1983 Mai 8 Walter Jens: "Die alten Zeiten niemals zu verwinden"

Rede aus Anlaß des 50. Jahrestages der Büchervebrennung am 10. Mai 1933, gehalten am 8. Mai 1983 im Studio der Akademie der Künste Berlin

»Wir bekämpfen mit allen zu Gebote stehenden Mitteln die Träger jenes jüdischen Geistes, dessen Auswirkungen deutsches Volksbewußtsein zerstört, deutsche Tatkraft ausgemergelt, deutsche Kunst verseucht, deutschen Idealismus im Schlamme des Materialismus erstickt haben ... Wir bekämpfen die unglückseligste Hirngeburt unserer Epoche, den selbstentmannenden Pazifismus, und brandmarken ihn wegen seiner die Volkskraft zersetzenden Wirkung als Hochverrat an unserer Nation. Wir werden immer und immer wieder das wahre Wesen der sogenannten Demokratie enthüllen ... Wir laufen Sturm gegen den undeutschen Parlamentarismus, der sein Möglichstes getan hat, um das Deutsche Reich zu zertrümmern und der niemals die Tatkraft aufbringen wird, die für den Neubau des Reiches nötig ist«: Nein, das sind keine »Flammensprüche« von 1933; da wird nicht, vor dem Bücherscheiterhaufen, dem siegreichen Janhagel die Gasse geöffnet — nieder mit Juden, Pazifisten und Parlamentariern aller Couleur! —, da artikuliert sich vielmehr, 1923, zehn Jahre vor dem großen Autodafé, in einem Grundsatzpapier der Geist der militanten akademischen Rechten; da macht eine Erzfeindin der Republik von Weimar, die nationalistisch gesinnte Majorität der Studenten, deutlich, wo der Feind zu suchen sei — der Feind aller Deutschen; da bringt die Sprache zutag, wie man, sobald die Macht errungen sei, mit diesen Feinden umzuspringen gedenke.
bücher
Bundesarchiv, Bild 102-14597 / CC-BY-SA
 

Die Bücherverbrennung vom Mai 1933 hat, man kann es nicht oft genug sagen, den Charakter eines Spektakels, das — weit entfernt von Spontaneität, Improvisation und momentanem Sich-Auslassen — fünfzehn Jahre lang aufs sorgfältigste einstudiert worden war: Punkt für Punkt vorbereitet von einer republikfeindlichen Rechten, die, in akademischen Rundbriefen so gut wie in den Verlautbarungen konservativer Zeitschriften, die Steckbriefe ihrer am Tag X der Vernichtung preiszugebenden Gegner ausfertigte: und das in honorigen Gazetten, nicht im »Völkischen Beobachter«, sondern in den »Süddeutschen Monatsheften« zum Beispiel, in denen die Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse als »Stellungnahme für oder gegen die Seele, für oder gegen das Ideal, für oder gegen Gott« interpretiert wurde. Sigmund Freud, ein Mann gegen Gott: wie kurz war der Weg, der von der Brandmarkung des intellektuellen Beelzebubs zur Verbrennung des Freudschen Oeuvres führte: »Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud.«
Wie kurz auch der Weg von der Geißelung der Pazifisten, an der sich nicht zuletzt die Kirchen beteiligten (»Kardinal Faulhaber«, heißt es, wiederum in den »Süddeutschen Monatsheften«, »hat in seiner Schrift ,Waffensegen des Gottessohnes‘ die Scheinargumente moderner Pazifisten in glänzender Exegese widerlegt«) — wie kurz der Weg von der Anprangerung des »widerchristlichen«, vom »Ungeist der Aufklärung« bestimmten Pazifismus bis zur Verbrennung der Schriften Friedrich Wilhelm Foersters: ins Feuer damit — und ausgelöscht die Vorträume der Friedens-Denker von Erasmus bis Kant.
Und kurz schließlich auch — zuletzt, nein zuerst —, wie kurz der Weg von jenen Traktaten, in denen der Jude, als Inbegriff westlicher Zivilisation und Exponent des liberalen Zeitalters, vom Deutschen, dem Stellvertreter eines Zeitalters gesondert wurde, das von Helden und nicht von Händlern erfüllt sei. Ein winzig kleiner Schritt nur von der Ausgrenzung des Juden zur Verbrennung seiner Bücher, und abermals ein kleiner von der Verbrennung der Bücher zur Verbrennung der Leiber.
