Heidenau - seine Geschichte

(zuerst gekürzt im General-Anzeiger Bonn, Ausgabe Siegburg, 1990)

Wer heute durch Troisdorfs Partnergemeinde Heidenau geht und die Augen offen hält, ahnt, dass diese sächsische Industriestadt eine Vergangenheit hat, die von der der kleinen rheinischen Landgemeinde doch sehr verschieden ist. Davon können die alten Industrieanlagen, aber auch die Namen mancher Strassen und öffentlichen Einrichtungen erzählen.

Heidenau, zwischen Dresden und Pirna an der Elbe gelegen, wird 1347 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, dürfte aber beträchtlich älter sein; die Namen der beiden Nachbarsiedlungen Mügeln und Gommern - heute Ortsteile von Heidenau - sind sorbischen Ursprungs; und Sorben siedelten im Elbtal seit dem 6.Jahrhundert.

In den folgenden Jahrhunderten teilt Heidenau immer wieder das Schicksal vieler anderer Dörfer Deutschlands: Kriege, Abgaben, Plünderungen. So z.B. wurde es 1460 von dem Raubritter Hans von Clumme, der auf der Burg Wehlen sass, ausgeplündert; 1639, im 30jährigen Krieg, fielen die Schweden über das Dorf her; im zweiten Schlesischen Krieg (Winter 1744) schleppten die im Freien kampierenden preussischen Truppen alles Brennbare aus dem Dorf. Und während der Befreiungskriege (Herbst 1813) lag der gesamte Kreis Pirna mehrfach im Kampfgebiet der Franzosen und ihrer Feinde.

1813 war auch das Ende des Barockgartens in Gross-Sedlitz. Knapp 100 Jahre zuvor war er vom sächsischen Kurfürsten begonnen worden; berühmt war er weniger wegen seiner Grösse - er blieb aus Kostengründen auf ein Sechstel der ursprünglichen Anlage beschränkt -, als vielmehr wegen der vielfältigen Wasseranlagen, deren Zuflüsse in jenem Jahr 1813 zerstört wurden.

Der grosse Aufschwung kommt für Heidenau mit der Industrialisierung gegen Ende des vorigen Jahrhunderts. In der Nähe des Bahnhofs entstand 1870 die erste Fabrik Heidenaus, eine chemische Fabrik, die aber nur wenige Jahre existierte. 1886 wurde die Kunstdruck-Papierfabrik Krause & Baumann gegründet, 1892 die Heidenauer Papierfabrik; beide bildeten nach 1949 den VEB Vereinigte Papierfabriken. In dem Rockstroh-Werk AG wurden ab 1897 Druckmaschinen hergestellt (später VEB Druckmaschinen Victoria). Es folgen u.a.

In diese Jahre fällt natürlich auch der Beginn der Arbeiterbewegung in Heidenau: 1897 wird im heutigen Ortsteil Mügeln die SPD gegründet; am 19.Februar 1919 wird die Ortsgruppe Mügeln-Heidenau-Dohna der KPD gegründet. Bei den Gemeinderatswahlen am 13.Januar 1924 entfallen auf SPD und KPD in den seit 1920 zusammengeschlossenen Gemeinden Heidenau, Mügeln und Gommern 4.342 von 6.883 gültigen Stimmen, d.h. 63 %.

Nur wenig später, am 1.April 1924, wird Heidenau Stadt. Zu der Zeit war das 1921 begonnene "Luft- und Schwimmbad" bereits fertig, es wird nach dem SPD-Abgeordneten im sächsischen Landtag und späteren Wirtschaftsminister Albert Schwarz benannt. 1926 beginnen die Heidenauer mit dem Bau des Stadions und der Radrennbahn ("Max-Leupold-Stadion"). In der Weltwirtschaftskrise seit 1929 - Heidenau hatte inzwischen über 16.000 Einwohner - wurden 3.300 Arbeitslose (1932) registriert.

Nach dem 30.Januar 1933 - Hitler wird zum Reichskanzler ernannt - rollt die Verhaftungswelle in der "roten Hochburg" Heidenau. Es wurden 161 Arbeiter "mit anderen aufrechten Kämpfern gegen den Faschismus" verhaftet, heisst es in einer Broschüre aus dem Jahre 1978, die das Leid und die Verdienste der Kommunisten noch höher veranschlagt als die anderer Personen. Bei der letzten, noch halbwegs legalen Reichstagswahl vom 5.März 1933 erhält die KPD in Heidenau 3.685, die SPD 3.044 und die NSDAP 2.811 Stimmen; in der gesamten Amtshauptmannschaft (=Kreis) Pirna lauten die Zahlen: KPD 23.648, SPD 27.333, NSDAP 43.105. Bei dieser Wahl erhalten in Alt-Troisdorf (ca.10.000 Einwohner) die KPD 543 (= 9,5%), die SPD 734 (= 12,9%) und die NSDAP 1.663 (= 29,1%) Stimmen.

