DER SPIEGEL 11/2004 - 08. März 2004
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Che Guevara im Nebelland


Ein Grossmuseum feiert Kalkriese bei Osnabrück als wahren Ort der
Varus-Schlacht. Nun zweifeln Archäologen daran. Neu entdeckte
Massengräber und Holzkasernen belegen: Das Gemetzel war nur der Auftakt
für einen jahrelangen Guerillakrieg. 50 000 römische Soldaten kamen
dabei um.

Römische Feldzüge zur Eroberung Germaniens

Germanien, 9 nach Christus: Durch bewaldetes Gebiet, auf schmalen
Sandpfaden, trotten 18 000 Legionäre, dazu Schleuderer von den Balearen
oder Kreta sowie drei Reiter-Einheiten. Es ist Herbst, nasskalt, die
Maultiere schreien.

Rasselnd mit jedem Schritt (Roms Soldaten trugen rund 15 Kilogramm Eisen
am Leib) kehrt die Armee des Feldherrn Quinctilius Varus samt Knechten,
Ärzten und Dirnen vom Sommerlager an der Weser zurück. Plötzlich brechen
Germanen aus dem Gebüsch - ein Hinterhalt.

Drei Tage ziehen sich die Kämpfe hin, während der römische Tross, durch
härtesten Drill geschult, die Marschordnung aufrechterhält, die Attacken
abwehrt und weiterzieht. Doch dann ist das Heer erschöpft. Es wird
eingekesselt und aufgerieben. Feldherr Varus stürzt sich ins Schwert.
Seine Offiziere bluten später unter den Opfermessern nordischer Priester.

Tief grub sich der "Sieg im Teutoburger Wald" ins Seelenleben der
Deutschen ein. Mit dem Tod des Varus wurde ein Überheld geboren: Hermann
der Cherusker, den die Römer Arminius nannten - verehrt als Siegfried,
dargestellt als draller Helmbuschträger. Die "taz" nannte ihn den
"deutschen Asterix".

Durch "Verrat", so versüsste Geschichtsschreiber Tacitus seinen Lesern
das Fiasko, seien die 18 000 Elitesoldaten zu Grunde gegangen. Richtig
ist: Der germanische Anführer Hermann, ein Adelszögling, wurde in Rom
zum Offizier ausgebildet. Zuerst ein treuer Vasall der Römer, befehligte
er hochgerüstete germanische Hilfstruppen. Die gingen mit ihrem Anführer
von der Fahne und fielen Varus in den Rücken.

Nur wo? An einem Ort "Teutoburgiensis saltus", heisst es, habe sich das
Gefecht ereignet. Also weihte Kaiser Wilhelm I. nahe Detmold im
Teutoburger Wald eine 27 Meter hohe Bizepsfigur aus Bronze ein. Das war
1875.

1989 wendete sich das Blatt. In Kalkriese bei Osnabrück (siehe Karte)
kam ein Trümmerfeld zu Tage, gespickt mit Schienenpanzern, Schnallen und
Sandalen. Man fand Geschirr von Zugtieren, Bleilote und Medizingeräte.
Zwei Inschriften belegen die Anwesenheit einer ersten Kohorte, der 480
Mann starken Kerntruppe der Legion.

Seit vorletztem Jahr steht ein 14 Millionen Euro teures Museum vor Ort.
Aus Angst vor falschem Pathos wurden die Aussenwände aus rostigem Stahl
errichtet. Auf dem antiken Kampfplatz stehen Spundwände - ein Anblick
wie im Hamburger Hafen. Gleichwohl kamen im vergangenen Jahr 150 000
Besucher.

Wer die Ausstellung hinter sich hat, kann im Souvenirladen Mettwurst
("Harter Hermann") und "Thusneldas Beste" kaufen - eine Marmelade,
benannt nach der Gattin des Hermann. Kalkriese sei ein "finaler
Kampfplatz", erklärt der Geschäftsführer Christian Jaletzke, "aber wir
sind kein Soldatenfriedhof".

Zur 2000-Jahr-Feier wird der Rummel noch gesteigert. Gemeinsam mit der
Museums-GmbH, der Uni Osnabrück und dem Landschaftsverband Westfalen
stellen die Kultusminister von Niedersachsen und NRW derzeit die Weichen
fürs grosse Jubiläum.