»Im gleichen Maße ... in dem der deutsche Wille an Schärfe und Gestalt gewinnt, wird für den Juden auch der leiseste Wahn, in Deutschland Deutscher sein zu können, unvollziehbar werden, und er wird sich vor seiner letzten Alternative sehen, die da lautet: in Deutschland entweder Jude zu sein oder nicht zu sein.« Der dies geschrieben hatte, anno 1931, ein Nationalist — nicht Nationalsozialist! —, namens Ernst Jünger, war im Geiste dabei, als am 10. Mai 1933 die Flammen in Berlin und München, Köln und Königsberg die, wie es hieß, Erzeugnisse eines »volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung«, die Werke eines Theodor Wolff und Georg Bernhard, verzehrten.
Dabei waren die konservativen Publizisten, die, mitten in der Republik, Heft für Heft jene Schriftsteller »vorgemerkt« hatten, die, als es dann so weit war, die Ehre hatten, in einem makabren, von Banausen nach Laune und Willkür zusammengestellten Reigen die Vortänzer zu spielen: Karl Marx neben Ernst Glaeser, Sigmund Freud neben Werner Hegemann, Erich Kästner neben Karl Kautsky — ein Pandämonium, von Feinden der Kultur und Gesittung erdacht, deren Totschlagelust so groß wie ihre Unbildung war. Dabeigewesen — auf der falschen Seite: der Verbrennenden und nicht der Verbrannten — sind am 10. Mai 1933 all diejenigen, die in der verhaßten Demokratie die Stunde der großen Abrechnung erträumt hatten — den Tag, an dem »gesunde« Gewalt dem »kranken« Geist das letzte Stündlein einläutete: »Ach erlebten wir den Tag« — schrieb Friedrich Georg Jünger, nach dem Erscheinen des »Zauberberg« von Thomas Mann —, »an dem sich eine junge kühne Mannschaft gegen den Zauberberg hinaufbewegte, mit Holzfälleräxten und mit diesen prachtvollen Äxten den ganzen Zauberberg in Scherben und Trümmer schlägt.« Dabei gewesen sind, am 10. Mai 1933, Deutschlands Professoren, die einem Erich Ludendorff das Ehrendoktorat verliehen, sich aber weigerten, auf einer und derselben Tribüne mit dem demokratisch gewählten Staatsoberhaupt, dem Sozialdemokraten Ebert, die Plätze zu teilen. Dabeigewesen sind die Studenten, die — ein exemplarischer Vorfall — im Jahre 1922 dafür plädierten, daß in allen klinischen Vorlesungen »die ersten vier Bankreihen nur von Studierenden germanischer Abstammung« besetzt werden dürften.
Dabeigewesen ist der akademische Mob, der demokratische Hochschullehrer bis in die Hörsäle hinein verfolgte: Die Fälle Cohn, Dehn, Gumbel, Lessing, Nasiawsky sprechen für sich.
Dabeigewesen sind nicht nur jene nationalsozialistischen Agitatoren in den Kreisen der akademischen Intelligenz, die in ihrem Hausblatt eine Sparte »vorgemerkt für später« einrichteten, in der Republikanern die Todesstrafe angedroht wurde; dabei waren, neben den nach einem Gerichtshof für abzuurteilende Demokraten verlangenden Nationalsozialisten, auch — und vor allem — jene Vertreter eines bornierten deutschen Geistes, die in der Republik den freien Geist durch rigide Gesetzesentwürfe zum Schutze konservativer Sitten- und Moral-Vorstellungen zu beschränken suchten, wo immer es ging.
