Kohoutek erinnert an eine Himmelserscheinung, die 1910 Aufsehen erregte

Komet machte die Kölner jeck

Ballmotto: Ein Weltuntergang unter Palmen

(Kölner Stadt-Anzeiger, 03.01.1974)

Wenn die etwa kleinlauter gewordenen Angaben der Fachleute stimmen, könnte morgen oder übermorgen Abend der Komet „Kohoutek“ erstmals über dem Horizont sichtbar werden. Keinesfalls aber wird er das gleiche Aufsehen erregen, wie 1910 sein berühmter Vorgänger, der „Halleysche Komet“, der auch die Kölner nicht ruhig schlafen liess und im Mai eine Art Karnevalstreiben auslöste.

kohoutek

"Kohoutek", am 11.01.1974 aufgenommen vom Catalina Observatorium in Arizona. (Quelle: NASA/Wikipedia)

Der Komet „Kohoutek“, benannt nach seinem Entdecker, dem Hamburger Astronomen Lubos Kohoutek, der ihn am 7. März dieses Jahres [1973] als erster am Himmel aufspürte, soll bis Anfang Februar für irdische Betrachter sichtbar sein. Die Himmelsforscher wollen ihm mit beträchtlichem Forschungsaufwand zu Leibe rücken, unter anderem mit Photos von Skylab 3, Raumsonden und Forschungsflugzeugen. Auch neugierige Laiensterngucker sollen auf ihre Kosten kommen: am 9.Dezember war das Luxusschiff „Queen Elizabeth 2“ von New York aus mit erlesenen Passagieren auf den Atlantik ausgelaufen; jedoch der Komet zeigte sich noch nicht.
Einen vergleichbaren Aufwand verursachte zuletzt der Halleysche Komet, der im M ai 1910 wieder einmal ins Blickfeld der Irdischen rückte. Hatte noch Martin Luther am 18. August 1531, als erneut ein Komet die Erdenbewohner schreckte und an Seuchen, Pest und Weltuntergang denken liess, an einen Freund geschrieben: „Er bedeutet nichts Gutes!“, so nahmen 380 Jahre später manche Kölner das Ereignis von der humoristischen Seite:
Zwei besonders witzige Zeitgenossen stellten sich – wie der „Kölner Local-Anzeiger“ am 19. Mai meldete – mit zwei Ofenrohren, eins davon mit Goldbronze bestrichen, auf die Schildergasse und liessen ihre Mitbürger in diese Röhren gucken, bis die Polizei einschritt, um dem Unfug ein Ende zu bereiten. Die Riesenrohre hätten auch nicht viel genützt, den in ganz Europa war zu der kritischen Zeit (4:22 bis 5:11 Uhr am frühen Morgen des 19. Mai) die Witterung „bewölkt, mit Regen windig, kühler“, wie die „Rheinische Volksstimme“ vorhersagte.
So blieb denn auch der Komet in jener Nacht zumindest in Europa unsichtbar, obwohl er mit einem Schweif von 30 Millionen Kilometern Länge in einer Entfernung von nur 3,16 Millionen Kilometern an der Erde vorbeizog.
Alle die Kölner, die in der Nacht mit Fernrohren, Feldstechern und Operngläsern ausgerüstet auf den Ringstrassen, die Exerzierplätze, Rheinpromenaden und die Südbrücke gezogen waren, mussten vorerst unverrichteter Dinge heimkehren – oder in einer der zahlreichen Wirtschaften die Enttäuschung herunterspülen: Extra wegen des Kometen war die Polizeistunde aufgehoben worden.
Nach dem Vorbilder der Pariser, die in der berühmten „Moulin de la Galette“ feierten, gingen die Kölner zum „Kometenfest“ in die Flora. Das Programm ist in der „Rheinischen Volksstimme“ überliefert:
„1. Teil: Henkersmahlzeit an reservierten Tischen; letztes Konzert des Flora-Orchesters vor dem Weltuntergang, Fackelpolonaise durch den Park zur Betrachtung des herannahenden Kometen. Ball und Abschiedstrunk. Punkt 24 Uhr: Grosser Krach! Zusammenstoss der Erde mit dem Kometen. Weltuntergang unter Palmenhainen.
2. Teil (gelangt nur zur Aufführung, falls der Krach gut überstanden) Gemeinschaftliches Lied: „Et hätt noch immer jot jejeange.“ Fortsetzung des Balles. Wiedereröffnungsfeier in allen noch stehengebliebenen Sälen und Palmenhäusern der Flora.“
Die Kölner Strassenbahnen hatten dann auch wegen des Kometenfestes noch zwei „Lumpensammler“ um 1.30 und 2 Uhr an den Fahrplan der Linien 14 (Uferbahn) und 16 (Ringbahn) angehängt. Zu dieser Zeit gondelten mehrere Kölner Wissenschaftler und Hobby-Astronomen durch die nächtlichen Maienlüfte: Von der Militärluftschiffhalle in Bickendorf war das Luftschiff „Clouth“ gestartet, das in einem grossen Bogen Köln überflog, am Lindentor war der Ballon „Busley“ aufgelassen worden, der am Mittag in Marrum (Holland) sicher landete.
Kurz nach seinem Start war ein Grossfeuer auf einem Geflügelhof in Sülz ausgebrochen, der Feuerschein wurde von den am Startplatz versammelten Menschen mit dem Kometen in Verbindung gebracht: „Dadurch entstand eine kleine Panik“, notierte die „Kölnische Volkszeitung“. Die Düsseldorfer, die anscheinend schon damals mit den Kölnern in Fehde lagen, hatten auch ein Wörtchen mitzureden: der Düsseldorfer „Generalanzeiger“ schreibt am 19. Mai in der Rubrik „Witze“: „In Köln ist, wie soeben gemeldet, ein wahnsinniger Freudentaumel ausgebrochen. Eine Zeitung hat durch Extrablatt bekannt gegeben, der Komet habe nur einen Teil der Erde gestreift und dabei Düsseldorf fortrasiert. Der Komet Halley wurde zum Ehrenbürger ernannt. Bei seiner Wiederkehr soll er mit den höchsten Ehren empfangen werden. In Kölner Kunstkreisen plant man sogar einer Festvorstellung im „Kölner Nationaltheater Millowitsch.“

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