Die Hölle auf dem Strand / „un infern sobre la sorra“

Die französischen Internierungslager von Argelès und Saint-Cyprien 1939-1940

cyprien argeles Abb. 1 und 2: Die Strände von Saint-Cyprien und Argelès (nf, 2006)

Die Strände des Roussillon: heute ist die französische Mittelmeerküste, kurz vor der spanischen Grenze, touristisch erschlossen und Urlaubsziel sonnenhungriger Einheimischer und Ausländer - vor 70 und mehr Jahren waren die breiten Sandstrände von Argelès, Saint-Cyprien und Barcarès für zehntausende Menschen ein Alptraum, und viele haben die Wochen oder Monate ihres Aufenthaltes nicht überlebt.

Erwin Brünell aus der Hippolytusstrasse 4 in Troisdorf und Alfred Meier aus Sieglar sind für ein halbes Jahr dort gewesen; Erwin Brünell wurde über Gurs und Drancy nach Auschwitz deportiert und dort am 10. August 1942 ermordet; Alfred Meier konnte fliehen und hat später sogar den Holocaust überlebt.

In den ersten Februartagen des Jahres 1939 strömen über 500.000 Männer und auch Frauen aus Spanien über die Pyrenäen nach Frankreich. Sie fliehen vor den Franco-Faschisten, die den spanischen Bürgerkrieg für sich entschieden haben - unterstützt unter anderem von Hitler-Deutschland. Diese Massenflucht benennt man nach dem spanischen Wort „Retirada“.

Die grosse Zahl der Flüchtlinge stellt die französische Regierung unter Präsident Albert Lebrun vor erhebliche Probleme. Erstens ist das Grenzland auf den Ansturm keineswegs vorbereitet und zunächst auch organisatorisch überfordert; zweitens sind die Spanienkämpfer, die im Winter über die Pässe, z.B. bei Le Perthus, marschieren, nicht erwünscht - handelt es sich doch zum grossen Teil um Männer, die - wie Ernest Hemingway, Ernst Busch oder Erich Weinert - Seite an Seite mit Kommunisten und Anarchisten für die Republik und gegen die Faschisten gekämpft haben.

Also leiten die französischen Behörden den Strom von 250.000 Menschen auf die leeren Strände von Argelès, Saint-Cyprien und Barcarès um (Recatala 1999), kleine und ärmliche Ortschaften südlich von Perpignan, in denen die Einheimischen von Landwirtschaft und Fischfang leben.

retirada retirada Abb. 3 und 4: Ankunft der ersten Flüchtlinge aus Spanien

Erich Weinert beschrieb 1960 die Ankunft im „Camp de Concentration“ von Saint-Cyprien im Januar 1939:

Die steppenartige ansteigende Küstenlandschaft (war) meilenweit von Stacheldrahtzäunen durchzogen, hinter denen es von Menschen wimmelte. Nicht weit vor uns standen links und rechts Negersoldaten, die die ankommenden Trupps durch eine Lücke im Drahtverhau schleusten.“ Sie hatten nichts zu essen und buddelten mit den Händen Gräben, in die sie sich legten, bis ein Sandsturm sie wieder hinauszwang. Für 16 Mann gab es ein Brot. (Weinert 1960, 299 ff); ähnlich auch (Allende 1986).

Das Lager in Saint-Cyprien – die „Pestbeule Frankreichs“ (Fry 1986) - bekommt von den Franzosen den offiziellen Titel „Camp de Concentration de Saint-Cyprien“, heute werden die Lager Internierungslager (Camp d'Internement) genannt. In Argelès sollen bis zu 75.000 Menschen, in Saint-Cyprien bis zu 90.000 Menschen gelebt haben. Sie hausen dicht gedrängt auf dem Sandstrand, gegen Kälte und Feuchtigkeit kaum geschützt in Holzverschlägen, notdürftig versorgt von den französischen Behörden. Im Juni 1940 z. B. erhalten sie zum Schutz gegen den feuchten Untergrund Strohmatten, die von Läusen durchsetzt sind. Bei einer Typhusepidemie im Sommer 1940 sterben mindestens 9 Menschen im Lager Saint-Cyprien und 250 Menschen im Krankenhaus St. Jean in Perpignan. Später werden Baracken auf den Sand gesetzt.

camp camp Abb. 5 und 6: erste Hütten
baraque baraque Abb. 7 und 8: Zeichnungen der Baracken

Die Gemeinde Argelès-sur-Mer hat 1999 den Flüchtlingen am Strand ein Denkmal gesetzt:
 

monolithe

monolithe
À la mémoire des 100.000 Républicains Espagnols internés dans le camp d'Argelès lors de la RETIRADA de février 1939. Leur malheur: avoir lutté pour défendre la Démocratie et la République contre le fascisme en Espagne de 1936 à 1939.
„Homme libre, souviens toi“
Zur Erinnerung an 100.000 spanische Republikaner, die im Lager von Argelès interniert waren wegen der Retirada (Flucht) vom Februar 1939. Ihr Unglück: Gekämpft zu haben für die Verteidigung der Demokratie und der Republik gegen den Faschismus in Spanien 1936-1939.
„Freier Mensch, erinnere dich!“

Seit kurzem gibt es im Parc Valmy von Argelès ein Dokumentationszentrum („Centre d’Interprétation et de Documentation sur l’Exil et la Retirada“, CIDER), das an die Spanienkämpfer erinnert.

