Nösges, Nikolaus; Schneider, Horst (Hrsg.): Caesarius von Heisterbach: Dialogus Miraculorum - Dialog über die Wunder.

Lateinisch-deutsch

(=Fontes Christiani 86,1-5) [5 Bde.; Bd.2: 978-2-503-52943-1, 449 S.; Bd. 3: 978-2-503-52945-5, 555 S.; Bd. 4: 978-2-503-52947-9, 529 S.; Bd. 5: 978-2-503-53220-2, 401 S.].

Turnhout: Brepols Publishers 2009. ISBN 978-2-503-52941-7; Pb.; 5 Bde, insg. 2435 S.; EUR 42,90 pro Band.

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Bernd Schütte, Historisches Seminar, Universität Leipzig E-Mail: <E.Rueber-B.Schuette@t-online.de>

1189 zogen auf den im Siebengebirge gelegenen Petersberg aus Himmerod stammende Zisterzienser, die ihren neuen Konvent wenige Jahre später in das benachbarte Heisterbacher Tal verlegten. Das Kloster erreichte bereits im 13. Jahrhundert den Höhepunkt seiner Blüte. Diese ist nicht zuletzt mit dem literarischen Wirken des Novizenmeisters Caesarius verbunden, über dessen Leben allerdings nur wenige Zeugnisse vorliegen. Er stammte vermutlich aus einer wohlhabenden Kölner Familie, besuchte nach erstem Unterricht am dortigen Andreasstift die Domschule und liess sich 1198 vom zweiten Heisterbacher Abt Gevard bewegen, in den Zisterzienserorden einzutreten. Im Anschluss an eine Wallfahrt nach Rocamadour wurde er 1199 Mönch in Heisterbach, wo er bis zu seinem Tod in den 1240er-Jahren wirkte.[1]

Caesarius dokumentierte seine schriftstellerische Tätigkeit in einem Werkverzeichnis, das freilich nicht vollständig ist und zudem einige Titel enthält, die als verschollen gelten müssen. Abgesehen von theologischen Werken, Viten der 1231 gestorbenen Elisabeth von Thüringen und des 1225 ermordeten Erzbischofs Engelbert von Köln sowie einem Katalog der Kölner Erzbischöfe sind mit dem Dialogus miraculorum und den Libri miraculorum zwei Exemplasammlungen zu nennen, von denen die letztgenannte indes unvollendet ist. Beide Sammlungen sind Caesarius' Tätigkeit als Novizenmeister entwachsen und dienen abseits einer im strengen Sinne theologischen Argumentation gerade mit ihrer bildhaften Anschaulichkeit und dem unmittelbaren Lebensbezug der monastischen Unterweisung.

Der Dialogus miraculorum lehnt sich in der formalen Gestaltung an die Zwiegespräche Gregors des Grossen an, die überdies des Öfteren zur Sprache kommen. In der Wechselrede zwischen dem Mönch, hinter dem sich Caesarius selbst verbirgt, und dem Novizen überwiegen erwartungsgemäss die lehrhaften Exempla des ersten, die im Allgemeinen mit einer auf angemessenes geistliches Leben zielenden Deutung schliessen. Gegliedert ist das Werk in zwei Teile zu jeweils sechs Distinktionen, in denen es bei unterschiedlicher Kapitelzahl um die Bekehrung, die Reue, das Bekenntnis, die Versuchung, die Dämonen, die Einfalt, die Jungfrau Maria, verschiedene Visionen, das Sakrament des Leibes und des Blutes Christi, Wunder, die Sterbenden und den Lohn für die Toten geht. Caesarius schöpft aus einer lebendigen mündlichen Überlieferung, referiert Erzählungen anderer, zeigt sich aber auch mit einschlägiger Literatur wie den Vitas patrum oder Erzählmotiven wie zum Beispiel der Polykratessage vertraut. Dabei sind die einzelnen Exempla mehr oder weniger zeitgenössisch und kreisen hauptsächlich um Heisterbach, andere Zisterzen und weitere geistliche Einrichtungen. In mentalitäts- und kulturgeschichtlicher Hinsicht, aber auch im regionalen und reichsgeschichtlichen Bezug stellt der Dialogus miraculorum eine kaum zu überschätzende Quelle dar.

Von der grossen Wertschätzung und lebendigen Rezeption im Mittelalter zeugen nicht zuletzt über hundert Handschriften, die das Werk teils zur Gänze, teils in Auszügen enthalten. Der Editionsstand ist jedoch alles andere als befriedigend, denn jede Beschäftigung mit dem Dialogus miraculorum muss immer noch von der 1851 erschienenen Ausgabe von Joseph Strange ausgehen, die auf sechs Codices, der Editio princeps von 1473 und einigen jüngeren Drucken beruht. Von den deutschen Übersetzungen umfasste bislang keine den gesamten Text.

In ihrer hier vorzustellenden Ausgabe des Dialogus entschlossen sich der im Ruhestand lebende Pfarrer Nikolaus Nösges und der Byzantinist Horst Schneider, der der Redaktion der Fontes Christiani angehört, den von Strange gebotenen Text abzudrucken, doch auf den kritischen Apparat zu verzichten. Vereinzelt wird bei offenkundigen Zweifelsfällen indes auf Fragen der Überlieferung und Textherstellung eingegangen. Der Wert der Ausgabe liegt also in der vollständigen Übertragung ins Deutsche, im Gegenüber von lateinischem Wortlaut und Übersetzung sowie in einem Strange weit übertreffenden Sachkommentar. Zudem zeigt die von Schneider verantwortete Einleitung, dass die Herausgeber sich über den engeren Kreis der Fachgelehrten hinaus auch an ein breiteres Publikum wenden, denn ausführlich werden Gründung, Ausbreitung und Verfassung der Zisterzienser ebenso vorgestellt wie die Geschichte und Baugeschichte der Abtei Heisterbach im 12. und 13. Jahrhundert. Darüber hinaus werden das Leben des Caesarius nachgezeichnet und der Dialogus miraculorum literarhistorisch eingeordnet. Am Ende des fünften Bandes findet sich neben einer Bibliographie ein ausführliches Register, das die nachgewiesenen Bibelstellen, Personen, geographische Namen, Sachen und einige wenige zentrale lateinische Begriffe verzeichnet.