Dabeigewesen sind, am Tag der Bücherverbrennung, Funktionäre der Demokratie, die den Film »Im Westen nichts Neues« verboten — eine Dokumentation, die den Krieg zeigte, wie er in Wirklichkeit war — und nationalistische Fridericus-Rex-Produktionen ungeschoren passieren ließen. Dabei, schließlich, sind am 10. Mai auch jene Schriftsteller gewesen, die am Ende der Republik von Weimar zum großen Halali bliesen: dem Endgericht, das zur Rettung des Vaterlands, gegen die verhaßten, auf den Menschheitsfrühling von 1789 anstatt auf den »heiligen Frühling« der Deutschen, den Aufbruch der Nation im August 1914, eingeschworenen Intellektuellen zu inszenieren sei: »Wir stehen im Krieg«, heißt es 1932 in der Zeitschrift »Die neue Literatur«, »in bitterster Notwehr für unsere heiligen Güter, für Wesen und Art unseres Volkes. Wir stehen ... gegenüber einer frechen, schamlosen, mörderischen Gesellschaft wurzelloser, alles vergiftender und verseuchender Literaten und Asiaten, und so bleibt uns gar nichts anderes als Kampf bis zur Vernichtung ihres oder unseres Geistes, ihrer oder unserer Art in Deutschland. Ein Miteinander, ja auch nur ein Nebeneinander ist ... heute unmöglich geworden. Fünf Gerechte in Sodom — vielleicht gibt es sie und Gott möge sich ihrer erbarmen —, aber darum muß Sodom doch mit Pech und Schwefel gereinigt werden.«
Man sieht, die Bücherverbrennung vom 10. Mai: Das war weder eine spontane Landsknechts-Aktion der aufs Zündeln und Raufen begierigen Mannschaft, noch ein vom Propagandaministerium im Stil der Reichsparteitage oder der Kundgebung zu Beginn des totalen Kriegs auskalkuliertes Spektakel: Es war vielmehr ein Fest, das sich die konservative Intelligenz, die akademische voran, zu Ehren Deutschlands gab. Ein Fest, an dem Korporationen im Wichs teilnahmen und Professoren von Rang und gelehrter Reputation vaterländische Ansprachen hielten, ein Fest, für das die Deutsche Studentenschaft — und nicht etwa der Nationalsozialistische Studentenbund — verantwortlich war: Sie hatte die Vorbereitungen getroffen, die Thesen wider den undeutschen Geist und die Flammensprüche entworfen, sie das sich über Wochen hin erstreckende nationale Festival mit dem Höhepunkt der Weihe- und Flammen-Stunde vom 10. Mai strukturiert: Minister Goebbels war nicht Gastgeber, sondern Gast, und zwar einer, mit dem sich Staat machen ließ — kein hergelaufener Plebejer, sondern ein Mann mit akademischem Grad. (Goebbels — davon war am 10. Mai die Rede freilich nicht — hatte unter der Aegide eines jüdischen Professors, Max von Waldberg, über einen erzkatholischen Dramatiker romantischer Prägung, Wilhelm von Schütz, promoviert.)
Nein, das war nicht die Stunde der SA, dieser Abend des 10. Mai, an dem im Umkreis deutscher Universitäten: unter den Augen der großen Toten (die Gebrüder Humboldt schauten zu, in Berlin), der Geist des Fortschritts, der Humanität, des Friedens, der Toleranz und — auch dies! — des Patriotismus ins Exil gejagt wurde; es war die Stunde einer Intelligenz, die nach 1848, ihre republikanische Mitgift verspielte, das Erbe der Göttinger Sieben — die Stunde einer Intelligenz, die im Kaiserreich stolz darauf war, mit ihren Universitäten, der Berliner voran, das geistige Leibregiment der Hohenzollern zu stellen; es war das Triumphfest einer societas academica, die sich, mit Ausnahme einiger verfemter Linker und einer kleinen Schar von »Vernunftrepublikanern« — Troeltsch, Meinecke und Max Weber —, im Staat von Weimar mit seiner »Steckrübenrevolution« jener heiligen Viereinigkeit verpflichtet sah, die einer ihrer Vor-Sprecher, Ernst Jünger, mit dem Diktum beschwor, daß die Rettung der Nation von der geistigen Fundierung der »vier tragenden Grundpfeiler des modernen Nationalismus« abhängig sei, dem nationalen, dem sozialen, dem kriegerischen und dem diktatorischen Gedanken. Revolutionärer, also absolut gesetzter und von der Aura einer »metaphysischen Wesenheit« umgebener Nationalismus in Verbindung mit pseudosozialistischen Vorstellungen von der Gemeinschaft der Krieger als dem Gegenorden zur Sozietät der Bürger und Zivilisten — einem Orden, der