Bald sind zu dem heiligen Gereon und seinen 318 Kameraden …

Victor kommt zweifach vor: als Victor von Solothurn, Märtyrer, bei Eucherius, und Victor von Xanten, Märtyrer, bei Helinandus - sehr merkwürdig.

Was Gereon und die anderen von der Rhone an den Rhein verschlagen hat, wird von Helinandus vage angedeutet:

"Verona" ist ein mittelalterlicher, konkurrierender Name für Bonn. Eine gewisse Verlegenheit ist dem Verfasser der "Passio Gereonis" anzumerken: Er räumt ein, dass die Männer nicht an einem einzigen Tag getötet worden sind, auch nicht an ein und demselben Platz (cap. 2 und 23)5. Der Verdacht liegt nahe, dass um 1200 n. Chr. etwas passend gemacht werden sollte, was eigentlich nicht zusammengehörte. Denn auch in Trier, an der Kirche St. Paulin, behauptet man die Gräber der Thebäischen Legion, z. B. eines „dux Thyrsus“6.

„Diese posthume »Thebäisierung« lokaler Märtyrer ist nun kein auf Turin beschränktes Phänomen, sondern findet sich auch andernorts wieder – zum Beispiel in Xanten am Niederrhein.“ (Jäggi 2005, 173).

Kremer vermutet, dass die Königin Suavegotta, Ehefrau des Frankenkönigs Theuderich I., um 520 n. Chr. den Ruf der „ruhmreichen Thebäer“ von Acaunus ins Rheingebiet gebracht hat (Kremer 1993, 207) - ihr Vater Sigismund hatte das Kloster in Acaunus/Saint-Maurice 515 n. Chr. gestiftet - vielleicht hat Suavegotta auch gleich die passenden Reliquien nach Köln gebracht.

Die "Acta Sanctorum"7, der von den Jesuiten seit 1643 aufgestellte Heiligenkalender, formulieren sehr vage:

Verosimillime sub seculi hujus finem aut sequentis initium SS. Gereon & Victor, Cassiusque item ac Florentius cum suis quique Sociis Coloniae Agrippinae & in ejus Vicinia sunt passi.

Sehr wahrscheinlich haben am Ende dieses Jahrhunderts oder zu Anfang des folgenden Jahrhunderts die heiligen Gereon, Victor, Cassius, Florentius und ihre Kameraden in Köln und in der Nachbarschaft [den Märtyrertod] erlitten.

Letztlich setzen sich die Verfasser der Acta Sanctorum über die Bedenken, dass sie wohl kaum alle an ein und demselben Tag getötet worden sein können, schlicht hinweg.

Die historischen Belege

Kurz vor 700 n. Chr. tauchen unvermittelt die Namen "Cassius" und "Florentius" in Verbindung mit Bonn auf. Ein Helmgar schenkt 691 oder 692 n. Chr. der „Basilika der Heiligen Cassius, Florentius und ihrer Kameraden“ ein Weingut am Rhein:

[…] Pro Dei intuitu vel pro mercedis augmento vel remedio animae nostrae cedimus ad basilicam sanctorum Cassii et Florentii sociorum[que] eorum sub oppido 8 Castro Bonna constructa in villa, cui vocabulum est Briubach 9 , id est super fluvium Reni vineam cum curtile vel casa et terra aratoria, silva vel prata, quantum ad ipsam curtim vel vineam pertinere videtur etc. actum publice castro Bonna sub V. Kal. Augusti anno II regnante domino nostro Clodoveo 10 rege feliciter. Signum Helmgarii, qui concessionem istam fieri rogavit. Signum Goderami. 11

[…] Im Angesicht Gottes und zur Mehrung des Lohnes oder zum Heil unserer Seele treten wir ab an die Basilika der heiligen Cassius und Florentius und ihrer Kameraden in der Vorstadt des Lagers Bonn Gebäude in jener Siedlung, die Briubach heisst, am Rhein ein Weinberg mit Hof und Haus, Ackerland, Wald und Wiese soviel wie zum Hof oder Weinberg gehört.

