1693 Gedicht über das Erdbeben[1]

Grundlich und wahrhafftes | Geschicht-Gedichte | über | Die in Sicilia zu Rom und in | anderen Orthen in Italia | gewesne erschrökliche | Erdbidem | Anno 1693, 1694 und 1695. | Sonderlich aber | erst neulich | Im Hornung und Mertzen | Anno 1703. | Durch einen liebhaber der edlen Dichtkunste auffgesezt.

Erdbidem-Gesang.

In der weise deß VI. Psalmens

H. Lobwassers[2]

 

1.Wir sind in solchen Zeiten,

Da man sich soll bereiten

Auf letsten Erden-Fall.

Dann solches Erden-Beben,

Wie wir auff heut erleben,

Beträuet Fall und Knall.

erdbeben

(1545 Münster "Cosmographia" Sizilien)

2. Erforschen grund-ursachen,

Die solches Beben machen,

Mir kommet mit zu sinn

Die hole Schwefel-Erden

Mit Vulcans Feuer-Pferdten

Zum Beben zielen hin.

3. Doch muß man fehrner gehen

Mit Geistes Augen sehen

In Gottes Heiligthum.

Da wird man sehen Waffen

Von seinem Gricht und Straffen

Vorblincken rings herum.

4. In Welschen Schwefel-Landen,

Da Greuel, Sünd und Schanden

Obherrschen immer vast,

Kan freylich sich begeben,

Daß grosses Erden-Beben

Schütt ab den schweren Last.

5. Ein jeder muß bekennen,

Daß in demselben brennen

Feur-Schulden allerley

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Die stummen Greuel-Sünden,

Da häuffig sich befinden

Die Thier- und Sodomey.

6. Man gehet auch noch weiter;

Der schwarze Seelen-Reuter

Uebt seine Tyranney,

Er reisset zu der Höllen

Vil Millionen Seelen

Durch Gewalt-Abgötterey:

7. Drum ist es ja kein Wunder,

Wann man mit Sack und Plunder

Zum Dathan fahren muß:[3]

Wann alle diese Lande

Durch einen Schwefel-Brande

Gehen in die Finsternuß.

ragusa

(http://emidius.mi.ingv.it/DOM/)

8. Sicilia vor Jahren

Hat diß gericht erfahren[4]

Mit Jamer, Schad und Not,

da Stätt und Menschen waren

durch Beben abgefahren

zu Corah[5] Meuter-Rott.

9. Der Ethna hat gebrennet;

Wie Zeit-Geschicht bekennet;

Schon etlich tausent Jahr,

Daher er Vulcans Hütten

Und der Cyclopen[6] Schmitten

Allzeit geheissen war.

10. Doch hat er nie geglimmet

Und sich so sehr ergrimmet

Als letst verwichner Zeit,

Da sich durchauß erschüttert

Und auß dem Grund erzittert

Das Eyland weit und breit.

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11. In hundert tausent waren

Zum Pluton abgefahren:

Das ganze Land erschrekt,

Stätt, Schlösser umgekehret,

Burg, Flecken gar zerstöhret,

Mit Stein und Herd bedekt.

12. Catanea[7] hat müssen

catania

(http://emidius.mi.ingv.it/DOM/)

Von Feur und Schwefel-Flüssen

Ganz werden undersenkt,

Von so vil tausent Stellen

Ein Kirchlin und Capellen

Allein blieb unbekränkt.

13. Diß übel ist gewichen

Und überhin gestrichen

In der Europen Arm,

der vohrmals hat gepochet

und alles underjochet

mit seinem Römer Schwarm.

14. Vesuvus[8] ist zu sehen,

Auß dessen Schlunde gehen

Feur Flammen ohne maß.

Daß Schweffel feld mit speyen[9]

Um Neustatt[10] pflegt zu schreyen

Gleich drey geköpftem[11] fraß.

15. Das Erdrich ist deßgleichen,

Wo beide Schlüssel[12] reichen,

Mit Schwefel durchgemengt

Voll Hölen, Gäng und Löcher,

Wie Pfeil-gefüllte Köcher

Und Bögen tieff gesprengt.

16. Wann dann die Wasser fliessen

Und in den Pful sich giessen,

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Komt alles in den Jast.

Da geht es an ein Beben,

Die Flammen sich erheben,

Die Erde zittert vast.