Vielen Forschern bereitet das Datum allerdings Unbehagen. Ein schlimmer
Verdacht liegt auf dem Rostkasten-Museum, jenem bewusst trostlos
gehaltenen "Symbol nationalen Behauptungswillens" (der Historiker Rainer
Wiegels). Immer mehr Experten vermuten, dass Varus nie in Kalkriese war
- und schon gar nicht dort starb.

Die Debatte um den wahren Austragungsort der berühmten Schlacht sei
"viel zu früh beendet worden", befürchtet der Archäologe Stephan Berke
aus Münster. Peter Kehne, ein Historiker in Hannover, sieht es so:
Infolge der "vielen Fördergelder" sei in Kalkriese "ein Zwang zur frühen
Eindeutigkeit" entstanden.

Dass in dem Engpass bei Osnabrück Tausende Menschen starben, leugnen
auch die Kritiker nicht. Doch sie verbinden das Geschehen mit einem ganz
anderen, viel späteren Schlagabtausch.

Tacitus erzählt, dass im Jahr 16 nach Christus zwei römische Legionen
(12 000 Mann) beim Rückzug im morastigen Emsland in einen Kessel
gerieten. Es gab hohe Verluste. Fast der gesamte Tross ging verloren.

Angeführt wird die Partei der Kritiker vom Tübinger Numismatiker
(Münzkundler) und Althistoriker Reinhard Wolters. In einem furiosen
Aufsatz hat der jüngst im Fachblatt "Klio" die Einwände gegen die
Kalkriese-These gebündelt.

Die neuen Zweifler legen das Augenmerk auf eine Epoche, die zu den
spannendsten Kapiteln römischer Herrschaft gehört. Laut Orosius, einem
Geschichtsschreiber, tobte erst /nach/ dem Tod des Varus im Gebiet um
die Elbe der "grösste und furchtbarste Krieg".

Was damals wirklich geschah, lag lange im Dunkeln. Bislang galt folgende
Lehrmeinung: Nach der Varus-Katastrophe 9 nach Christus zogen sich die
Römer fluchtartig hinter die Rhein-Linie zurück und starteten von dort
nur noch einige "Rachefeldzüge".

Doch das stimmt offenbar nicht. Verbissen und mit höchstem militärischen
Einsatz an Material und Kosten, so die neue Erkenntnis, hielt das
Imperium daran fest, das aufmüpfige Nordland unter Tribut zu zwingen.
Schanzarbeiter bauten zerstörte Brücken wieder auf, sie zogen Strassen
und Kasernen im Feindesland hoch. Noch im Jahr 16 hielten sich im
rechtsrheinischen Gebiet nahezu 100 000 römische Kämpfer auf. Und sie
richteten ein Blutbad an. Die Varus-Schlacht sei nur der Auftakt
gewesen, erklärt der Historiker Kehne: "Wir suchen 13 grosse
Schlachtfelder und viele weitere kleine Kampfplätze."

Solche Ansichten können sich auf Hinweise stützen. Archäologische Funde
legen nahe, dass Rom zwischen 11 und 16 nach Christus den barbarischen
Nachbarn einen Vernichtungskrieg aufzwang. Das Imperium

* besass zu dieser Zeit in Friesland an der Emsmündung eine Flottenbasis,

* verfügte über 1300 Kriegsschiffe, die auf Ems, Elbe und Weser fuhren,

* errichtete in Nimwegen eine Offiziersschule, gleichsam das
Hauptquartier, von dem aus der spätere Oberkommandeur Germanicus
die Angriffe steuerte.

"Die Pläne, Germanien in eine Provinz umzuwandeln, waren viel weiter
gediehen als bislang gedacht", beschreibt die Frankfurter Archäologin
Gabriele Rasbach die Lage. Sie legt derzeit in Waldgirmes (Hessen) die
älteste Stadt auf deutschem Boden frei. Es ist eine Steinsiedlung mit
Prunkbauten, die bereits um die Zeitenwende entstand.

Erst 17 nach Christus zog sich das Römische Reich zurück. Halb fertige
Städte wurden geräumt, gepflasterte Strassen und Flottenstützpunkte
aufgegeben.

