Bergün 1987

bergün
Bergün zwei-sprachig: Das Ortsschild, im Hintergrund die protestantische Kirche, deren Ursprünge bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen.

„Brauegn“ sagen die Einheimischen, „Bravuogn“ wird es in ihrer rhätoromanischen Sprache geschrieben, mit „Bergün“ präsentiert es sich den deutschsprachigen Touristen: Das knapp 1400 m hoch gelegene Dorf im Schweizer Kanton Graubünden, der „Ferienecke der Schweiz“. Als „Burginne“ ist es erstmals 1190 in einer Urkunde des Bischofs von Chur erwähnt worden. Und der „Römerturm“ in der Ortsmitte wird heute wegen der Häuseranordnung um ihn herum auf die Karolingerzeit datiert. Bergün ist das letzte Dorf auf der Nordseite des 2300 m hohen Albula-Passes, flankiert von einigen Dreitausendern: unter anderen Piz Ela (3340 m), Piz Kesch (3422 m), Piz d'Err (3381 m) und Piz Uertsch (3273 m).

Aber trotzdem ist Bergün verschont geblieben von den touristischen „Errungenschaften“ anderer Schweizer Gemeinden: Einerseits bieten die steilen oder bewaldeten Hänge des Albula-Tales wenig Möglichkeiten zum Skifahren, andererseits hat die Gemeinde Bergün „schon früh zurückgeschaltet“, wie Gemeindepräsident (=Bürgermeister) Hugo Fisch, Lehrer und mit einer Bergünerin verheiratet, sagt. Die Gemeindeversammlung - d. i. die Gesamtheit der wahlberechtigten Bürger - hat schon zeitig den Boden- und Immobilienerwerb für Ausländer eingeschränkt und war auch nicht für eine masslose Ausweitung des Hotelangebots. Das moderne „Sporthotel Darlux“ mit 120 Betten ist das einzige sichtbare Zugeständnis an den Massentourismus geblieben. Hinzuzurechnen sind insgesamt 144 Betten in den vier alten Hotels, die z. T. - wie das „Crusch Alva“ (=Weisses Kreuz) - noch aus der Postkutschenzeit stammen, und rund 30 Adressen für Ferienwohnungen, z. T. in den alten Bauernhäusern, z. T. in Neubauten am Ortsrand wie das Reka-Zentrum; hinzu kommen noch einige wenige Ferienwohnungen im Ortsteil Latsch und das Hotel in Preda. So ist Bergün ein schmuckes Gebirgsdorf geblieben, im Tal der Albula umgeben von weiten Wiesen, ohne die „Segnungen“ des modernen Tourismus, wie Prof. Jost Krippendorf, Leiter des Berner Universitätsinstituts für Freizeit und Tourismus, in seiner jüngst erschienenen Studie „ALPSEGEN, ALPTRAUM“ seinen Landsleuten vorhält:

„Wir haben in rasendem Tempo unsere Strassennetze gelegt, Betonbänder durch die Landschaft gezogen, Alpen untertunnelt, ganze Landschaften mit Seilbahnen und Liften verkabelt, verdrahtet und technisiert, Hügel korrigiert, Pisten planiert, Schneisen ausgeholzt.“

Gemeindepräsident Hugo Fisch: „Für uns gilt Krippendorfs Vorwurf nicht!“ In der Tat: Bergün hat den Anfängerhügel (2 Schlepplifte: Tageskarte Kinder 11 sfr) und die Alp Darlux (2000 - 2550 m, 1 Sessellift, 2 Schlepplifte: Tageskarte Erwachsene 25 sfr) - und dabei soll es bleiben. Im Talgrund gibt es eine Langlauf-Loipe (7 km), ferner 8 Winterwanderwege von 40 Minuten bis zu halbtägiger Dauer. Attraktion ist von Januar bis März die 5 km lange Schlittelbahn. Sie führt von dem knapp 1800 m hoch gelegenen Ortsteil Preda auf der Passstrasse (der Albula-Pass ist gesperrt von November bis Mai) durch das Albulatal in den Ort Bergün hinein. Die Bahn - früher sogar eine Bobbahn - ist geöffnet bis 23 Uhr, abends beleuchtet. Schlitten können in Preda für 7 sfr gemietet werden (Pfand 30 sfr), Reservation ist notwendig (Tel. 731144).

