Fiasko in der Senke

Rekonstruktion der Varus-Schlacht auf der Basis der neuesten Grabungsfunde

Im Herbst des Jahres 9 nach Christus geriet die Besatzungsarmee des Varus beim Rückzug Richtung Rhein in einen germanischen Hinterhalt. Drei Legionen, sechs Auxilien, drei Reiter-Alen sowie der Versorgungstross, insgesamt rund 25 000 Mann, fanden den Tod.

Aber wo? An einem Ort "haud procul Teutoburgiensi saltu", unweit des Teutoburger Waldes, hatten antike Geschichtsschreiber das Desaster angesiedelt. Archäologen des 19. Jahrhunderts glaubten der überlieferung und errichteten nahe Detmold das Denkmal zu Ehren Hermanns des Cheruskers. Mit Helmbusch und Schwert hält der Koloss Wacht über die deutsche Nation. Die moderne Forschung blieb skeptisch: "700 Theorien - doch keine führt zum Schlachtfeld", urteilte 1983 der Altertumsforscher Wilhelm Winkelmann.

Erst 1987 tat sich eine Spur auf. Ein Brite, der Hobbyarchäologe Anthony Clunn, war bei Kalkriese nahe Osnabrück - 80 Kilometer vom Hermannsdenkmal entfernt - auf römische Silbermünzen gestossen. Die Grossgrabung begann. Mittlerweile hat Chefarchäologe Wolfgang Schlüter vier Quadratkilometer des antiken Kampfplatzes prospektiert. Zu den interessantesten Fundstücken gehören chirurgisches Besteck, eine römische Gesichtsmaske sowie ein Maultierskelett. Das Tier war zusammengebrochen und lag mit den Füssen nach oben auf der Kampfarena.

Im Sommer dieses Jahres stiessen die Ausgräber auf eine Reihe von Menschenknochen, darunter ein Unterkiefer. Das Skelettmaterial soll in den nächsten Monaten am Anthropologischen Institut der Universität Göttingen analysiert werden. Alten Quellen zufolge erstreckten sich die guerrillaartigen Attacken der Germanen über drei Tage, während der Varus-Heerzug (geschätzte Länge: sechs Kilometer) weiterzog. Am dritten, entscheidenden Schlachttag war der Engpass von Kalkriese erreicht. Der Archäologe Schlüter vermutet den ersten Feindkontakt bei Schwagstorf (...). Geschützt durch Rasensodenmauern, griffen die Germanen den lang gestreckten Heereszug auf voller Breite an. Wegen der örtlichen Gegebenheiten - die Varus-Armee marschierte auf einem schmalen Flugsandrücken, der nach Norden hin an ein Moor grenzte - konnte sich der Armee-Treck nicht zu einer geschlossenen Gefechtsformation gruppieren. Im Eilmarsch versuchte Varus durch den Kessel zu entkommen.

"An der engsten Stelle des Trichters", sagt Schlüter, sei es dann zu "Uneinigkeiten in der römischen Führung" gekommen, wie das Heer zu retten wäre. Solche Zwistigkeiten, in antiken Kriegsberichten geschildert, liessen sich anhand der Streuung der Funde belegen. Demnach rückte der Haupttross weiter auf dem begehbaren Sandrücken Richtung Engter vor und wurde infolge der ständigen Flankenangriffe der Germanen restlos aufgerieben. Andere Truppenteile türmten durch den Morast. Sie durchquerten die feuchte Senke und setzten sich Richtung Nordwesten ab. Eine Ansammlung von Schlachtentrümmern im Norden zeigt, dass auch dieser Fluchtweg versperrt war.

Nur das Motiv für den Aufstand ist in der Zunft immer noch strittig. Handelte Arminius aus "Ehre", wie die Mehrheit der Forscher glaubt? Oder war er scharf auf Varus' Silberbesteck und, so der Würzburger Historiker Dieter Timpe, vor allem aufs "Beutemachen" aus?

DER SPIEGEL 44/1996


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