Kalavryta

aus WIKIPEDIA am 14.08.09:

Während der deutschen Besetzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg kam es Mitte Oktober 1943 zur Gefangennahme von rund 80 deutschen Soldaten durch Partisanen der Griechischen Volksbefreiungsarmee ELAS. Die Partisanen hatten im Raum Kalavryta eine starke Position, obwohl die überwiegend konservativ eingestellte Bevölkerung ihnen gegenüber als distanziert galt. Es ist aus den zahlreich vorhandenen Dokumenten der Wehrmacht nicht feststellbar, ob die Forderung der Partisanen nach Austausch der gefangenen Soldaten gegen in deutscher Hand befindliche griechische Geiseln ernsthaft erwogen wurde. Ende November war der Befehl für das „Unternehmen Kalavrita“ (Vernichtung der „Banden“ (Banden=Partisanen) und eine Vergeltungsaktion) schon ergangen. Die folgenden vermehrten Truppenbewegungen in das Gebiet von Kalavryta konnten den Partisanen nicht entgangen sein. Am 7. Dezember, rund 2 Monate nach der Festnahme, wurden die deutschen Soldaten getötet und am 8. Dezember von den Besatzern tot aufgefunden.

Daraufhin erging der Befehl zur „schärfsten Form der Sühnemassnahmen“. Die unter dem Kommando des Generals der Gebirgstruppe Karl von Le Suire stehende 117. Jägerdivision begann am folgenden Tag, dem 9. Dezember, mit der Zerstörung von Kalavryta und 25 Dörfern. Auch das oben genannte Nationalheiligtum Kloster Agía Lávra wurde völlig zerstört (was die Empörung der Griechen noch steigerte und bis heute nachwirkt). Am 13. Dezember wurden alle Dorfbewohner zur Schule befohlen. Dort blieben die Frauen und Kinder zurück. Alle Männer wurden oberhalb des Ortes geführt und dort mit Maschinengewehrfeuer hingerichtet. 13 Männer überlebten das Massaker, weil sie von den Deutschen für tot gehalten wurden. Der Ort wurde in Schutt und Asche gelegt.

Zitate aus der unten genannten in allen Einzelheiten vor Ort und wissenschaftlich recherchierten Publikation von E. Rondholz:
„Kampfgruppenführer Ebersberger meldete 674 Erschossene. In der Abschlussmeldung an das General-Kommando des LXVIII. Armeekorps ist von 695 erschossenen Griechen im Verlauf des gesamten ‚Unternehmens Kalavryta‘ die Rede. (..) die Griechen gehen ihrerseits bis heute von einer wesentlich höheren Zahl von Toten aus“ (S. 144).

Der mit der Wehrmacht kollaborierende griechische Ministerpräsident Ioannis Rallis schrieb in einem im Ton devoten Brief an den Militärbefehlshaber Griechenland, General Wilhelm Speidel, sechs Tage nach dem Massaker:
„Gestern erhielt ich Nachrichten, nach denen fast die gesamte männliche Bevölkerung der Stadt Kalavryta Massenhinrichtungen (...) zum Opfer fielen. Wenn meine Informationen richtig sind, betrugen die Opfer der Massenhinrichtung mehr als 650.“ (Rondholz, S. 157).

Oberhalb des Ortes wurde eine Gedenkstätte errichtet. In hohe Betonwände sind die Namen aller Ermordeten eingegossen. Ein grosses weisses Kreuz ist von jeder Position des Tals und des Ortes aus sichtbar. In der Mitte der Anlage befindet sich eine Betonskulptur, die eine trauernde Mutter zeigt. Auf dem Gelände sind mit grossen weissen Steinlettern die Inschriften „OXI ΠIA ΠOΛEMOI“ (Nie wieder Krieg) und „ΕΙΡΗΝΗ“ (Frieden) gelegt. Am 1. April 2000 besuchte der deutsche Bundespräsident Johannes Rau Kalavryta und legte am Mahnmal einen Kranz nieder.

Der Völkerrechtler Norman Paech schrieb 2000 in "Der juristische Schatten..." :
„Trotz Hunderten von Ermittlungsverfahren wurde wegen Kriegsverbrechen in Griechenland nur ein Hauptverfahren vor dem Landgericht Augsburg eröffnet. Es ging um die Erschiessung von sechs Zivilisten auf Kreta. Das Gericht übernahm den Standpunkt der Wehrmacht, (...), so qualifizierte das Landgericht diese Hinrichtungen als ‚völkerrechtliche Notwehr‘ und sprach den angeklagten Hauptmann frei...Alle Bundesregierungen einschliesslich der jetzigen haben sich bisher geweigert, mit der griechischen Regierung in Verhandlungen über die ungelöste Frage der Entschädigung für die Opfer der damaligen Massaker einzutreten.“

In Griechenland waren Klagen von Angehörigen der Opfer auf Wiedergutmachung von Gerichten mit der Begründung abgewiesen worden, die Bundesrepublik Deutschland geniesse als souveräner Staat Immunität (d.h. ein Staat - die Bundesrepublik - kann nicht vor einem Gericht eines anderen Staates - Griechenlands - verklagt werden). Am 15. Februar 2007 wies auch der Europäische Gerichtshof in Luxemburg Schadensersatzansprüche an Deutschland wegen dieses Massakers der Wehrmacht ab. Die Kläger hatten versucht, ihre Ansprüche juristisch auf ein EU-internes übereinkommen über die Zuständigkeit und Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen aus dem Jahre 1968 zu stützen, das der Gerichtshof aber in seinem Urteil für diesen Fall als nicht anwendbar ansah.

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