DER SPIEGEL 44/1991 - 28.Oktober 1991
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Gemetzel im Trichter

Archäologen haben in Niedersachsen ein knapp 2000 Jahre altes Schlachtfeld entdeckt - Kampfplatz von Hermann dem Cherusker?

Wie ein frühzeitlicher Rambo starrt der Metallkoloss bei Detmold über die Wipfel des Teutoburger Waldes. Die megalomanische Kitschfigur - schwellender Bizeps, Helmbusch, hochragendes Schwert - wurde 1875 nach 37jähriger Bauzeit als Hermannsdenkmal eingeweiht.

Doch der "Befreier Germaniens" wurde wohl am falschen Ort plaziert. Nicht im Teutoburger Wald, sondern 80 Kilometer weiter nordwestlich bei Bramsche am Rand des Wiehengebirges sind Archäologen auf die Spuren einer gewaltigen kriegerischen Auseinandersetzung gestossen.

Das militärische Trümmerfeld liegt in einem 1000 Meter breiten Engpass zwischen dem Grossen Moor und dem Kalkrieser Berg. Obwohl erst ein Bruchteil des Trichters mit Metalldetektoren abgesucht wurde, kamen bei ersten Probegrabungen über 400 Metallteile aus römischer Zeit zum Vorschein: Spitzen von Wurflanzen, Schleuderbleie, Teile von Dolchen und Schilden sowie zahlreiche Münzen.

Althistoriker und Archäologen haben die Funde als "sensationell" und "völlig aussergewöhnlich" eingestuft. "Solch eine Ansammlung schwerer römischer Infanterie und Kavallerie ist für das rechtsrheinische Gebiet einzigartig", sagt der Historiker Horst Callies von der Universität Hannover.

Fast 1200 Kilometer von Rom entfernt scheinen die Forscher auf die Spuren eines langgesuchten "europäischen Grossereignisses" (Callies) gestossen zu sein. Nach Analyse der bisher geborgenen etwa 300 Kupfer- und Silbermünzen kommt der Numismatiker Frank Berger zu dem Schluss: "Der Verlust der Münzen geschah im Zusammenhang mit den militärischen Ereignissen des Jahres 9 im freien Germanien."

Exakt zu dieser Zeit war der Feldherr Quinctilius Varus in ein grausiges Gemetzel verstrickt worden. Die 17., 18. und 19. Legion (etwa 20 000 Soldaten), dazu sechs Auxiliarkohorten (aus Nicht-Römern rekrutierte Hilfstruppen) und drei Reiterregimenter ("alea") waren von germanischen Stämmen in einen Hinterhalt gelockt und vollständig aufgerieben worden. Etwa ein Sechstel der gesamten römischen Streitkräfte fand den Tod.

"Ich hab in hertzlich lib", urteilte Martin Luther über den Cheruskerfürsten, dessen Feldzug gegen die Römer fortan als Urdatum deutscher Geschichte galt. Ob als "Sieg über die Verwelschung", als qualmender Germanen-Mythos oder als Theaterdonner (bei Wieland, Klopstock, Kleist, Grabbe) - die Hermannsschlacht grub sich in immer neuen Variationen ins deutsche Seelenleben.

Die Suche nach dem historischen Kampfplatz indes blieb bislang vergebens. An einem Ort "haud procul Teutoburgiensi saltu", unweit des Teutoburger Waldes, hatte der römische Geschichtsschreiber Tacitus (um 55 bis 120 n. Chr.) die Niederlage angesiedelt. Doch die Legionen des Quinctilius Varus, so schien es, waren in einer Art Bermudadreieck untergegangen. 1983 zog der Altertumswissenschaftler Wilhelm Winkelmann Bilanz: "700 Theorien - doch keine führt zum Schlachtfeld."

Die Niewedder Senke, wo derzeit vier Grabungshelfer arbeiten, war bereits von dem Historiker Theodor Mommsen als mutmasslicher Austragungsort der Schlacht genannt worden. Dort ansässige Bauern hatten immer wieder römische Gold- und Silbermünzen im morastigen Boden entdeckt. Doch Mommsens Annahme konnte sich nicht gegen die Teutoburger-Wald-Hypothese durchsetzen.

Vor vier Jahren wendete sich das Blatt. Ein britischer Hobbygräber war in dem "Schatztal" erneut auf 162 Silberdenare gestossen. Diesmal schlug der Leiter des Kulturgeschichtlichen Museums in Osnabrück, Wolfgang Schlüter, Alarm. Er liess das Gelände prospektieren und begann letztes Jahr mit der systematischen Suche.