Geschehen öffentlich im Lager Bonn am 5. Tag vor den Kalenden des August [=28. Juli], im 2. Jahr der Regierung unseren Herrn, Königs Chlodwig III.

Unterschrift/Handzeichen des Helmgar, der diese Übertragung gewünscht hat.

Unterschrift/Handzeichen des Goderam.


Zwischen 801 und 842 heisst es in weiteren Urkunden:

… sanctorum martyrum Cassii et Florentii cum sociis suis ibidem quiescentibus …

… der heiligen Märtyrer Cassius und Florentius, die mit ihren Kameraden dort ruhen …

… ad ecclesima sanctorum martirum Cassii et Florentii …, ubi ipsi sancti martires cum sociis suis cum aliis XII corpore requisecunt …12

.. der Kirche der heiligen Märtyrer Cassius und Florentius …, wo die heiligen Märtyrer mit ihren Kameraden [und] 12 anderen ruhen …



Mit anderen Worten: Um 700 n.Chr. gibt es einen Kirchenbau, der „den heiligen Cassius und Florentius“ geweiht ist, um 800 „den heiligen Märtyrern Cassius und Florentius“.

Die archäologischen Belege

Bereits in der Spät-Latène-Zeit (190 v. Chr. bis um Christi Geburt) ist die Fläche der heutigen Bonner Innenstadt besiedelt worden; eine ubische Siedlung erstreckte sich zwischen Universität, Rhein, Münsterkirche und Josefstrasse (Gechter 2001, 59). Die römische Besiedlung begann aber etwa ab 17 v. Chr. weit im Norden zwischen Augustusring, Graurheindorfer Strasse, Rosental und Rhein. Am Ende der römischen Periode - nach 357 n. Chr. - liess Kaiser Julian Apostata das Lager Bonn (und andere Plätze am Rhein) noch einmal aufbauen und mit Speicherbauten ausstatten13. Nach der Merowingerzeit verfiel das Römerlager ("castra Bonnensia") mehr und mehr. Auch die Vorstadt („canabae“) und der römische "vicus" weit im Süden fielen in die Bedeutungslosigkeit.

Ihre Toten begruben die Ur-Bonner überwiegend an drei Stellen14: an den beiden Ausfallstrassen nach Norden (Kölnstrasse) und nach Süden (Adenauerallee), sowie im Bereich der Reuterbrücke; Bestattungen im heuten Innenstadtbereich sind überwiegend Einzelgräber. Insgesamt sind 385 Grabfunde bis heute verzeichnet. Aus dem 1. Jahrhundert finden sich nur Brandgräber, Körpergräber gibt es seit dem Mitte des 2. Jahrhunderts, sie nehmen im 3. Jahrhundert deutlich zu und überwiegen in der Folgezeit. Das älteste Körpergrab ist in der Josefstrasse gefunden worden: ein Mädchengrab mit Beigaben, etwa 225-250 n. Chr. in Ost-West-Ausrichtung. Das älteste nachweislich christliche Grab ist das eines germanischen Offiziers, das ein Christogramm (ChiRho) zeigt.

Im Münsterbereich ist das Grab 45 dem dritten Viertel des 3. Jahrhunderts zuzuordnen, die Gräber 6, 9, 11, 14, 30, 32 und 56 dem 4. Jahrhundert, Grab 32 der Mitte/2. Hälfte des 6. Jahrhunderts (Müssemeier 2004, 24). Kaiser zweifelt, ob es berechtigt ist, „auf dem Münsterplatz ein seit dem 1. Jahrhundert dicht belegtes Gräberfeld zu postulieren"; ein grosses Gräberfeld gebe es erst mit dem Bau „D“, also frühestens um 400 n. Chr. (Kaiser 1996, 486), eher im 6. Jahrhundert (Kremer 1993, 256).

Die „cella memoriae“, die in diesem Gräberfeld unter dem Münster ausgegraben wurde, hat von 260 bis 300 n. Chr. bestanden – so noch (Höroldt 1957, 37); sie „muss keineswegs mit dem Christentum in Verbindung gebracht werden.“ (Gechter 2001, 111); schärfer formuliert Kaiser: „[…] keine Anzeichen (sprechen) für eine christliche Deutung.“ (Kaiser 2001, 260), (Kremer 1993, 234 ff).