weder Argument-Austausch noch Abstimmungen kenne, sondern allein dem Wechselspiel von absoluter Befehlsgewalt und blindem Gehorsam verpflichtet sei, dem Führerprinzip als der Grund-Idee des autoritativ gegliederten Staates folgend: Diese unheilige Vierheit ist es gewesen — das magische Quadrat der revolutionären Konservativen —, die der akademischen Intelligenz den Nationalismus, ungeachtet rüder Erscheinungsformen, als eine Ideologie erscheinen ließ, die, ihrem Gehalt nach zu vorbehaltloser Identifizierung einladend, lediglich im Formalen der »Vergeistigung« durch eine Art von »nationalem Generalstab der Köpfe« bedürfe — einer Aristokratisierung jener theatralisch plumpen Momente, die zumal der Professorenschaft (den Studenten weniger) suspekt war. Wenn die gelehrte Welt etwas an der Bücherverbrennung abstieß, dann war es die Form, war die allzu unbedachte Übernahme vorgegebener Muster — ein bißchen Luther, ein bißchen Aufbruch der Burschenschaften-, aber nicht das Faktum als solches: »Am Mittwoch ist nun die große feierliche Verbrennung der undeutschen Literatur vor dem Gefallenendenkmal der Universität« — Ernst Bertram, einer der bedeutendsten deutschen Germanisten: Poet und Literaturhistoriker sui generis, an einen Vertrauten —, »man ist der Meinung, daß ich dabei nicht fehlen dürfe... ich habe noch mit großer Mühe verhindert, daß Gundolf auf die Liste kam... ursprünglich hatte man noch viel weitergehende Absichten. Den »Schandpfahl«, auf den man die jüdischen Bücher (auch Gundolf) aufspießen wollte, haben wir noch verhindert. So, glaube ich, wird die unvermeidliche Kundgebung jetzt würdig verlaufen.«
Unvermeidlich und würdig: Was nach Auschwitz und Buchenwald, nach Treblinka und Majdanek als Präludium des Holocaust erscheint — der Tötung der Geister geht die Verbrennung des Geistes voraus —, hatte anno 1933 kaum mehr als die Bedeutung eines iuvenilen Spektakels: Studenten kühlten ihr Mütchen an jener Literatur, die für sie der Inbegriff all dessen war, was sie unter »Liberalismus« verstanden — und die Professoren gaben ihr Placet dazu. (Nicht ohne Bekümmerung, wie sich versteht, wenn hier und dort ein »Gerechter« aus dem Kreis ihrer Freunde bei Sodoms Vernichtung mitverbrannt wurde.)
Der 10. Mai 1933: Das war der Tag, am dem besiegelt wurde, was in Deutschland nach 1848 längst beschlossene Sache war — der Widerruf der Aufklärung. Bücherverbrennung, das hieß: Absage an den Internationalismus der Literatur, Zurücknahme weltbürgerlicher Parolen, Aufkündigung jenes in Stellvertretung für zwei Religionsgemeinschaften zwischen Lessing und Moses Mendelssohn geschlossenen Pakts, der Deutschland die Würde einer vom Geist der Toleranz bestimmten Kulturnation gab.
10. Mai 1933: Das hieß Verrat von Rationalität und Vernunft; Preisgabe der Literatur zugunsten einer Dichtung, die keine war; Vernichtung der Kritik als eines »Geschäfts der Zersetzung«; Verhöhnung der von Hellsicht, Nüchternheit und Intellektualität bestimmten Publizistik als Inkarnation des entarteten, dem Volk entfremdeten Schrifttums: An einem Tag, in einer Stunde wurde auf den Begriff gebracht, was militante Konservative in Bismarck-Reich und Republik vorgedacht hatten; an einem Tag gewannen Schlagworte den Charakter von Flammenzeichen, wurden ideologische Leitbegriffe zu Totschlagwörtern (und sind es bis heute geblieben), feierte das Antiwestlertum der »Stillen im Lande« seinen Triumph. Während auf der Straße die Verfolgung der Vogelfreien, der Kommunisten, Sozialdemokraten, Republikaner und Juden begann, sang Bruder Innerlich das hohe Lied der Kultur (der deutschen), des Widerparts westlicher Zivilisation, beschwor — in einem Augenblick, da die Nation sich in Schläger und Geschlagene zu teilen begann — das Ideal der Gemeinschaft und mobilisierte den Geist, um dem Intellekt den Garaus zu machen.
10. Mai 1933: Das war der Tag, an dem die jeunesse doree der Nation endlich die seit langem vorbereitete Gegen-Aufklärung einläuten konnte. (»Die Aufklärung«, hatte einer der Vordenker des Nationalsozialismus, Moeller van den Bruck, 1922 geschrieben, »hat Europa entartet.«).