Was für eine Schlappe! Ein Barbar, Anführer einer Art Urwald-Guerilla,
hatte das Reich "auf der Höhe seiner Macht" (Tacitus) anzugreifen gewagt
- und war nicht bezwungen worden. Am Ende kämpfte fast ein Drittel der
römischen Armee gegen den Che Guevara aus dem Nebelland. Der aber
entwischte ihnen ein ums andere Mal.

Glanzlos und zermürbt zog sich der Eisengürtel aus Legionären hinter den
Rhein zurück - ein "antikes Vietnam" ("Frankfurter Allgemeine").

Wie kaum ein anderes Ereignis hallte der Rückzug der Römer mit langem
Echo durch die Geschichte. Ungezähmt und nie romanisiert gedieh im
Norden jenes Ferment der Wildheit, das im 6. Jahrhundert in Gestalt der
Langobarden das Römische Reich zerschlug.

Hermann selbst endete als tragischer Held. Beseelt vom Traum eines
geeinigten Germanenlandes (den erst 800 Jahre später Karl der Grosse
erfüllte), scheiterte er gänzlich. Die Häuptlinge der frühgermanischen
Stammeskulturen hielten von seinen Vereinigungsplänen nichts. Sie
ermordeten ihren "Retter" im Jahr 21 nach Christus.

Damit endete ein Kapitel der Weltgeschichte, das der römische Kaiser
Augustus ("der Erhabene") leichtfertig im Jahr 15 vor Christus eröffnet
hatte. Bei Wein und Sklavensex beschloss er in seinem Marmorschloss auf
dem Palatin, das kalte Nebelland zu unterwerfen. "Neun Monate Winter und
kein Sommer", hatte Vorgänger Cäsar noch über das Klima gemault. Der
neue Monarch liess sich davon nicht schrecken.

Mit einer gewaltigen Streitmacht überschritt er die Alpen bis zur Donau.
Dann wurden die gallischen Truppen offensiv disloziert. Sie rückten in
rund 40 neu errichtete Kastelle direkt am Rhein vor. Die grössten Forts
waren Noviomagus (Nimwegen), Vetera (Xanten) und Mogontiacum (Mainz).

Sodann preschte der Feldherr Drusus mit sechs Legionen im schnellen
Vorstoss nach Osten. Bereits 9 vor Christus stand seine Armee etwa dort,
wo sich heute Hamburg befindet. Dort fiel der Chef vom Pferd und starb.

Der Widerstand war anfangs gering. Rückständige Bauern besiedelten die
norddeutsche Tiefebene. Sie lebten in bis zu 50 Meter langen
fensterlosen Häusern, wo sie "keinen anderen Brei als Haferbrei"
verzehrten (so der Schriftsteller Plinius). Sex vor dem 20. Lebensjahr
war verpönt. Treue und strenge Zucht war die Tugend der Jungmannen.

Roms Vorrücken habe einem "Einmarsch in die Dritte Welt" geglichen,
meint der Historiker Herwig Wolfram. Gegen diese Naturburschen wirkten
die Vertreter der mediterranen Grossmacht lasterhaft. Mit Silberbesteck
reisten die Feldherren in den Urwald. Sie warfen ein Netz aus Strassen,
Verwaltung und Handel über das wilde Land und lockten den germanischen
Adel mit Geschenken. Deren Kinder durften zur Ausbildung nach Rom.

Die Grabungen in Haltern bei Recklinghausen (römisch: "Aliso") geben
einen Eindruck vom Leben der Soldaten. Hinter Holzpalisaden standen auf
30 Hektar Fläche Werkstätten, Kasernen, ein Hightech-Lazarett sowie
prachtvolle "Tribunenhäuser". Eine volle Legion war dort stationiert.
Versorgt wurden die Römer durch Getreide-Schiffe, die direkt am
Flusshafen hielten.

5 nach Christus drangen Kundschafter bis zur Ostsee vor. Sie betraten
die "Bernsteininsel Abalus" (gemeint ist wohl Helgoland) und segelten
die Elbe hoch bis nach Magdeburg.

Als "sensationell" stufen die Archäologen vor allem die Steinhäuser von
Waldgirmes nahe Giessen ein. "Wir waren völlig verdutzt", so Rasbach.
Mitten im Germanenland, bald 100 Kilometer vom Rhein entfernt, erhob
sich die Römer-City. Die Archäologen entdeckten Glasperlen sowie 160
Trümmer eines Reiterstandbilds. Es war vergoldet und stand auf dem 2200
Quadratmeter grossen Marktplatz der Stadt.

