Buch 1, c. 4

an L. Sestius Quirinus, vielleicht vor 38 v.Chr.

Solvitur acris hiems grata vice veris et Favoni *
trahuntque siccas machinae carinas,
ac neque iam stabulis gaudet pecus aut arator igni
nec prata canis albicant pruinis.
Iam Cytherea ** choros ducit Venusimminente luna
iunctaeque Nymphis Gratiae decentes
alterno terram quatiunt pede, dum gravis Cyclopum ***
Volcanus ardens visit officinas.
Nunc decet aut viridi nitidum caput impedire myrto
aut flore, terrae quem ferunt solutae;
nunc et in umbrosis Fauno i decet immolare lucis,
seu poscat agna sive malit haedo.
Pallida Mors aequo pulsat pede pauperum tabernas
regumque turris. O beate Sesti ii,
vitae summa brevis spem nos vetat inchoare longam.
Iam te premet nox fabulaeque Manes iii
et domus exilis Plutonia; quo simul mearis,
nec regna vini sortiere talis
nec tenerum Lycidan iv mirabere, quo calet ivuventus
nunc omnis et mox virgines tepebunt. 
vice grata + Gen.=im willkommenen Wechsel mit
Favonius= lauer Westwind
carina=Kiel, Schiff
machina=Maschine,hier: Walze, Rolle
canus,a,um= weiss(grau)
albicare=weiss sein
pruina=Reif
Gratiae= die Grazien
decens=hold
alternus,a,um= wechselnd
quatere= stossen, stampfen
officina= Werkstatt
viridis,e=grün
nitidus,a,um= glänzend
impedire=umwickeln, hier: bekränzen
solvere: hier=lockern
lucus= Hain
agnus=Lamm
haedus=Böckchen
pallidus,a,um=bleich
summa=Summe, Spanne
inc[h]oare= beginnen
fabulae="das nichtige Reich der Schatten"
exilis=klein, dürftig, kümmerlich, schwach
simul=sobald
sortiri=durch Los erlangen
calere +Abl.=für jemanden entflammt sein
tepere+Abl.=verliebt sein
Winternde Kälte verthaut dem Favonius und dem schönen Frühling;
    Und trockne Kiele rollt die Wind' vom Meerstrand.
Nicht mehr freuet das Vieh sich der Stallungen, noch des Herds der Pflüger;
    Nicht schimmert nun von grauem Reif der Anger.
Tänze nunmehr mit Gesang führt Cypria, weil der Mond herabblickt;
    Und Grazien, zu Nymphen hold gesellet,
Heben der stampfenden Tritt' Abwechselung: doch Vulkanus glühend
    Entflammt der Donnerschmiede grause Werkstatt.
Jetzt um das glänzende Haupt, so ziemet es, Myrtengrün gewunden,
    Auch Blumen, die das lockre Land uns darbeut!
Jetzt auch ziemt's, in der Hain' Umschattungen Faunus Macht zu feiern;
    Er fordr' ein Schaflamm oder heisch' ein Böcklein.
Pocht doch der bleichende Tod nicht säumiger, als an Armer Obdach,
    An Königsburg'? O Sestius, Beglückter,
Eng ist das Leben beschränkt und wehret dir langgedehnte Hoffnung!
    Bald birgt dich Nacht und Fabelreich der Manen,
Und das plutonische Haus, das nichtige! Wenn du dorthin wanderst,
    Nicht losest du das Königtum des Weines,
Nicht auch entzückt dich der Reiz des Lycidas, dem ein jeder Jüngling
    Nun glüht, und bald die Mägdelein entlodern.
Versmass: Archilochius II   * kam ab Mitte Februar auf, galt als Frühlingsbeginn,
griech: zephyros
** Kytherea=die zyprische, Beiname der Venus
*** Kyklopes=die Zyklopen (=einäugige Riesen)
i Faun, 1. ein uralter König in Latium, 2.(hier): Feld- und Waldgott
ii Sestius: L. Sestius Quirinus, Freund des Horaz, Consul im Jahre23 v.Chr.
iii die Manen, die Schatten der Toten, auch: die Toten, die Unterwelt
iv Lykida: Name eines schönen Knaben
j.h.voss

Erläuterungen auf französisch

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