Schon nach wenigen Spatenstichen stiessen die Forscher auf Reste eines germanischen Festungswalls aus Grassoden. Der Erdhügel war ursprünglich 200 Meter lang, 5 Meter breit und türmte sich im Halbkreis um den Bergsockel. Auf dieser Mauer, sagt die Grabungsleiterin vor Ort, Susanne Wilbers-Rost, "stand eine hölzerne Brustwehr".

Unmittelbar vor dem Graswall muss ein erbitterter Kampf gewogt haben. Die Experten fanden Sandalennägel, Gürtelschnallen, Teile von Panzerhemden, Schildrandbeschläge, Phallusanhänger von Pferdegeschirr und den Niet eines Legionärsdolches ("pugio"). Zudem kamen 130 Asse zutage, kleine Kupfermünzen, die als Soldatensold dienten.

Mittlerweile konnte eine weitere Rasenschanze nachgewiesen werden. Luftaufnahmen und Geländebegehungen lassen vermuten, dass ursprünglich der gesamte Berghang auf einer Länge von fünf Kilometern mit Trutzwällen verbarrikadiert war. Angesichts der "hohen Funddichte" schon bei einer Grabungsstelle, glaubt Schlüter, "könnten im Engpass die Überreste von zwei bis drei Legionen liegen".

Was aber verschlug die Varus-Armee so hoch in den Norden bis nach Bramsche? Warum marschierte sie abseits der Heerstrassen durch sumpfiges Gelände? Zudem: Wie konnte es den rückständigen Germanen gelingen, ein so waffenklirrendes Riesenheer wie das der Römer zu vernichten?

Auf all diese Fragen haben die Experten mögliche Antworten parat. Derzeit versuchen sie vorsichtig, das Schlachtgeschehen zu rekonstruieren und mit den historischen Quellen abzugleichen. Dabei ist es ihnen gelungen, den rätselhaften "Todesmarsch durchs Cheruskerland" (so der Historiker G. A. Lehmann) in ein beinahe lückenloses Szenarium zu bündeln.

Die militärische Katastrophe, soviel ist sicher, traf die Römer auf der Höhe ihrer Macht. Linksrheinisch hatten sie die Reichsfront bis zur holländischen Küste vorgeschoben. Nach Nordosten hin markierte die Lippe, ein Nebenfluss des Rheins, die befestigte Grenze mit "Barbaricum".

Der Widerstand der "freien Germanen" schien längst gebrochen. Bereits 11 v. Chr. war der römische Feldherr Drusus in weit ausholenden Zangenoperationen bis zur Elbe vorgerückt. Er stiess dabei in ein "windiges Land" mit "widerwärtigen Sümpfen" vor, wie Geschichtsschreiber Tacitus anmerkt. Die dort lebenden Ureinwohner, so der römische Historiker, zeichneten sich durch "wild blickende Augen, rötliches Haar und grosse Körper" aus.

Im Jahre 7 n. Chr. übernahm Varus die fünf Legionen starke Rheinarmee. Behutsam sollten das Nordland in den Rang einer Provinz erhoben und die Germanen zu guten Steuerzahlern erzogen werden. Einige Stämme kämpften bereits als Auxilien in römischen Diensten. Der Cheruskerfürst Arminius besass als Chef der germanischen Hilfstruppen sogar römisches Bürgerrecht.

Im Frühjahr des Jahres 9 setzte Varus vermutlich von Xanten aus mit einem gewaltigen Tross über den Rhein und zog ostwärts in Richtung Weser. Schwerbewaffnete Legionäre, aber auch Schreiner, Handwerker, Köche, Advokaten, Marketender und Verwaltungsbeamte drangen auf schmalen Sandstrassen in eine fast unberührte Urlandschaft vor.

Bei ihren Feldzügen war die römische Militärmaschine weitgehend autark. Tonnenweise Getreide, Palisaden und Hausrat wurden mitgeschleppt. Jeder Legionärstrupp (acht Mann) verfügte über ein Maultier, das Kochgeschirr, Schlafdecken und einen Mahlstein trug.

Bei Minden, so die Annahme, wurde das Sommerlager aufgeschlagen und den Halbwilden der römische Way of life vorgeführt. Varus veranstaltete prunkvolle Reiterspiele, die germanischen Stammesfürsten schlemmten aus Silbergeschirr. Nebenbei sprachen die Besatzer Recht. Sie schlichteten Händel unter den ansässigen Stämmen und versuchten so, allmählich ihre Verwaltungsbürokratie zu installieren.