Am 10. Mai 1933 wurden nicht nur die Bücher einzelner Literaten, sondern die Gesetzbücher einer der Aufklärung verpflichteten Epoche mitsamt den sie prägenden Begriffen verbrannt. Liberalismus! (»Er hat«, noch einmal Moeller van den Bruck, »Kulturen untergraben und Religionen vernichtet. Er war die Selbstaufgabe der Menschheit.«) Demokratie! (Nach Houston Stewart Chamberlain die »organisierte Tyrannei.«) Parlamentarismus! (»Die seelische Aufgabe des deutschen Volkes«, so die These einer konservativen Schlüssel-Schrift, Edgar Jungs »Herrschaft der Minderwertigen«, »wird durch keinen Umstand klarer bezeichnet als durch die Übernahme fremder Staatsformen im Jahre 1919.«) Zivilisation! Gesellschaft! Auf den Scheiterhaufen damit — und zwar guten Gewissens, da es ja nicht die Plebs nationalsozialistischer Sturmabteilungen, sondern die nationale creme de la creme gewesen war, die — nachzulesen in Kurt Sontheimers Standardwerk »Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik«, auch bei Martin Greiffenhagen: »Das Dilemma des Konservatismus in Deutschland« — den Bücherverbrennern den Glauben gab, daß sie am 10. Mai eine ihr von der Elite der Nation abverlangte Pflichtaufgabe erfüllten.
Pflichterfüllung hieß: die seit 1928, am Langemarcktag der deutschen Universitäten, gegen die Linksbürger und Sozialisten formulierten Drohungen in die Tat umzusetzen. Pflichterfüllung hieß: Parolen wie die vom numerus clausus für jüdische Intellektuelle — ein Programmpunkt von 1920 — angesichts der Scheiterhaufen wortwörtlich zu nehmen. Pflichterfüllung hieß nicht auf dem Wege liberalistischer Wahlprozeduren — Schlagwort: »Der Souverän verschwindet in der Wahlzelle« —, sondern mit Hilfe jener vorherbestimmten und zugleich selbstverantworteten Aktion Politik zu betreiben (durch eine Inszenierung mit Fackelschein und heiligem Schwur), über deren Wertigkeit, wie man gelernt hatte, nicht das Stimmige einzelner Thesen, sondern der effort als solcher, das Aufbruchsgefühl und ein Tatwille befänden, der seinen Sinn in sich selbst hätte: gerechtfertigt durch seine Dynamik und nicht verpflichtet, sein Recht zu beweisen. (»Nicht wofür wir kämpfen« — ein letztes Mal Ernst Jünger — »ist das Wesentliche, sondern wie wir kämpfen.«)
Kein Zweifel, hätte man sie gefragt, die akademischen Zündler von 1933, ob sie es für rechtens hielten, Freud und Marx zu verbrennen, sie hätten, wäre ihnen, dank eines Rests verbliebener intellektueller Redlichkeit, Zweifel gekommen, mit Ernst von Salomons Sentenz aus den »Geächteten« geantwortet, daß der Marsch ins Ungewisse Sinn genug bieten könne und daß das »Tun der jungen Mannschaft vielleicht Verbrechen, niemals aber Reaktion sei.«
Nun, es war beides — Verbrechen und Reaktion: Schandtat und Ausdruck gegenaufklärerischer Geistfeindlichkeit. Man handelte, wie man’s gelernt hatte, berauschte sich — sofern man überhaupt fähig war zur Selbstreflexion — am Hochgefühl des Geistes, den Geist verraten zu haben... und sah sich, von gemeinsamer Aufbruchsstimmung getragen (in Erinnerung an den heiligen August-Frühling des Jahres 1914), in seinen Aktionen durch Institutionen bestätigt, die ihre Aufgabe, Sinn zu stiften und Werte zu setzen als Aufforderung zur Proklamation eines bornierten Nationalismus verstanden, die Universitäten voran, deren Hochschullehrerschaft sich von einem Tag zum andern zu Adolf Hitler bekannte. (»Die Charaktere der Professoren fingen an sich zu entblättern gleich den Bäumen des Herbstes bei Nachtfrost«, hatte schon Jacob Grimm seinen Kollegen ins Stammbuch geschrieben.)