Es folgt Phase 2: Im Sommer 1940 ist Frankreich im Krieg, nach der Kapitulation in Compiègne am 22. Juni 1940 wird Frankreich in eine von den Deutschen besetzte und in eine „freie“ Zone geteilt, die von Marschall Petain in Vichy regiert wird - unter dem Kommando von Hitler-Deutschland. Die Vichy-Regierung hat sofort alle ausländische Juden, darunter auch deutsche, die z.T. schon mehrere Jahre in Frankreich lebten, festgenommen. Etwa 5.000 von ihnen werden um den 30. Mai 1940 nach Saint-Cyprien deportiert - unter ihnen Erwin Brünell aus Troisdorf, Alfred Meier aus Sieglar oder Manfred Weil aus Köln mit seinem Vater und seinem Bruder; es sind überwiegend jüdische Männer, die in Deutschland oder Österreich geboren sind und bereits längere Zeit in Belgien oder Frankreich lebten. Aber auch politisch Verfolgte wie der frühere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Gustav Ferl oder der Schriftsteller Walter Mehring werden in Saint-Cyprien eingeliefert: Mehring war in Perpignan auf der Strasse aufgegriffen worden als Ausländer „sauf conduit“ – ohne Geleitbrief.

Erwin Brünell war in den dreissiger Jahren vor den Nazis geflohen - zunächst nach Brüssel. Dann verliert sich vorübergehend seine Spur. Erst aus Dokumenten, die im Archiv des Departements Pyrénées Atlantiques in Pau aufbewahrt werden, geht hervor, dass er in Saint-Cyprien gewesen ist. Erwin Brünells Ehefrau Alice lässt nämlich am 22. November 1940 über Vermittler anfragen, was aus ihrem Mann geworden ist, der in Block VI wohne; sie sei seit zwei Monaten ohne Nachricht von ihm. Aus dem spärlichen Schriftverkehr kann rekonstruiert werden, dass Erwin Brünell von Mai bis Oktober 1940 in Saint-Cyprien gewesen ist.

Alfred Meier aus Sieglar war ebenso nach Brüssel ausgewandert und nach Saint-Cyprien deportiert worden. Ob er Erwin Brünell in Saint-Cyprien getroffen hat, ist nicht überliefert.

Gustav Ferl ist Saint-Cyprien entkommen; er schrieb noch 1941 sinngemäss:

Wir kamen in zusammengefallenen Hütten an, halb verhungert und durchnässt, der Regen tropfte durch die undichten Holzdecke. Die Strohmatten waren nass und voller Fliegen. Wasser wurde aus zwei Meter tiefen Löchern geschöpft. 30 Männer starben in zwei Monaten. Erst als Typhus nachgewiesen wurde, wurden die Toiletten verbessert. Die französische Lagerleitung rechtfertigte ihre Untätigkeit mit der Niederlage Frankreichs und der allgemeinen Knappheit. Immerhin gab es ausreichend Früchte und Gemüse zu essen. (Ferl 1941)

Und Walter Mehring schreibt:

"Das Camp de Saint-Cyprien […] war gewiß nicht eines der ärgsten dieser Gattung. Geprügelt wurde nur gelegentlich, wenn die Wächter, verbiesterte Bauernburschen, sich gerade langweilten. Gestorben wurde an Typhus. Erschossen bei fahrlässigen Fluchtversuchen." (Mehring 1979)

Alfred Meier erkrankte an Typhus und wurde im Krankenhaus St. Louis von Perpignan behandelt. Von da aus floh er, und weil er gut französisch sprach, gelang es ihm, wenigstens eine Zeit lang unterzutauchen. Walter Mehring erhält im September 1940 auf Fürsprache des „American Rescue Committee“ in Marseille vom dortigen Chef der Fremdenpolizei ein „Permis de sejour“ (Aufenthaltserlaubnis) für zwei Monate (Voswinckel/Berninger 2005). Bitter ist es heute zu lesen, dass der unbedeutende Erwin Brünell aus dem unbedeutenden Troisdorf keine Unterstützer hatte.

