Gretesch

(=ein Megalithgrab bei Osnabrück)

von Eberhard Struckmann

Begeisterung! umschwebe mich
Auf diesem Schlachtgefild,
Wo einst der feige Römer wich,
Als Hermann hob den Schild.
Ha! Freude pocht in meiner Brust,
Dass mir, als deutschem Mann,
Der Väter Thaten sind bewusst,
Und Hermann höret an.
Nur keiner spreche mir es ab,
Dass diess die Gegend war,
Wo Varus fand sein blutig Grab
Mit seiner ganzen Schaar.
Hier hebt sich ja der graue Hain,
Von Römerblut gesäugt,
Jetzt heulet drin bey Mondenschein
Der Kauz, der Waller scheucht.
Hier stürzte sich in diese Fluth
Der Römer blasses Heer,
Auf jeder Welle kochte Blut,
Und schwammen Ros und Speer.
Und unter Ros und Reuter lag,
Von eignem Schwerdt gefällt,
In seinem Bluthe, welche Schmach!
Der feige Römerheld.
Wie flogen Adler, flog der Schild
Aus Feindes feiger Hand!
Wie flogen die Entkommnen wild
Zurück ins Vaterland! -
Ach! hier in Krodos Berggefild,
Da wohntet, Helden, ihr,
In euren Hütten war ein Schild,
Ein Speer die grösste Zier.
Da leertet ihr am Freudenmal,
Beym frohen Barde[n]lied,
Vertraut den krummen Hornpokal,
Bis dass der Mond verschied.

O! wär sie noch die goldne Zeit!
Hier übten treu und rein
Die Väter die Genügsamkeit
Im heilgen Eichenhain.
Da galt noch Treu und Redlichkeit
Bey jedem deutschen Mann,
Man schwur beym Schilde einen Eid,
Hielt ihn als Biedermann.
Wie stolz manch Grabes moosigt Haupt
Von jenen Hügeln steigt!
Hier schläft; zu früh vom Tod geraubt,
Manch Held, der sich gezeigt.
Die Thränen stehn im Auge mir,
Seh ich die Trümmer an:
Denn ach! es gleichet Hermann dir
Nicht mehr ein deutscher Mann.
Kein deutscher Jüngling hebet mehr
Die Macht von deinem Schwerdt,
Die Kraft, zu schwingen deinen Speer
Hat Weichlichkeit verzert.
Des blauen Auges Falkenblick,
Des Armes Nervenkraft,
Das starke, unbejochte Gnick
Hat Wollust ganz erschlaft.
Doch freu ich mich, dass dieses Land
Noch nicht entartet ist.
Hier reicht sich jeder noch die Hand
Deutsch, sonder Arg und List.
Der Jüngling hat noch deutschen Mut,
Und fült sich stark und frey,
Das Mädchen sieht wie Milch und Blut,
Und ist im Lieben treu.
Drum bin ich froh und freue mich,
Dass ich ein Deutscher bin,
Und dass von meinem Vater ich
Geerbet deutschen Sinn.


Das Gedicht wurde im Dezember 1779 geschrieben. (WIEGELS/WÖSLER, S.343)



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