Das Schauspiel von 1914 feierte, nunmehr zur Fratze entstellt, fröhliche Urständ. Spielten, wie’s der Chauvinismus der Stunde verlangte, die Gelehrten Trompete, so griff die Geistlichkeit zur Posaune — im Lutherrock so gut wie in der Soutane: Während die Evangelischen »zur Wende der Geschichte ein dankbares Ja« artikulierten (»Gott hat uns die Wende geschenkt, ihm sei Ehre«), zogen die Katholiken, vertreten durch Kardinal Faulhaber, aus solcher Wende gleich noch die Konsequenz: »Nach dem Tode Christi«, ließ der Kardinal anno 33 in einer Predigt verkünden, »wurde Israel aus dem Dienst der Offenbarung entlassen... Die Tochter Zion erhielt den Scheidebrief, und seitdem wandert der ewige Ahasver ruhelos über die Erde«: So nahm sich, zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft, die geistliche »Begleitung« der am 10. Mai 1933 mit dem Kainszeichen der Vernichtung gebrandmarkten jüdischen Autoren aus — »Zion erhielt den Scheidebrief« als kirchliches Echo antisemitischer Flammen-Parolen!
Nein, Verbündete — Freunde gar — hatten die am 10. Mai an den Pranger gestellten Schriftsteller so wenig wie jene Autoren, denen ex officio in den Spalten des „Börsenblatts für den Deutschen Buchhandel“ bescheinigt wurde, daß ihre Werke fortan unter die Rubrik »unerwünschtes Schrifttum« fielen und sie selbst, von seiten nationaler Bibliothekare, einer von dreien eigens für sie geschaffenen Gruppen zugeordnet würden: »Gruppe 1«, heißt es im Börsenblatt vom 16. Mai, »fällt der Vernichtung (Autodafé) anheim, z.B. Remarque. Gruppe 2 kommt in den Giftschrank, z.B. Lenin, Marx. Gruppe 3 enthält die zweifelhaften Fälle, die eingehend zu prüfen sind, ob später zu Gruppe 1 oder 2 gehörig, z.B. Traven.«
Säuberung in Etappen lautete die Parole: Dem Aktionismus der Studenten entsprach — weniger dramatisch, dafür wirkungsvoller — die bürokratische Epuration der Bibliothekare: Was am Anfang nur für zwölf Schriftsteller galt, von Lion Feuchtwanger bis Arnold Zweig, hatte binnen weniger Jahre Gültigkeit für deren Tausende: »Der Vorstand des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler ist sich mit der Reichsleitung des Kampfbundes für deutsche Kultur und der Zentralstelle für das deutsche Bibliothekswesen darin einig geworden, daß die zwölf Schriftsteller« — es folgen die Namen — »für das deutsche Ansehen als schädigend zu erachten sind. Der Vorstand erwartet, daß der Buchhandel die Werke dieser Schriftsteller nicht weiter verbreitet. Leipzig, den 11. Mai 1933. Der Gesamtvorstand des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig«. Mit diesen Worten wurde der Exodus von, nehmt alles in allem, neun Zehnteln — wenn nicht mehr — der deutschen Literatur eingeläutet.
Neben Teilen der organisierten Arbeiterschaft waren — hohe Ehre für die Vertriebenen, Verpflichtung für ihre Nachfahren — die Schriftsteller die einzigen, die den Nationalsozialisten gegenüber in toto Würde bewahrten. Taten sie es nicht wie unter den Poeten von Rang allein Gottfried Benn und Gerhart Hauptmann —, dann wurde von Seiten der Exilierten, hier durch Klaus Mann und dort durch Alfred Kerr, das Tuch zwischen den Verrätern und den Verjagten in einer Weise zerschnitten, mit alttestamentarischen Flüchen, einem »Nicht gedacht soll seiner werden« und einer Kraft des Brandmarkens, die verdeutlicht, daß hier Einzelne — Isolierte, über die Welt Zerstreute — jene Identität von Moral und Kunstfertigkeit vorlebten, die, unter widrigsten Bedingungen glaubhaft praktiziert, den Autoren das Recht gab, Institutionen wie den Universitäten und Kirchen den Spiegel vorzuhalten: den Spiegel der Wahrheit, der Schande.