Hinauf nach Preda kommt man mit der Rhätischen Bahn (RhB, Tel. 731128) für 5,60 sfr ab Bergün, einschliesslich Schlittelbahngebühr von 1,40 sfr, Kinder die Hälfte. Die Rhb (auf romanisch: Viafier retica) ist für Bergün ein wichtiger Posten. Heute verbindet die Gesellschaft auf einer 1000 mm breiten Schmalspur Zermatt im Westen mit Davos, St. Moritz und Poschiavo im Osten bzw. Südosten. Sie ist gleichzeitig ein normales Verkehrsmittel - auch mit Gütertransport - und touristische Sehenswürdigkeit: Der „Glacier-Express“, zweimal täglich von St. Moritz nach Zermatt (95 DM), nennt sich der langsamste Schnellzug der Welt: fast 6 Stunden benötigt er für diese 290 km. Von St. Moritz nach Poschiavo über den Bernina-Pass führt der „Bernina-Express“; er ist vielleicht nicht so bekannt wie der „Glacier“, aber im Frühsommer ein Erlebnis besonderer Art: Der Start in St. Moritz findet in frühlingshaftem Klima statt, dann geht es hinauf zum Bernina-Pass (2323 m), wo den Bahnreisenden der Winter wieder einholt, hinab ins Poschiavo-Tal, durch den Frühling in den Sommer von Poschiavo-Ort (1019 m). Vom Albula-Tunnel (5865 m oder ca. 7 Min), dem höchsten Eisenbahntunnel Europas (1820 m NN), führen 13 atemberaubende Kilometer die Züge auf der Strecke Chur nach St. Moritz hinab nach Bergün (s. Skizze). In 17 Minuten überwindet der Zug 400 Höhenmeter in verwirrenden Kehrtunneln und turmhohen Viadukten. Eisenbahnfreunden schlägt das Herz höher, wenn sie den 8 km langen „Bahnhistorischen Lehrpfad“ von Bergün abschreiten - und das nicht nur wegen der Steigungen.

krokodil rhb das "Krokodil" der RhB ist ca. 60 Jahre alt und wird überwiegend im Güterverkehr eingesetzt. - Eine moderne Schnellzuglok der RhB

Der Pfad wurde 1985 eingerichtet vom Bergüner Verkehrsverein, dessen Geschäftsführer Hubertus von Salis Soglio von dem positiven Echo überrascht ist. Der Lehrpfad ist ein leiser, aber deutlicher Hinweis darauf, dass Bergün wieder anknüpft an ältere touristische Tradition: Bevor der Tourismus in den Alpen zum Ski-, d. h. Wintertourismus wurde, war der Sommer die Saison, für Wanderer, Sommerfrischler und vor allem für Bergsteiger. Das [ehemalige] Bergüner Kurhotel ist der steinerne Beweis dafür. Bis am 1. Juli 1903 die Eisenbahn kam, war Bergün zwar auch nur Durchgangs- und nicht Zielstation für Reisende; aber der Passverkehr mit den Saumtieren und später den guten, alten Postkutschen hatte dem Dorf genügend Einnahmen gebracht. Verständlich, dass der Postpferdehalter Johann Peter Schmidt am 30. Juni 1903 mit schwarzumflorten Pferden und Wagen im Schritt, begleitet von Trauermusik, durch die Dorfstrasse den Albula-Pass hinauffuhr. Das fast endgültige Aus für die Wirtschaft des Ortes kam aber mit dem Autoverkehr, der sich flachere, bequemere und damit schnellere Alpenübergänge suchte. Der Albula-Pass war und ist eng und hoch, und im Winter deswegen ganz gesperrt; die Touristenkolonnen zogen und ziehen heute z. B. über/durch den Gotthard. Das Angebot an Ausbildungsplätzen für die Bergüner Jugend ist knapp; die Mehrheit orientiert sich ohnehin nach Chur, das durch die RhB leicht zu erreichen ist. Dass die Bergüner mit ihrer Lage abseits der grossen Verkehrs- und Urlaubsströme eine Chance bekommen haben, ist ihnen inzwischen klar.

Bergün bietet sich heute als Ganzjahres-Urlaubsziel an. Und die Eisenbahn ist ein Lockmittel. Aber nicht nur sie: Die Bergüner besinnen sich auf ihre eigene Kultur. An der Dorfstrasse richtet der Verkehrsverein, unterstützt von der Gemeinde, dem Kanton und durch Spenden, in einem alten Engadiner Haus aus dem 17. Jahrhundert ein Museum ein. In der Tat: Der Baustil in Bergün und seinen Ortsteilen ist der des Engadin, jenseits des Passes. Gerade wegen des Passes und der mit ihm verbundenen Aufgaben waren die Bergüner in den vorigen Jahrhunderten stärker mit dem Engadin verbunden als mit den Dörfern talabwärts, also „italienischer“; deswegen sind die Bergüner auch Protestanten, obwohl sie ehedem zum Bistum Chur gehörten. Die Hausfassaden sind in der italienischen Sgrafitto-Methode gekratzt - und nicht bemalt. Im ganzen Dorf ist deutlich erkennbar das Bemühen, bei Renovierungen diese alte Technik wieder aufleben zu lassen. Die Arbeiten an dem Museum laufen an; exakte Pläne, auch zur Finanzierung, liegen vor: Im Untergeschoss sollen eine Holzwerkstatt und eine Schmiede eingerichtet werden; im Erdgeschoss sollen Stube und Küche restauriert werden für Trauungen, Sitzungen und kleinere Zusammenkünfte; der „Sulèr“ (Innenhof) soll die Gemeindebibliothek aufnehmen.