In Heidenau werden jetzt fast alle Stadtverordneten der KPD und SPD in die sogenannte "Schutzhaft" genommen. Die SPD-Verordnete Marie Otto (Jahrgang 1898) kann für ihre Fraktion im Rumpf-Stadtrat noch eine Protesterklärung verlesen: "Weiterhin erhebe ich ganz entschieden Einspruch dagegen, dass die Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion durch willkürliche und durch nichts begründete Inschutzhaftnahme verhindert werden, ihre Tätigkeit als Stadtverordnete im Interesse ihrer Wähler und der Stadt selbst auszuüben", dann wird auch sie verhaftet.

Jetzt beginnt der Naziterror. Das wahrscheinlich erste Opfer ist Fritz Gumpert (Jahrgang 1892), ehemals Vorsitzender des Rot-Frontkämpfer-Bundes in Heidenau. Gumpert wird im März 1933 verhaftet, kommt zunächst in das KZ Hohnstein, eine ehemalige Jugendburg, heute wieder Jugendherberge mitten in der sächsischen Schweiz; anschliessend wird er mit vielen anderen in das KZ Königstein-Halbestadt verschleppt, ein Haus der Naturfreunde am Elbeufer, gegenüber der Festung Königstein und unterhalb des Liliensteins. Hier wird - nach Augenzeugenberichten - Gumpert am 23.April 1933 von der SA buchstäblich zu Tode getrampelt. In der Gedenkstätte in Hohnstein kann man nachlesen, wie entsetzt die Angehörigen waren, als sie die von Stiefeltritten entstellte Leiche sahen. Bei seiner Beerdigung auf dem Friedhof in Heidenau-Süd am 28.April 1933 erscheinen rund 3.000 Menschen. In den nächsten Jahren sterben in der Haft oder an den Folgen der Haft:

Am Ende des Krieges sterben im KZ, auf einem Todesmarsch oder an den Folgen der Haft:

Ob diese Namenslisten vollständig sind, konnte nicht geprüft werden.

Der Widerstand gegen die Nazis war an der oberen Elbe sehr aktiv. Begünstigt durch die Nähe zur Tschechoslowakei und durch das teilweise unwegsame Elbsandsteingebirge halten sich konspirative Zirkel lange. Genossen werden in die und aus der Tschechoslowakei durchs Gebirge geschleust, ebenso Informationen, sei es mündlich oder auf Flugblättern oder als Literatur, z.B. das "Braunbuch über den Reichstagsbrand und den Hitlerterror", die "Arbeiter-Illustrierte-Zeitung", die "Rote Fahne" der KPD und andere Druckerzeugnisse. In dem Felsgewirr des "Satanskopfes" arbeitet lange eine illegale Druckerei der "Vereinigten Kletterabteilung" (VKA) Dresden, bekannt auch unter der Bezeichnung "Rote Bergsteiger". Die Schreibmaschine und ein Vervielfältigungsapparat sind in Segeltuch verpackt und in einer Höhle versteckt.

Auf diesem Weg gelangen auch 16 Fotos von der Leiche Fritz Gumperts ins Ausland. Rudolf Nesajda, Vorsitzender der Arbeiterfotografen von Heidenau, hatte den verstümmelten Körper in der Friedhofshalle Heidenau fotografiert; der Bergsteiger Kurt Hartmann bringt die Fotos über die Grenze nach Tyssa/ Tisa.

Schon am 5.März 1933 befestigt der Kommunist Oskar Feistkorn am Schornstein der Fa. Saupe eine rote Fahne und sägt anschliessend die Steigeisen ab.

"Während sich die Führung der KPD-Ortsgruppe Heidenau [im Juli 1933] in Haft befindet, arbeitet der illegale Instrukteur der Unterbezirksleitung Max Richter (Sonnenschein) mit dem Genossen Walter Wagner aus Heidenau zusammen. Die von Walter Wagner geleitete Parteiorganisation vertreibt illegale Druckschriften, kassiert Beiträge und führt Geldsammlungen durch. Als Kassierer fungiert Arthur Schöpfer, und Herbert Graf beschafft illegale Literatur, u.a. »Der Gegenangriff«. "

heisst es in einer von der SED 1983 herausgegebenen Chronik des Widerstandes im Kreis Pirna. Und weiter:

"Die Kommunisten Charlotte Schemmel [...] und Herbert Graf schreiben und vervielfältigen auf dem Boden des Hauses Mühlenstr.19 [in dem Schemmels wohnten, d.Vf.] Flugblätter und den »Heidenauer Beobachter«. Herbert Graf unterhält Verbindung zu dem Dresdner Genossen Heinz Aurich."