Hüben die organisierte Arbeiterschaft, drüben, von Linksbürgern, libertären Sozialisten und Radikaldemokraten bestimmt, die Phalanx von Schriftstellern, die für würdig befunden wurden, den Nationalsozialisten als nur durchs Feuer zu besiegende Feinde zu gelten: Da wird, im Zeichen der Niederlage, noch einmal jene Verbindung zwischen den beiden Lagern der republikanischen Avantgarde sichtbar, die vor allen anderen Heinrich und — später! — Thomas Mann wieder und wieder beschworen haben — beschworen im Appell an die Sozialdemokratie, das von der Bourgeoisie preisgegebene Vermächtnis der Aufklärung in Hegelscher Manier aufzuheben: zu bewahren und, als Besitz für jedermann, auf einer höheren Stufe neu zu gewinnen.
Ein vergeblicher Versuch; vergeblich und, dank einer konservativen Fronde, die sich fünfzehn Jahre lang auf die kommende Abrechnung mit den Advokaten des »Systems« von Weimar vorbereitete, eher illusionär als realistisch. Was blieb, war Einsicht, Erkenntnis gesetzter Grenzen, Wissen um die Kraft der Literatur, die sich am sichtbarsten in der Ohnmacht bewährt, und das Behaupten von Humanität im Exil: wo immer es sich befand. (Auch Ricarda Huch — diese Einzige zumindest — hat, wiewohl in Deutschland bleibend, das Exil mit den Vertriebenen geteilt.)
»Die deutschen Schriftsteller«, so Klaus Manns Resume, »es darf mit Genugtuung konstatiert werden, haben sich im Jahre 1933 besser bewährt als irgendeine andere Berufsklasse. Die Zahl derer, die sich ... korrumpieren ließen, ist... gering, verglichen mit der... Liste gleichgeschalteter Philosophen, Historiker, Juristen, Ärzte, Musiker, Schauspieler, Maler, Pädagogen. Die weitaus meisten Autoren stellten sich sofort und aufs entschiedenste gegen eine Diktatur, an deren zutiefst geistfeindlichem Charakter für einen Klarsichtigen kein Zweifel bestehen konnte. Ein Massenexodus der Dichter setzte ein; noch nie zuvor in der Geschichte hat eine Nation so viele ihrer literarischen Repräsentanten eingebüßt ... Die literarische Emigration konnte sich sehen lassen; in ihren Reihen gab es Ruhm, Talent, kämpferischen Elan. Während die Parteifunktionäre sich zankten, hielten die Schriftsteller zusammen; man wußte, was man wollte; die Forderung des Tages erschien klar vorgezeichnet.«
Respekt den Vertriebenen; Respekt der anti-, der nichtfaschistischen Literatur unseres Landes, in deren Namen der große Alfred Kerr seinem Freund und bewunderten Weggefährten, dem Dichter Gerhart Hauptmann, nach dessen Sündenfall im Jahre 1933, zurief: »Hauptmann, Gerhart, ist ehrlos geworden... Sein Andenken soll verscharrt sein unter Disteln; sein Bild begraben im Staub.«
Nun, Hauptmanns Andenken ist nicht verscharrt, sein Bild nicht begraben im Staub — und das ist gut; gut, weil dem Verbrennen von Büchern weder durch Vergessen noch durch Verscharren, sondern allein durchs Eingedenken der Literatur Paroli geboten werden kann.
Wenn etwas die Besonderheit der Poesie ausmacht, dann dies: daß sie nicht tilgt, sondern bewahrt, nicht richtet, aber auch nicht vergißt. Ihre wichtigste Mitgift ist das Gedächtnis, und darum ist es ihre Aufgabe, gerade an einem Tag wie diesem daran zu erinnern, wie wenig wir immer noch von den Vertriebenen wissen, ihren Lebensumständen im Exil, ihrem literarischen Vermächtnis, der Botschaft, die sie uns, von irgendwoher, kassiberähnlich wollten zukommen lassen ... wie wenig von Schriftstellern, deren Schicksal es war, daß ihnen — nach einem berühmten, aber wenig bedachten Wort — die Fremde nicht Heimat wurde, aber die Heimat Fremde.