Gechter konzediert den heidnischen Ursprung der „cella“, dass aber diese Form des Totengedenkens „anfangs auch von den Christen praktiziert“ worden ist, und versucht dann einen Kompromissformel: Der Bau „D“ ist ein „möglicher Hinweis, dass auch die frühe Cella memoriae eine frühchristliche Grabkapelle sein könnte.“ (Gechter 2001, 111). Ristow datiert die Existenz der cella von 350 bis 390 n.Chr. (Ristow 2007, 151), sie war „neutral als Totenmemoria auf römischem Gräberfeld“, ein religiös motivierter Hintergrund sei nicht bewiesen.

Das Gebäude „D“ unter dem Bonner Münster ist „in ein bereits vorhandenes römisches Gräberfeld hineingebaut worden, in welchem sich vereinzelte Spuren von älteren, zerstörten Brandgräbern bestanden, die dem 4. Jahrhundert angehörten … Im allgemeinen waren sie beigabenlos.“ (Lehner/Bader 1932, 196). Zudem sind die Särge 31 und 32 mit einem Kreuz versehen, Sarg 71 mit einem Christogramm. Als Baumaterial wurden u. a. heidnische Grab- und Weihesteine wiederverwendet – der älteste ist der Stein für die Aufanischen Matronen des Quintus Vettius Severus:

MATRONIS
AVFANIABVS
Q VETTIVS SEVERVS
QVAESTOR CCAA
VOTVM SOLVIT L M
MACRINO ET CELSO COS
Den Aufanischen Matronen hat der Quintus Vettius Severus, Quaestor in Köln, dieses Weiheversprechen eingelöst, gerne und aus freien Stücken, als Macrinus und Celsus Konsuln waren (= 164 n. Chr.)

(Lehner/Bader 1932, 158)

Die Zerstörung der heidnischen Gräber bzw. ihre Zweitverwendung im Bau „D“ dürfte in das letzte Drittel des 4. Jahrhunderts fallen, als christliche Kaiser eben diese Zerstörung alles Heidentums anordneten.

Die Steinsärge 1-3, die heute in der Gruft zugänglich sind und als die Märytrergräber gelten, sind beim Bau der neuen Kirche 1060/70 „bis zu ihrer Unterkante, nicht tiefer, freigelegt worden. Ihre ursprüngliche Lage, was schon die Ausrichtung [Nord-Ost] bewies, wurde nie geändert.“ (Lehner/Bader 1932, 70). Demnach – so Lehner – galt damals diese Stelle als die Grabstätten der Märtyrer; bei der Öffnung anlässlich der Grabung 1928 fand man sie erwartungsgemäss leer.

Die cella memoriae hat bestanden in der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts, der Bau „D“ im 6. Jahrhundert: „Der sichere Nachweis romanischer Bestattungen ist für die merowingerzeitlichen Gräber in und um Bau D nicht zu erbringen […]“ und: „Eine kontinuierliche Nutzung scheint es im Umfeld der kleinen spätantiken Nekropole nicht gegeben zu haben. Die Funde setzen erst mit der Errichtung des christlichen Baus D ein.“ (Müssemeier 2004, 67). Es gibt für den Bau „D“, erbaut in der Mitte des 6. Jahrhunderts, also höchstens eine Platz-, aber keine Bau- oder gar Kultkontinuität (Ristow 2007, 155).

Im Jahre 1166 liess Erzbischof Rainald von Dassel die Gebeine der Märtyrer auf den Hochaltar des Münsters erheben:

Eodem anno Reinoldus archiepiscopus et Gerhardus prepositus Bunnensis beatissimos martires Cassium, Florentium et Mallusium 6. Non. Mai. cum inenarrabili cleri devotione et multitudine populi transtulerunt, invento sicco quidem, sed evidenti sanguine ipsorum, cum annis 973 passio ipsorum transacta fuerit.15

In demselben Jahr haben Erzbischof Rainald und der Bonner Propst Gerhard [von Are] die heiligen Märtyrer Cassius, Florentius und Mallusius am 2. Mai mit unglaublicher Ehrfurcht der Priester und einer grossen Anzahl Gläubiger erhoben, und zwar wurde erkennbar ihr Blut entdeckt, wenn auch getrocknet, da ihr Tod sich 973 Jahre vorher ereignet hat [= 193 n. Chr.]