17. Man hat vor siben Jahren

Vorbotten Weiß erfahren

Zu Rom und anderstwo[13],

Erdbebens harte stösse

Und deß Gewaltes grösse

Mit Flammen lichterloh.

18. Paläst und Häuser wankten,

Sich Thürn und Mauren sankten

Mit gringem Menschen Tod.

Heur[14] ist es strenger kommen,

Es hat vil zugenommen

Gefahr und höchste not.

19. Dann hat man jüngst gesehen,

Mit Haar gen Berg auffstehen

In disem früehem Jahr,

Wald-Wasser und Platz-rägen

Auff allen Landes wegen

Zum Anfang der Gefahr,

20. Da Flutten ungehemmet

Die Gassen überschwemmet

In ganzer Römer Stadt,

Und dises Ungewitter

Auß schwartzem Wulckem-Gitter

Das Land zerflösset hat.

21. Drauff ist es angegangen,

Das Feur hat angefangen

Mit Gwalt zu brechen auß.

Die Erde sich erhebet,

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Daß Berg und Thal erbebet

Mit grossem Sturm und Braus.

22. Zu Rom sind eingefallen

Mit Schreken, Forcht und Knallen

Vil schöne Pracht-Gebäu,

Deß Colissey Wunder

Wurff grosse Stein herunde.

Es war ein groß Geschrey.

23. Die so zu Hause sassen,

Die lauffen an die Gassen

Und auff die grosse Plätz,

Das waklen, wanken, beben

Hieß sorgen für das Leben

Und nicht mehr für die Schätz.

24. Man triebt das Busse-Wesen

Von Menschen außerlesen,

Daß es erbärmlich war.

Man peitschte sich mit Riemen,

Man rizte sich mit Pfriemen

Wie Baals Pfaffen-Schar.

25. Der Papst lag auff der Erden

Mit kläglich in Geberden,

Erschroken und verzagt,

In Forcht es wurd ohn stillen

Sich nun im Werk erfüllen,

Was längest vorgesagt.

26. Zu Rom ist eine Stägen[15]

Voll Indulgenz und Sägen,

Stund an Pilati Hauß,

Mit Christi Blut benezet,

Da Geyslen ihn gepfezet,

Eh man ihn führet auß.

27. Da [Jeru]Salem war verheeret,

Daß nicht blieb unzerstöret,

Ja gar nicht Stein auff Stein,

Wird doch für wahr geschriben,

Daß diese Stäg gebliben

Gantz unversehrt allein.

28. Helena hat befohlen,

Nach Rom sie abzuholen

Auß grosser Heiligkeit.

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Doch andre wollen sagen,

Daß Engel sie getragen,

Wo sie steht [seit] diser Zeit.

29. Sie kneyend wird beschritten

Auff acht und zwanzig Tritten

Auß weissem Marmor-Stein.

Ein jeder Tritt besunder

Würkt grosses Andacht-Wunder

Und macht von Sünden rein.

30. Wer diß nicht wollte glauben,

Dem wurde man wegrauben

Leib, Ehre, Gut und Blut.

Dann Aberglaub und Götzen

Sich pflegen zu ergezen

Mit Grausamkeit und Wut.

31. Der Papst an dieser Stegen

War lange Zeit gelegen

Und kneyend stieg hinauff,

Damit er möcht abheben

Der Erde grimmes beben

Und hemmen dessen Lauff.

32. Es ist nicht zu erzellen,

Was dise Buß-Gesellen

Gestellet alles an,

wie Männer, Dirnen, Weiber

zerplagten ihre Leiber,

man nicht gnug sagen kan.

33. Bey Rom ists nicht gebliben,

Die Straff hat sich geriben

An ganzen Kirchen-Stand[16].

Dann zwischen beyden Meeren

Kein Ohrt sich möcht erwehren

Der schwären Himmels-Hand,

Wol sechszig Stätt und Flecken

In grosse Forcht und Schreken

Hierdurch gefallen sind:

Von Fall und Feuer-Funken

Ein Theil ist eingesunken,

Daß man sie nicht mehr findt.

Spoleto[17] wird beschriben

Daß wenig überbliben

Vom beben unverlezt

Paläste sind gewichen

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Vom Pfimmet außgestrichen

Und anderwerts gesezt.