Zwischen dem 28. und dem 30. Oktober 1940 sind 3.643 (nach anderen Angaben 3.870) Menschen von Saint-Cyprien nach Gurs, einem anderen Lager in den Pyrenäen, verlegt worden; ein Sturm und vier Tage Regen hatte nämlich Saint-Cyprien überschwemmt und zahlreiche Holzbaracken zerstört, die Bäche hatten aus dem Hinterland Möbel und Tierkadaver auf den Strand gespült. Zu den Deportierten gehörten Manfred Weil und Erwin Brünell: Auf die schriftliche Anfrage von Alice Brünell nach ihrem Ehemann hat jemand lapidar „Gurs“ geschrieben.

Gurs, Saint-Cyprien, Argelès, Barcarès, Pithiviers, Les Milles und viele andere Internierungslager liegen in der „freien“ Zone Frankreichs, die - noch - nicht von den Deutschen besetzt ist. Die Vichy-Regierung gibt schlicht dem Druck der Deutschen nach und liefert ihnen die jüdischen Landsleute aus. Hintergrund: Der Leiter des „Judenreferats“ in Paris, der 29jährige Theodor Dannecker, war nämlich am 18. Juli 1942 nach Gurs gekommen und hatte die Deportation angeordnet.

Manfred Weil flieht aus Gurs und kann später in Frankreich und sogar in Deutschland untertauchen, bis ihm die Flucht in die Schweiz gelingt.

Am 6. August 1942 wird in Gurs der erste von sechs Transporten mit deutschen Juden zusammengestellt: Alle Personen mit den Anfangsbuchstaben A bis M, also auch Erwin Brünell, werden auf Lastwagen verladen und zum Bahnhof Oloron-Ste-Marie gebracht; dort werden sie in einen Zug verfrachtet, der nach vier Tagen, am 10. August 1942, in Auschwitz ankommt. Eine deutsche Frau schreibt am Vorabend des Transports - ihre Karte ist im Jüdischen Museum in Berlin ausgestellt:

Mein lieber Papa ! Bitte schreibe nicht mehr hierher. Ich fahre jetzt weg [Text geschwärzt]. Schicke Dir die nächste Adresse vom Ankunftsort. Hoffentlich geht es Dir gut. Kopf hoch lieber Papa bleibe gesund anbei ein Foto. Tausend Grüsse und Küsse sendet Dir Deine Tochter Steffi.

Es kann davon ausgegangen werden, dass diese „Steffi“, genauso wie Erwin Brünell und viele andere aus dem Transport, noch am Tag der Ankunft in Auschwitz in der Gaskammer ermordet wurde.

Walter Mehring und Gustav Ferl konnten in die USA entkommen, Ferl starb 1970 in Bremen, Mehring 1981 in Zürich. Alfred Meier wurde 1942 gefasst und nach Auschwitz deportiert. Er überlebte Auschwitz und starb am 16. Februar 1980 in Baden-Baden. Manfred Weil ist 2015 94jährig gestorben und auf dem jüdischen Friedhof an der Römerstrasse beigesetzt worden.

zu den Dokumenten


Allende, Isabel. Von Liebe und Schatten. Frankfurt/Main, 1986.

Carrasco, Juan. Album - Souvenir d'exil republicain espagnol en France 1939-1945. Perpignan, 1984.

Cros, Pierre. Saint--Cyprien 1939-1945. la village, le camp, la guerre. Canet, 1991.

Ferl, Gustav. „St.Cyprien.“ Sozialistische Mitteilungen 26 (1941): 5.

Fry, Varian. Auslieferung auf Verlangen. Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1949/41. München, 1986.

Grando/Queralt/Febres. Camps de mepris. Des chemins d'exil a ceux de la resistance 1939-1945. Perpignan, 1991.

Grynberg, Anne. Les camps de la honte: les internets juifs des camps francais 1939-1944. Paris, 1991.

Kaes, Wolfgang. „Mich kriegt ihr nicht! Die abenteuerliche Odyssee des Manfred Weil.“ General-Anzeiger Bonn, Oktober 2011.

Kaes, Wolfgang. "Ich zerknirsche mich nicht." [Zum Tod von Manfred Weil]." General-Anzeiger Bonn, 16. Mai 2015.

Laharie, Claude. Le camp de Gurs 1993-1945. Pau, 1993.

Mehring, Walter. Wir müssen weiter. Fragmente aus dem Exil. Düsseldorf, 1979.

Nussbaum, Felix:  Gefangene in Saint Cyprien

Peschanski, Denis. La France des camps d'internement 1938-1946. Paris, 2002.

Recatala, Denis Fernandez. „Des Camps pour les republicain espagnols.“ le monde diplomatique, Fevrier 1999.

Stein, Louis. Par-dela l'exil et la mort. Les republicains espagnols en France. Liguge, 1981.

Villegas, J.-C. Plages d'exil - les Camps des refugies espagnols en France 1939. Nanterre, 1989.

Voswinckel/Berninger, Hrsg. Exil am Mittelmeer. Deutsche Schriftsteller in Südfrankreich 1933-1941. München: Allitera, 2005.

Weinert, Erich. Camaradas. Ein Spanienbuch. Berlin: Volk und Welt, 1960.

 

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