Rote Nelke vereinte neue und alte Gäste

Eine Gartenparty in Portugals Botschaft

(Kölner Stadt-Anzeiger, 12./13. Juni 1974)

Bonn - Die rote Nelke wurde jedem Gast überreicht. Portugals neues nationales Symbol seit dem Putsch vom 25. April sollte bei der Gartenparty von Botschafter Vasco Futscher Pereira aus Anlass des Nationalfeiertages die neuen und die alten Gäste verbinden. Nicht jedem geladenen Gast war freilich sofort die Bedeutung dieser Geste klar. Richard Jaeger (CSU) musste sich erst von seinem Begleiter die Bedeutung der Blume erklären lassen. Dann lehnte er es - im Gegensatz zu den meisten Anwesenden - ab, sich mit der roten Nelke zu schmücken: "Ich habe Orden!" Jaeger war auch erstaunt, als er die Bundestagspräsidentin Annemarie Renger (SPD) in der Menge erspähte: "Die ist aber zum ersten mal hier!"

Überraschung komplett

In der Tat, nach Auskunft von erfahrenen Journalisten waren bei den Empfängen zu Portugals Nationalfeiertagen in den letzten Jahren die sogenannten Abendländer unter sich gewesen: Leute, die in der Politik Salazars und seines gestürzten Nachfolgers Caetano eine letzte und - so meinten sie - stabile Stütze konservativer abendländischer Tradition sahen. Die überraschung war komplett, als nach einer Stunde der SPD-Vorsitzende Willy Brandt zusammen mit Forschungsminister Hans Matthöfer, ehemals Staatssekretär im Entwicklungsministerium, den Rasen betrat. Brandt steckte sich prompt die besagte rote Nelke ins Knopfloch seines dunkelblauen Anzuges.

Das Erscheinen Brandts wurde allgemein als Würdigung des neuen, liberalen Kurses der portugiesischen Politik gewertet. Hinter den Gästen im Garten der Botschafterresidenz gab es eine symbolträchtige Kulisse: Der mächtige Rohbau der künftigen südafrikanischen Botschaft. Doch zwischen den ehemals gemeinsamen Interessen der beiden Staaten in Schwarzafrika steht jetzt mehr als eine grüne Buchsbaumhecke: "Wir werden jetzt getrennte Wege gehen", meinte ein Mitglied der portugiesischen Botschaft.

Nur wenige Afrikaner

Diplomatische Vertreter Schwarzafrikas waren unter den Anwesenden selten auszumachen. Sie waren zwar geladen worden, doch nach Meinung von Beobachtern wollten viele durch ihre Anwesenheit nicht schon die Bemühungen Portugals um eine Revision der Afrikapolitik honorieren: Dafür sind die Probleme, vor denen Portugals Aussenminister Soares bei den Verhandlungen mit den afrikanischen Befreiungsbewegungen steht, noch zu gross. Die osteuropäischen Länder, mit denen Portugal zur Zeit diplomatische Beziehungen aufnimmt, waren schon sehr zahlreich vertreten.

Für Botschafter Futscher Pereira, erst seit November vergangenen Jahres in seinem Bonner Amt, war es der erste und letzte Nationalfeiertag, den er in Bonn begehen konnte: Futscher Pereira wird sein Land demnächst in Brasilien, dem traditionellen Partner Portugals in Südamerika, vertreten.

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