Die meisten von ihnen werden am 3.November 1933 verhaftet. Am 9.September 1935 wird auch der Sozialdemokrat Arthur Feustel wegen Kuriertätigkeit nach der Tschechoslowakei verhaftet, am 5.April bereits Max Kluge (SPD), weil er die Freidenkerorganisation weiter geführt hat. Inwieweit andere Personengruppen von den Nazis verfolgt wurden oder ihnen Widerstand geleistet haben, lässt sich an Hand des bisher verfügbaren Materials nur schwer ermitteln. Erwähnt wird,

Mit dem Krieg und dem fortschreitenden NS-Terror verändern sich auch die "Straftaten": 1942 werden Heidenauer wegen Abhörens ausländischer Sender zu jahrelangen Zuchthausstrafen verurteilt. Hinzukommt noch ein weiteres "Delikt": Unterstützung Kriegsgefangener, zumeist sowjetischer.

In der Fa. Lehmann versorgt der parteilose Schlosser Kurt Poschberger ukrainische Zwangsarbeiterinnen mit Lebensmitteln, ohne entdeckt zu werden;

steht in jener schon erwähnten Chronik zu lesen. Am 28.Januar 1945 rollt ein Zug, auf der Fahrt von der tschechischen Grenze nach Dresden, durch Heidenau. In den offenen Güterwaggons stehen aneinandergepresst KZ-Häftlinge, die nach Oranienburg geschafft werden sollen:

"Trotz eisiger Kälte nur in dünnen Sträflingskleidern, waren die Männer und Frauen schutzlos dem Wetter und dem Hunger preisgegeben. [...] Auf der Strecke Schöna [an der deutsch-tschechischen Grenze, d.Vf.] bis Heidenau las man hinterher 17 Tote auf, steif gefroren, mit Schnee bedeckt, meist mit nacktem Oberkörper. Sie waren unterwegs vor Schwäche und Kälte gestorben. Die Überlebenden hatten sich nicht anders helfen können, als die Toten während der Fahrt aus dem Zug zu werfen. Vorher nahmen sie ihre Jacken, um sich vor der grimmigen Kälte zu schützen. In Heidenau sollte es endlich Verpflegung geben. Sie bestand aber nur aus warmem Wasser."

berichtet eine Broschüre des Kreises Pirna 1969 über das Ereignis.

Nach dem 20.Juli 1944 wurden in ganz Deutschland noch einmal Tausende von NS-Gegnern verhaftet, in Heidenau u.a. Bruno Gleissberg (KPD), Richard Göpfert (SPD), Max Leupold (KPD), Marie Maska geb. Otto (SPD), Robert Müller (KPD), Arthur Pfeifer (KPD), Arthur Schreiber (SPD) und Robert Senf (KPD). Während die meisten nach einiger Zeit aus der Pirnaer Fronfeste entlassen werden, verschleppen die Nazis Arthur Pfeifer und Robert Senf nach Bergen-Belsen. Dort wird auch Alwin Höntzsch (KPD) ermordet.

Marie Maska, die engagierte Marie Otto von 1933, beschreibt 1977 in ihren Erinnerungen als Resultat der Haft in Pirna:

"Hier wurde der Gedanke der Vereinigung der Arbeiterparteien immer stärker. Wir waren beseelt und überzeugt, dass der Zusammenbruch des Faschismus sehr nahe war und dass die Arbeiterklasse in Zukunft gemeinsam handeln müsse. [...] Der Wille zur Einheit der Arbeiterklasse war geboren."

Das Ende der NS-Zeit kam für das obere Elbtal erst am 8.Mai 1945, dem Tag der Kapitulation: mittags gegen 13.30 rückte die Rote Armee in Heidenau ein. Sie setzte Bruno Gleissberg als Bürgermeister ein, Max Leupold als seinen Stellvertreter und Albert Kaden als Chef des Elbtalwerkes. Der Betrieb stellte zunächst Fahrradgepäckträger, Glühzünder, Ladegeräte, Fruchtpressen, elektrische Backröhren u.a. her. In der Fa. Lehmann wurden jetzt aus Kartuschenhülsen Eimer und Töpfe gemacht. Bei Hänig & Co., ehemals Kupfer- und Kesselschmiede, produzierte man jetzt Sparöfen, Schlitten und Fruchtpressen, später Maschinen für die Fruchtindustrie und die chemische Industrie. Die Spritz- und Pressgiesserei nahm 1945 mit 23 Arbeitern den Betrieb wieder auf, die Produktliste: Garderobe- und Huthaken, Schlüssel, Tür- und Fenstergriffe, Löffel und ähnliches. Bei Seidel & Naumann sah es ähnlich aus: Kochplatten, Tiegel, Bratpfannen, Gussteile für Schreib- und Nähmaschinen. Bis auf eine Ausnahme wurden alle diese Betreibe enteignet.

Die beiden alten Schulen, Pestalozzi-Schule und Goethe-Schule, hatten kriegsbedingt den Unterricht in den letzten Wochen eingestellt. Im Sommer 1945 wird der Lehrer Paul Scheller (KPD) Schulbeauftragter in Heidenau; er setzt die Oberlehrer Karl Böhme und Otto Pötzschke als Schulleiter in der Goethe-Schule bzw. Pestalozzi-Schule ein. 1946 beschliesst das Land Sachsen die Schaffung der Einheitsschule.

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