Buch 4, c.7

an T. Manlius Torquatus (108-50 v.Chr.), vielleicht 15 v.Chr.

Diffugere nives, redeunt iam gramina campis
arboribus comae;
mutat terra vices et decrescentia ripas
flumina praetereunt;
Gratia* cum Nymphis geminisque sororibus audet 
ducere nuda chorus.
Inmortalia ne speres, monet annus et almum
quae rapit hora diem.
Frigora mitescunt Zephyris**, ver proterit aestas
interitura, simul
pomifer autumnus fruges effuderit, et mox
bruma recurrit iners.
Damna tamen celeres reparant caelestia lunae;
nos ubi decidimus,
quo pater Aeneas, quo dives Tullus et Ancus***, 
pulvis et umbra sumus.
Quis scit, an adiciant hodiernae crastina summae
tempora di superi?
Cuncta manus avidas fugient heredis, amico
quae dederis animo.
Cum semel occideris et de te splendida Minosi
fecerit arbitria,
non, Torquate, genus, non te facundia, non te
restituet pietas;
infernis neque enim tenebris Diana pudicum 
liberat Hippolytumii,
nec Lethaea valet Theseusiii abrumpere caro
vincula Pirithooiv.

diffugere=(ver)schwinden
gramen, inis, n.=Gras
coma=Haar; pl.=Laub
decrescere=abschwellen, sinken
chorus=choros
almus,a,um=erquickend,wohltätig
proterere=zertreten,vernichten
pomifer=obstreich
effundere=ausschütten
bruma=Wintertag, Winter
recurrere=wiederkehren
damna caelestia=Abnehmen des Mondes
decidere=herabfallen, sterben
adicere=hinzufügen
hodiernus,a,um=heutig
crastinus,a,um=morgig
heres,edis=Erbe
amicus animus="dein liebes Ich"
genus=adlige Abstammung
restituere=wiederbeleben
pudicus,a,um=keusch
Lethaeus,a,um=lethäisch
abrumpere=sprengen

Weggeflohn ist der Schnee, schon kehrt dem Gefilde die Grasung,
        Bäumen das grünende Laub.
Jugendlich wechselt die Flur, und tiefer gezwängt in den Ufern
        Eilen die Ströme vorbei.
Nymphen gesellt wagt jetzo die Grazie samt den Geschwistern
        Nackend zu schweben im Tanz.
Nichts Unsterbliches hoffe! so mahnet das Jahr, und die Hora
        Raffend den wonnigen Tag.
Kälte verthaut im Weste; den Lenz drängt heftiger Sommer,
        Gleich zu entfliehen bestimmt,
Wann vielfarbige Früchte der Herbst ausschüttete; bald dann
        Kehret der lässige Frost.
Doch was dem Himmel entschwand, das erneurn
schnellwandelnde Monde:
        Wir nur, versanken wir dort,
Wo äneas der Held, wo machtvoll Tullus und Ancus,
        Schatten ja sind wir und Staub.
Wer doch weiss, ob hinzu der heutigen Summe den Morgen
        Füge der Ewigen Rat?
Alles entgeht des Erben begierigen Händen, was deine
        Fröhliche Seele geniesst.
Sankst du einmal hinab, und sprach dort über dich Minos
        Seinen erhabenen Spruch,
Nicht, Torquatus, der Stamm, nicht deine Beredsamkeit, nicht auch
        Stellt dich die Frömmigkeit her.
Selbst ja Diana erlöst den keuschen Hippolytus niemals
        Aus acherontischer Nacht,
Auch nicht Theseus sprengt mit Gewalt die letheischen Fesseln
        Seinem Pirithous ab.

Versmass: Archilochius I

* Gratiae
** Zephyri = Favonius = Frühlings-westwind[e]
*** Aeneas, Tullus, Ancus: sagenhafte
Stammväter Roms
i Minos=Richter in der Unterwelt
ii Hippolytus=Sohn des Theseus, verweigert sich der Aphrodite
iii Theseus=Held aus Athen
iv Pirithous=Peirithoos, König der Lapithen,
Gefährte des Theseus

j.h.voss

 

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