 

Zusammengefasst

Auch unter dem Bonner Münster sind seit der römischen Kaiserzeit immer mal wieder Tote beigesetzt worden, auch wenn die Hauptbegräbnisplätze an anderen Stellen des Bonner Stadtgebiets waren. Die Begräbnissitten wechselten im Laufe der Zeit, offensichtlich gab es auch längere Pausen. Erst mit dem Bau D, d.h. ab Mitte des 6. Jahrhunderts, beginnt eine Tradition an dieser Stelle.

Es ist zu vermuten, dass jetzt – durchaus in Übereinstimmung mit der neuen, der fränkischen Elite – rückwirkend mit Hilfe der Thebäer-Legende eine Kontinuität entwickelt wird, die dem jetzt christlichen Platz eine Vorrangstellung gegenüber dem verfallenden, heidnisch-römischen Lager im Norden – inklusive Dietkirche - zuweisen soll.

Uns heutige überrascht, wie schnell diese Deutung Eingang gefunden hat in das Bewusstsein der Bevölkerung: knapp 150 Jahren später spricht Helmgar schon von einer Basilika der heiligen Cassius und Florentius. Zu diesem Zeitpunkt ist die Legendenbildung bereits abgeschlossen, spätere Autoren – wie Helinandus – schmücken nur noch das Beiwerk.

Die Heilsgeschichte lässt sich von Fakten nicht beirren, sie fügt zusammen, was zusammen gehören soll. Dass die Kirche auch in grossem Massstab bog, was nicht gerade sein durfte, beweist die konstantinische Schenkung, eine Urkundenfälschung um das Jahr 800, in der – angeblich - Kaiser Konstantin dem Papst Rom und Italien geschenkt hat. Im Vergleich dazu sind die frommen Legenden um Cassius und Florentius – ebenso wie Mauritius, Gereon und Victor – Petitessen.


Literaturverzeichnis

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Kremer, Josef. Studien zum frühen Christentum in Niedergermanien, phil.Diss. Bonn, 1993.

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Speidel, M.A. „Die Thebäische Legion und das spätrömische Heer.“ In Mauritius und die Thebäische Legion ..., Herausgeber: Wermelinger et al. Fribourg, 2005.

Wermelinger, Otto et al., Hrsg. Mauritius und die Thebäische Legion. Akten des internationalen Kolloquiums Freiburg, Saint-Maurice, Martigny. Fribourg, 2005.

Zelzer, Michaela. „Die Überlieferung der Passio.“ In Mauritius und die Thebäische Legion ..., Herausgeber: Wermelinger et al., 325 ff. Fribourg, 2005.


1 (Eucherius, Passio Acaunensium martyrum 1896, 20 ff).

2 (Gregor von Tours 1885, 530).

3 oder: Hélinand de Froidmont O.Cist., ca. 1160-1229.

4 (Helinandus 1852).

5 nach Seliger (Seliger 2005, 221) wird Gereon erst ab ca. 800 zur thebäischen Legion gezählt.

6 Eine Fälschung: (Seliger 2005, 222).

7 Acta Sanctorum: Octobris tomus quintus (Brüssel 1786): dies Decima, Index chronologicus.

8 = in der Vorstadt des Castrum Bonn (Levison).

9 = Rheinbreitbach oder Braubach (Levison).

10 = Chlodwig III. (Levison).

11 nach (Levison 1932, Nr.5).

12 nach (Lehner/Bader 1932, 76).

13 Ammianus Marcellinus, Res gestae, Bd. 18, Kap.2,4.

14 nach: (Kaiser 1996, 470 ff) und (Kaiser 2001, 223 ff), dort auch das folgende.

15 nach (Lehner/Bader 1932, 73).

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