Aber die Attraktion wird ins Obergeschoss kommen: Ein Nachbau der Eisenbahnstrecke Bergün-Preda, 18 m lang, mit allen Tunneln, Kehrschleifen und Viadukten; das rollende Material im Massstab HOm wird von einer bundesdeutschen Firma geliefert. Das wird dann „Europas interessanteste Modelleisenbahn“, so der Prospekt.

albula die RhB am Albula-Aufstieg

Schleppender und auch weniger aussichtsreich verläuft ein anderes Projekt, das im ganzen Kanton Graubünden verfolgt wird: Die Wiederbelebung der rhätoromanischen Sprache. Wir Deutschen wissen, dass es vier anerkannte Sprachen in der Schweiz gibt. Und wenn der Tourist den Gesprächen der Bergüner lauscht, hört er unbekannte Laute - fast wie Italienisch, zuweilen Anklänge an das Portugiesische. Die „terra grischuna“, wie sich Graubünden auf „rumantsch“ nennt, kämpft auf fast verlorenem Posten gegen das Deutsche. Hugo Fisch, wie der Geschäftsführer des Verkehrsvereins und der Pfarrer deutschsprachig, führt die vielen kleinen Niederlagen der romanischen Sprache auch darauf zurück, dass die Graubündner - in der Mehrzahl Romanen - immer sehr flexibel waren; sie waren und sind in der Lage, sich schnell auf Veränderungen einzustellen. Als die wirtschaftliche Not früherer Jahrzehnte sie dazu zwang, sind viele Graubündner (und auch Engadiner) ausgewandert und haben in vielen Ländern Europas als Hoteliers oder Konditoren Erfolg gehabt. Diese Anpassungsfähigkeit hat sie in den letzten Jahren dahin geführt, sich nach dem wirtschaftlich mächtigen deutschen Teil der Schweiz zu orientieren bzw. sich auf die bundesdeutschen Touristen einzustellen.

Der ältere Herr, der die Touristen - etwa 15 Personen - durchs Dorf führt, fragt zunächst nach der Nationalität der Besucher: Es sind bis auf eine Familie Bundesdeutsche. So ist er gezwungen, deutsch zu reden; als sich herausstellt, dass die eine Schweizer Familie auch rumantsch versteht, wird sein Deutsch immer öfter von romanischen Brocken durchsetzt; am Ende, in der Kirche aus dem 12. Jahrhundert, ist er kaum noch zu verstehen - oder lag es an der Akustik ? Der sonntägliche protestantische Gottesdienst in der alten Kirche ist schon zweisprachig; rumantsch sind nur noch die Lieder - nicht einmal alle. Die Schulkinder können und sollen auch noch rumantsch lernen und in dieser Sprache auch unterrichtet werden, aber die Stundentafel ist mit sechs Wochenstunden in Rumantsch und einem sachkundlichen Fach doch etwas dürftig. In der Bergüner Filiale der Kantonalbank kann man Bücher und Cassetten mit rumantschen Texten kaufen: in der Hauptsache Kinderbücher. Das unterscheidet diese Bewegung vielleicht von ähnlichen, die sich für den Erhalt einer Minoritätensprache einsetzen: Als Zielgruppe werden die jungen Leute angesprochen. Auch im Rundfunk gibt es feste Sendungen in rumantsch, und nicht nur Musik oder Folklore, auch Nachrichtensendungen werden stündlich in rumantsch ausgestrahlt; und offensichtlich ist das Rhätoromanische auch in der Lage, neuzeitliche Begriffe zu bilden, d. h. den Menschen ein geeignetes Vokabular an die Hand zu geben, um die heutige Zeit sprachlich in den Griff zu bekommen; das wäre ja eine wichtige Voraussetzung für ein weiterleben. Ist der Rückgang des Rhätoromanischen aufzuhalten ? Dem bundesdeutschen Touristen will es so scheinen; die Einheimischen sind eher skeptisch. Es wäre zu wünschen, dass in einem Europa, das immer enger zusammenwächst, die Vielfalt erhalten bleibt - auch oder gerade in der Sprache.

kurhotel Das ehemalige Kurhotel von Bergün, heute ein Familienhotel.
grab Ein Grabstein in Bergün-Latsch: „Unser lieber Vater ruhe in Frieden!“
sgraffito Hausschmuck in Bergün: Ein Steinbock zwischen Wappen und romanische Inschrift (Teilansicht) in Sgrafitto-Technik und ein schmiedeeisernes Ziergitter.


Schlitteln am Albula -Pass:

http://www.sueddeutsche.de/reise/alpen-im-winter-die-schoensten-orte-zum-reinrutschen-und-sonne-tanken-1.2274543 am 24.12.14

 
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