36. Norcia[18] groß und mächtig

Von Ehr und Jahren prächtig

Gegangen ist zu grund.

Mit Beinen, Haut und Haaren

Ist Aquila gefahren

Gantz in den Erden-Schlund.

37. Der grimme Todes-Sticher

Niemand ließ leben sicher.

Auch auff dem freyen Feld

Feur, Krachen, Fall und Schreken

Macht allenthalb auffsteken

Todts Panner und Gezelt.

38. Der hat vil Speiß bekommen

In kurzer Zeit genommen

Ob dreyssig tausend hin.

So vil man mögen müssen,

Dann man ist gar beflissen

Das Gericht zu halten in.

39. Nun stekt man stets in Sorgen,

Es möcht heut oder morgen

Sich mehren dieser Fall,

Ja dise Schwefel-Erden

Ganz umgestürzet werden

Und sinken überall.

[40.] Die Wahrheit man hier saget,

Wann der sich schon beklaget,

Der es nicht glauben will,

Es scheint man sey getroffen,

Daß Lande stehet offen,

Vor Augen ligt das spil.

41. Herr Gott! Dich nun erbarme

Daß vil einfaltig Arme

Nicht treffe diß Gericht,

Auch unser Vatterlande

Erhalt mit deiner Hande

Straff nach verdienen nicht!

 

ENDE



[1] Fundstelle: Staatsbibliothek Berlin, Signatur Ye 8351:R, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0000281C00000000 . Die Zeichensetzung ist modernisiert. siehe auch: http://www.zeit.de/reisen/2012-04/ragusa-sizilien

[2] Ambrosius Lobwasser (* 4. April 1515 in Schneeberg; † 27. November 1585 in Königsberg) war ein humanistischer deutscher Schriftsteller und Übersetzer. Seit 1565 arbeitete er an seiner Übersetzung der Psalmen, die 1573 unter dem Titel „Der Psalter des königlichen Propheten David“ erschien. Das Werk hatte über 100 Auflagen und wurde im deutschen reformierten Gottesdienst bis ins 18. Jahrhundert verwendet.

[3] Randvermerk in der Vorlage: „Num XVI“; Dathan, Sohn Eliabs, des Rubeniters, verbündete sich mit Korah und Abiram im Aufruhr gegen Mose und Aaron. Er wurde zusammen mit Abiram von der Erde verschlungen.

[4] Randvermerk: „1693“.

[5] Korah, Sohn Jizhars, ein Sohn Kehats. Er führte mit Dathan und Abiram den Aufruhr gegen Mose und Aaron an;  Korah und seine Rotte wurden durch Feuer vom Herrn verzehrt.

[6] Vergil (Georgica 1, 471) lässt die Kyklopen im Ätna wohnen.

[7] = Catania.

[8] Randvermerk: „Vesuvius oder Soma“.

[9] Randvermerk: „Solfatára“: Die Solfatara (ital. Cratere Solfatara) ist ein holozäner Vulkankrater im Stadtgebiet von Pozzuoli, westlich von Neapel (Italien). Der Krater hat einen Durchmesser von ca. 770 m.  Bei Temperaturen <200 °C treten hier neben Wasserdampf (H2O) zahlreiche weitere Gase (u. a. Schwefel-, Antimon- und Quecksilberverbindungen) aus, was man auch deutlich riechen kann.

[10] Randvermerk: „Neapolis“.

[11] Randvermerk: „Cerberus“.

[12] Randvermerk: „Claves Petri“.

[13] Randvermerk: „1695“.

[14] Randvermerk: „1703“.

[15] = Scala Santa: Zu der Kapelle Sancta Sanctorum führt die Heilige Treppe oder Heilige Stiege hinauf, die angeblich aus dem Palast von Pontius Pilatus stammt und die Jesus bei seinem Prozess betreten haben soll. Sie wurde der Überlieferung nach schon von der Mutter Konstantins, der heiligen Helena, 326 aus Jerusalem hierher gebracht. In Erinnerung an die Leiden Christi soll die Treppe nur kniend betreten werden.

[16] Gemeint ist der Kirchenstaat.

[17] Spoleto ist eine Stadt in der Provinz Perugia.

[18] Norcia (lateinisch Nursia) ist eine Stadt in der umbrischen Provinz Perugia in Italien. Sie liegt 154 km nordöstlich von Rom.

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