Buch 1, c. 9

an Thaliarchos, nach 37 v.Chr.

Vides, ut alta stet nive candidum
Soracte* nec iam sustineant onus
silvae laborantes geluque
flumina constiterint acuto?

Dissolve frigus ligna super foco
large reponens atque benignius
deprome quadrimum Sabina**,
o Thaliarche***, merum diota.

Permitte divis cetera, qui simul
stravere ventos aequore fervido
depröliantis, nec cupressi
nec veteres agitantur orni.

Quid sit futurum cras, fuge quaerere, et
quem fors dierum cumque dabit, lucro
adpone nec dulcis amores
sperne, puer, neque tu choreas,

donec virenti canities abest
morosa. Nunc: et Campus et areae
lenesque sub noctem susurri
composita repetantur hora,

nunc et latentis proditor intumo
gratus puellae risus ab angulo
pignusque dereptum lacertis
aut digito male pertinaci.

nix,nivis, f. = Schnee
sustinere= tragen
gelu, us, n. = Eis
consistere=stehen bleiben, zum Stillstand kommen
acutus,a,um=scharf, spitz

dissolvere=auflösen, lindern
reponere=hinlegen, nachlegen
quadrimus,a,um=vier Jahre alt
diota,ae, f.=Henkelkrug

sternere=niederstrecken, beruhigen
fervidus,a,um=kochend
depröliari=kämpfen
ornus=(Berg)Esche

lucrum=Gewinn
adponere + Dat.=zu etwas zählen, rechnen
spernere=verschmähen
chorea=Tanz

virere=grünen
canities=graue Farbe, graue Haare
morosus,a,um=eigensinnig, launisch
campus [Martius]= Marsfeld, d.i. Spiel- und Sportplatz
lenis, e= sanft, mild, leise
susurrus=Flüstern
componere=vereinbaren
repetere=wiederholen

latere=versteckt sein
proditor=Verräter, hier adjektivisch: verräterisch
intumus,a,um=innerster, geheimster
gratus=hold, reizend, (dankbar)
risus, us, m.=das Lachen
angulus=Winkel, Ecke
pignus=Unterpfand
deripere + Abl.separ.= jemandem entreissen
lacertus=Arm
male=hier:schwach, wenig
pertinax=hartnäckig

Du siehst, wie glanzhell steht in getürmtem Schnee
Sorakte, kaum noch unter der Flockenlast
    Der Wald sich aufringt, und von scharfer
        Kälte der laufende Bach erharscht ist.
Den Frost zu lindern, häufe Gehölz dem Herd
In reicher Fülle; und, Thaliarchus, mild
    Gewähr uns dein vierjährig Labsal
        Aus dem sabinischen Henkelweinkrug!
Das andre lass du Himmlischen! denn sobald
Ihr Wink die Sturmwind' auf dem zerwühlten Meer
    Gehemmt vom Ansturz, ruhn Cypressen,
        Ruhn ungeregt die bejahrten Ornen.
Was morgen annaht, meide vorauszuspähn:
Und welchen Tag auch gönnet das Los, empfah
    Ihn als Gewinn: nicht traute Liebe,
        Jüngling, verschmäh, noch o du! den Reihntanz,
Dieweil du blühest, ferne des grauen Haars
Misslaunen! Nun sei Kamp noch und Wandelbahn,
    Und leises Dämmerungsgeflüster
        Gerne gesucht in besprochner Stunde;
Nun auch des Mägdleins, wo sie geheim sich barg,
Verrätrisch holdes Lachen vom Winkel her;
    Und Herzenspfand, dem Arm entwendet,
        Oder, wie trotzig er thut, dem Finger.

Versmass: Alkaios
* Soracte: Berg in Umbrien, 37 km nördlich von Rom
** Sabinus,a,um: sabinisch
*** Thaliarchos (thalias archon): Thaliarch,
ein Männername
j.h.voss

 Erläuterungen auf französisch

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