Die Germanen hatten bis dahin einem nomadenhaften Lotterleben gefrönt. "Wenn sie nicht zu Felde ziehen, verbringen sie viel Zeit mit Jagen, mehr noch mit Nichtstun", schreibt Tacitus. Zu den Leidenschaften der Nordvölker zählt er das "Würfelspiel" und das Saufen eines "Safts aus Gerste oder Weizen": "Tag und Nacht durchzuzechen ist für niemanden eine Schande."

Doch Varus, tief im Feindesland, wiegte sich fälschlich in Sicherheit. Arminius, damals 27 Jahre alt und getrieben von einem "amorphen, elementaren Freiheitsdrang" (Historiker Callies), war zwar ständiger Gast im Feldherrnzelt des Varus. Zugleich aber zog er insgeheim die Fäden für einen organisierten Aufstand.

Als der Sommer zur Neige ging, hatte der Cheruskerfürst seine an der Mittelweser siedelnden Stammesbrüder, die im Raum Südniedersachsen lebenden Brukterer und Marser, die am Steinhuder Meer ansässigen Angrivarier sowie die Chatten, die Urahnen der Hessen, für seine Verschwörung gewonnen.

Ein Frontalangriff, das war dem Militärfachmann Arminius klar, musste um jeden Preis vermieden werden. In offener Feldschlacht waren die römischen Legionen unschlagbar. Einmal in Gang gesetzt, walzten sie alles nieder.

Grund für die Schlagkraft der Armeen war deren hohe Disziplin. Jede Legion war in Kampfblöcke von zehn Kohorten (etwa je 600 Mann) unterteilt. Beim Angriff schleuderte die erste Kohortenreihe zuerst ihre schweren Wurfspeere ("pilum") in die Gegner. Dann hoben die Soldaten die Schilde zu einer geschlossenen Abwehrwand und drückten in den Feind. Der Gladius, das Kurzschwert, wurde von oben über die Schilde bewegt. Nach etwa fünf Minuten trat die vorderste Linie zurück, die zweite Kohortenreihe rückte auf.

Die Germanen, nur mit leichten Speeren ("framen") ausgestattet, zudem ungepanzert und halbnackt, trugen ihre Attacken dagegen chaotisch im Pulk vor. Zudem hatten sie weder Brustpanzer noch Helme. "Bei einem Frontalangriff", meint Schlüter, "hätte Arminius keine fünf Minuten standgehalten."

Im Herbst des Jahres bot sich jedoch die Gelegenheit, die Römer in einen tückischen Hinterhalt zu locken. Varus brach sein Sommerlager ab und blies zur Rückkehr nach Xanten. Wohl 25 000 Menschen, Legionäre, dazu Schleuderer von den Balearen, Reiterei sowie der riesige Versorgungstross samt Karren und Zugtieren, quälten sich wie ein Lindwurm über die schmalen Wege. Experten haben die Länge des Trosses auf mindestens sechs Kilometer geschätzt.

Doch anstatt nach Süden zu ziehen und erst hinter der sicheren Lippe-Linie Richtung Rhein zu schwenken, lenkte Varus das Heer direkt nach Westen - durch unbekanntes Gelände. Der Historiker Cassius Dio (155 bis 235 n. Chr.) nennt als Grund für die ungewöhnlichen Marschroute eine Finte der Germanen. Sie hätten die Armee durch einen fingierten Aufstand "entfernt wohnender Stämme" gezielt auf diesen Nebenweg gelotst.

Varus jedoch blieb ahnungslos. Mit jedem Kilometer marschierte sein Heer nun in einen sich langsam verjüngenden Trichter hinein. Im Norden wurde das Gelände durch ein riesiges Hochmoor begrenzt. Nach Süden hin wölbte sich das schräg zulaufende Wiehengebirge.

Bereits in Höhe der Hunte, 16 Kilometer von der Ausgrabungsstelle von Kalkriese entfernt, vermutet Schlüter die erste Angriffswelle der Germanen. Sie brachen aus Gebüsch und Wäldern hervor, attackierten den langgezogenen Tross, um die Truppenteile zu zersprengen. "Dabei brach ein heftiger Regen und Sturm los" (Cassius Dio). Die lederumspannten Schilde der römischen Infanteristen wurden bleischwer.