Machen wir uns nichts vor, am Ende, wir Schriftsteller in der Bundesrepublik und hier im Westen Berlins: Wir leben in einem Land, in dem Autoren, die einmal den Nationalsozialismus hoffähig machten, hochgeachtet und dekoriert sind, während die Namen unzähliger Exiliierter kaum mehr als Schall sind und Rauch. Wer kennt Armin T. Wegner, wer selbst Alfred Kantorowicz, der sich nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus als erster um die Eingemeindung der Exilliteratur mühte: bestrebt, Hitlers Ziel, die deutsche Kultur zu zerschlagen, Schritt für Schritt rückgängig zu machen — eine Aufgabe, die auch heute, fünfzig Jahre danach, immer noch Postulat bleibt; denn er hat nicht Eingang gefunden in unsere Schulbücher, der Geist der verbotenen und verbrannten Bücher von zweitausend Gerechten, der Geist von Kantorowicz’ im Exil gesammelter Freiheitsbibliothek.
Wir leben in einem Land, das von Hindenburg-Alleen wimmelt, allenfalls in den Vorstädten Kurt-Tucholsky-Gäßchen hat und sich zu gut dafür war, zwei Hochschulen nach Emigranten, einem Juden, der im Exil starb, und einem im Konzentrationslager Malträtierten, nach Heinrich Heine und Carl von Ossietzky, zu benennen.
Wir leben in einem Land, in dem man Schriftsteller — zum zweiten Mal! — mit Ungeziefer verglichen und sie in einer Schanddokumentation als Wegbereiter des Terrorismus an den Pranger gestellt hat, in einem Land, wo — einerlei, ob aus Ignoranz oder skrupelloser Wiederholung von Totschlagvokabeln — das Wort »Entartung« — »Afterkultur!« — erneut die Runde macht. An einem Tag, wo, wie am 10. Mai, sinnfällig wird, wie klein der Schritt vom Inkriminieren zum Vernichten, von der Androhung der Exekution zur Exekution selbst ist, sollte es nicht überflüssig sein, Politiker und Publizisten an die Vernichtungspotenz von Vokabeln zu erinnern, deren Sprengkraft sich schon einmal erwies.
Wir leben in einem Land, in dem, wie in den zwanziger Jahren, von seiten der Konservativen danach gerufen wird, daß endlich wieder alte deutsche Tugenden, Fleiß und Treue, Arbeitswilligkeit und Disziplin, Heimat- und Vaterlandsliebe ins Spiel gebracht werden sollen. Da wird es hohe Zeit, daß gerade die Schriftsteller, diese Partisanen der Besiegten und Opfer, die sich selbst aufgeben, wenn sie zu Spießgesellen der Macht werden ... da wird es Zeit für die Erinnerungshüter, die Politiker daran zu erinnern, daß, im Gegensatz zur konservativen Tugendlehre, die »Werte« als solche — nicht gesellschaftsbezogen und unbestimmt in ihrem Wohin — überhaupt nichts bedeuten: Ehre und Treue! Die kann sich in verpflichtender Arbeit mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft bewähren — und, den Gesetzen einer autoritären Staatsführung folgend, auch im Kampf gegen sie. (Der Wahlspruch der SS: »Deine Ehre heißt Treue!«) Fleiß und Arbeitswilligkeit können dienen, eine humane Welt aufbauen zu helfen, aber sie sind, wie wir erlebt haben, ebenso dienlich, ein KZ zu errichten: Nicht zuletzt die Schriftsteller mußten erfahren, was es bedeutet, Opfer deutscher Disziplin und deutschen Fleißes zu werden.
Endlich ein letztes: Wir leben in einem Land, in dem Hitler immer noch die Kassen füllt, während exiliierte Schriftsteller aus aller Welt, die bei uns Zuflucht gesucht haben, elendig dahinvegetierten. Ich denke, sie haben einen Anspruch darauf, von uns so behandelt zu werden wie vor fünfzig Jahren in den Vereinigten Staaten und anderswo vertriebene deutsche Autoren behandelt worden sind: hilfreich und solidarisch.
Auch daran gilt es heute zu denken — dies gerade uns, den deutschen Autoren ins Stammbuch! Wir wissen, was es, mit Martin Walser zu reden, für einen Schriftsteller heißt, zwei Vaterländer: also weniger als eines zu haben und sind darum, vor allen andern, verpflichtet, ein Land zu werden, das den Asylanten freundlich ist.
Ein Land, in dem einmal die Scheiterhaufen brannten: zuerst für Bücher und dann für Menschen bestimmt — dies Land sähe sich eines Tages durch keine Auszeichnung mehr als durch die Worte geehrt: Jedermann guten Willens war hier willkommen. Die Bürger hatten aus der Geschichte gelernt.

zurück   established 2013 Valid XHTML 1.0 Transitional