Die von Schneider und Nösges gefertigte Übersetzung, die um flüssige Lesbarkeit und Anschaulichkeit bemüht ist, macht im Wesentlichen einen guten Eindruck. Im Sachkommentar, der ebenfalls von beiden Herausgebern erstellt wurde, werden Personen und Orte identifiziert und zahlreiche Sachverhalte wie zum Beispiel aus der Reichsgeschichte, dem monastischen Leben sowie der Glaubenswelt erläutert, während die Bibelstellen fortlaufend in der Übersetzung angeführt werden. Eine stichprobenartige Überprüfung ergab ein paar Kleinigkeiten, die vielleicht zudem verdeutlichen, wo die weitere Erschliessung des Dialogus miraculorum ansetzen könnte. In 2,3 (S. 364 mit Anm. 167) sind die allgemeinen Ausführungen zu Glossen zwar lehrreich, doch ist mit der im Text erwähnten und anschliessend zitierten glossa wohl der Kommentar des Petrus Lombardus zu den Paulusbriefen gemeint.[2] In 4,91 (S. 901 Anm. 675) hilft der Hinweis auf die Noctes Atticae des Gellius nicht recht weiter, denn die Erklärung des Nomens ursus weist vielmehr auf die Etymologiae Isidors von Sevilla.[3] In 6,5 (S. 1158 mit Anm. 941) wird der Kölner Erzbischof Bruno von Sayn irrig zum Gründer des Klosters St. Pantaleon gemacht. In 5,15 (S. 1000 mit Anm. 789) beruht das Gennadius-Zitat nicht auf eigenständiger Lektüre, wie in der Einleitung (S. 75) nahegelegt wird, sondern wurde den Sentenzen des Petrus Lombardus entnommen. Darüber hinaus sind auch die beiden folgenden Sätze (S. 1002) diesem Zusammenhang entlehnt.[4] Mehrere Gedanken und Wendungen des zweiten Teils von 9,1 (S. 1744-1749) gehen ebenfalls auf die Sentenzen zurück. Darauf wies Caesarius zwar selbst hin (S. 1748), doch haben die Herausgeber diese Stelle nicht erörtert. Der Kommentar (S. 1744f. Anm. 1613 und 1614, S. 1746 Anm. 1615 und 1616) ist also zu präzisieren und zu erweitern. Darüber hinaus gibt dieser Abschnitt einen interessanten Hinweis auf Caesarius' Arbeitsweise und Intention, denn er charakterisiert seine dicta als eine Art Kurzfassung der ausführlicheren Sentenzen.[5] In 12,47 (S. 2290 mit Anm. 2265) folgt der Kommentar bei der Deutung des Ortsnamens Arinsburgh, wo sich in einem Prämonstratenserstift ein gewisser Richard mit eigener Hand um die Buchproduktion verdient gemacht haben soll, einer Anmerkung Stranges, doch hat es ein Stift Arnsburg bei Rinteln an der Weser niemals gegeben. An dieser Stelle müsste die Überlieferung geprüft werden, denn vielleicht ist Arnstein an der Lahn gemeint, wo es im 12. Jahrhundert in der Tat ein blühendes Skriptorium gab.[6]

Diese wenigen Anmerkungen können den oben umrissenen Wert der neuen zweisprachigen Ausgabe des Dialogus miraculorum selbstverständlich nicht schmälern. Den Herausgebern ist vielmehr ausdrücklich dafür zu danken, dass sie den Dialogus in dieser ansprechenden Form neu zugänglich gemacht haben und damit vielleicht sogar weitere Forschungen anregen.

Anmerkungen:

[1] Einen guten Zugriff auf Leben, Werk, Ausgaben und Schrifttum bieten Karl Langosch, Art. "Caesarius von Heisterbach", in: Kurt Ruh / Werner Schröder / Burghart Wachinger (Hrsg.), Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon 1, Berlin 1978, Sp. 1152-1168; Caesarius Heisterbacensis-Czacheritz, Dezember 2009, S. 7-10, in: Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters: Quellen, <http://www.repfont.badw.de/C.pdf> (11.06.2010); vgl. zur Geschichte des Klosters Swen Holger Brunsch, Das Zisterzienserkloster Heisterbach von seiner Gründung bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts, Siegburg 1998, der auch auf Caesarius eingeht.

[2] Petrus Lombardus, Collectanea in omnes Pauli apostoli epistulas, in: Jacques-Paul Migne, Patrologia Latina 191, Paris 1854, Sp. 1297-1696, hier Sp. 1646.

[3] Isidor von Sevilla, Etymologiae, hg. von W. M. Lindsay, Oxford 1911, hier 12,2,22.

[4] Petrus Lombardus, Sententiae in IV libris distinctae, Grottaferrata 1971-1981, hier 2,8,4,2-3, Bd. 1/2, S. 369f.

[5] Petrus Lombardus, Sententiae 4,8-12, Bd. 2, S. 280-311.

[6] Vgl. Bruno Krings, Das Prämonstratenserstift Arnstein a. d. Lahn im Mittelalter (1139-1527), Wiesbaden 1990, S. 206ff.

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von Harald Müller <mueller@histinst.rwth-aachen.de>

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