Trotz der ständigen "Guerilla-Attacken" (Schlüter) gelang es Varus jedoch, bis zum Abend alle Mannschaftsteile zu vereinigen und ein Marschlager aufzuschlagen. Mit Spaten, Lochbeiteln (spachtelartigen Geräten) sowie Dolabras (einer Mischung aus Axt und Hacke) gruben die Legionäre in aller Eile tiefe Gruben aus, die zu einem riesigen Quadrat zusammenliefen. Der Aushub, zu Erdwällen aufgeworfen, wurde mit mitgeführten Schanzpfählen armiert.

Diesen letzten Rastplatz vor dem grossen Desaster glauben die Osnabrücker Archäologen ebenfalls entdeckt zu haben. Bei Schwagstorf, acht Kilometer vom Engpass entfernt, stiessen sie auf ein 70 Hektar grosses Areal, das im Boden die typischen Grubenlinien aufweist. Ob es sich bei der Entdeckung wirklich um ein römisches Militärcamp handelte, mögen die Forscher noch nicht abschliessend beurteilen - es wäre das nordöstlichste, das je gefunden wurde.

Tags darauf wurden Teile des sperrigen Trosses verbrannt. Dann brach das weitgehend ungeschwächte Heer "in besserer Schlachtordnung" (Cassius Dio) wieder auf und zog - völlig ortsunkundig - über einen schmalen Weg weiter nach Westen, direkt in den Trichter hinein.

"Bei der Planung eines Hinterhalts", sagt Schlüter, "bot der Engpass hervorragende Voraussetzungen."

Verbunkert hinter kilometerlangen Rasenmauern, konnten Hermanns Truppen den römischen Tross auf voller Breitseite angreifen. Während Varus verzweifelt seine Armeen durch den Kessel zu schleusen versuchte, so das Szenario der Archäologen, setzten "zermürbende Defileegefechte" der Germanen ein.

Die bisherigen Grabungsbefunde zeigen, dass in der Senke neben schwerbewaffneten Soldaten auch ein grosser Versorgungszug eingezwängt war. Die Archäologen haben Spielsteine, Jochbeschläge, Schreibgriffel, Siegelkapseln, den Griff einer Öllampe, eine Pionieraxt, eine prunkvolle, einst mit Silberblech überzogene Eisenmaske für Reiterspiele sowie einen Knochenheber, ein chirurgisches Gerät der römischen Militärärzte, ausgegraben.

Der Kampf in dem Nadelöhr muss schnell und für die Römer katastrophal verlaufen sein, zu ungünstig war die Position des eingequetschten Heerzugs. Varus, schwer verwundet, stürzte sich ins eigene Schwert. Der Versuch, den Feldherrn noch schnell zu bestatten, gelang nur halb. Die Germanen stürmten den Scheiterhaufen und schlugen der halbverkohlten Leiche den Kopf ab.

Grausame Schicksale erlitten auch die Centurionen und hohen Offiziere. Sie wurden vermutlich in nahe gelegene Hain-Heiligtümer verbracht "und bluteten unter dem Opfermesser der germanischen Priester", wie Theodor Mommsen schreibt.

Solche Opferschächte hoffen die Forscher nun in der Umgebung aufzuspüren. Auf Kult-Riten sind wahrscheinlich auch die insgesamt sechs Silbermünzschätze zurückzuführen, die seit dem 18. Jahrhundert in der Senke gehoben wurden. Für gering halten die Forscher die Aussicht, komplette Ausrüstungsteile auszugraben. "Der Schlachtort", sagt Schlüter, "ist von den siegreichen Stämmen über Jahre hin geplündert worden."

Als der römische Feldherr Germanicus im Jahr 15 n. Chr. mitsamt acht Legionen zum Gegenschlag ausholte und schliesslich das Schlachtfeld fand, stiess er bereits nur noch auf "Waffentrümmer und Pferdegerippe", wie Tacitus berichtet. Der ganze Grund sei von "bleichenden Gebeinen" übersät gewesen: "An den Stämmen der Bäume waren Menschenschädel angeschlagen."

Kulturgeschichtlich wirkte die Niederlage in Barbaricum bis in die Neuzeit nach. Rom konnte sein Reich nie bis zur Elbe ausdehnen. Während ganz Westeuropa die Vorteile der römischen Zivilisation übernahm, schotteten sich die Germanen ab und blieben, wie Tacitus meint, "ein reiner, nur sich selbst gleicher Menschenschlag von eigener Art".

Stolz tranken die Sieger weiter Bier, sie spielten Würfel, später Skat, und blieben dem Schlachtruf "Ausländer raus!" ihres Urvaters treu.

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