Als Varus die Rheinarmee 7 nach Christus übernahm, schien das Land bis
zur Weser befriedet. Im Prunkstuhl klapperte der Chef die
Germanensiedlungen ab und lud den Adel in sein Festzelt. Zugleich begann
er mit Rechtsprechung und Steuereintreibung.

Genau an diesem Punkt erfolgte die Revolte. Angeführt von Hermann und
seinen Getreuen, sammelte sich im Herbst des Jahres 9 eine Streitmacht
aus Chatten, Cheruskern, Marsern und Brukterern.

Aber fand der Kampf wirklich in Kalkriese statt? Die Befunde zeigen,
dass die Germanen dort in aller Eile eine 400 Meter lange Grassodenmauer
mit Brustwehr an einem Engpass zwischen Berg und Moor errichtet hatten.
Geschützt warteten sie auf den römischen Tross, um ihn von der Seite
anzugreifen. Doch einiges passt nicht ins Bild:

* Die Quellen berichten, dass Varus zwischen "Sümpfen und Wäldern"
überrascht wurde. Die Legionen von Kalkriese aber marschierten auf
einem breiten Heerweg. Der Historiker Kehne: "Das war die A 2 der
Antike."

* Niemand kann erklären, warum der lange Tross blindlings in den
Engpass hineinlief.

Und auch der wichtigste Trumpf der Niedersachsen, ihr numismatischer
Beweis, bröckelt, mit dem sie die Schlacht angeblich "punktgenau"
datieren. Insgesamt 627 Asse, kleine Kupfermünzen, lagen auf dem
Kampfplatz bei Kalkriese. Einige davon haben den Gegenstempel VAR
(Varus). Sie stammen aus der Zeit zwischen 7 und 9 nach Christus -
früher kann das Geschehen dort folglich nicht stattgefunden haben.

Für die Schlussdatierung wiederum nutzte der Münzkundler Frank Berger
die zweite Serie der Augustus-Asse. Die sei "ab 10 nach Christus"
geprägt worden, tauche in Kalkriese aber noch nicht auf. Fazit: Das
Kampfgeschehen dort müsse sich also exakt im Jahr 9 nach Christus
ereignet haben.

Mit dieser "Punktlandung", wie die jubelnden Forscher es in den
neunziger Jahren nannten, heimste Kalkriese Millionen an Geldern ein.
Senioren und Studenten walhallen in die sumpfige Ebene am
Mittellandkanal. Schulbücher und Lexika wurden umgeschrieben.

Doch jetzt wackelt diese Geldstück-Datierung. Neue Funde, erklärt der
Numismatiker Wolters, würden zeigen, "dass die Lugdunum-Asse womöglich
erst 12 oder 14 nach Christus geprägt wurden und verzögert in Umlauf kamen".

Damit steht die Schlacht von Kalkriese jäh ohne Schlussdatum da. "Die
Trümmer können auch aus dem Jahr 16 stammen", meint Kehne.

Zwar ziehen nicht alle Münzkundler diesen Schluss. Doch die Idee, dass
Varus im Kalkrieser Flachland zu Grunde ging, hat an Zugkraft verloren.
Bahnt sich da ein neues Debakel an? Erst wurde Kaiser Wilhelms
Hermann-Denkmal an der falschen Stelle platziert. Nun droht der
Rostlaube von Kalkriese ein ähnliches Schicksal.

Die Fachleute jedenfalls wenden ihr Augenmerk immer mehr auf die bislang
weitgehend unerforschte Zeit /nach/ dem grossen Varus-Desaster. Hermanns
Sieg, 9 nach Christus, so viel ist klar, riss ein riesiges Loch in die
römische Streitmacht - wo immer er sich auch ereignete. Einige
Versprengte konnten sich aus dem Kessel Richtung Rhein retten. "Varus,
gib mir meine Legionen wieder", soll Kaiser Augustus gebrüllt haben, als
ihm ein Bote die Nachricht übermittelte.

Das Imperium schwächelte, und die Germanen setzten sofort nach. Flugs
schwenkte Hermann sein Heer gegen die Festung Aliso und belagerte sie.
Wahrscheinlich 3000 Mann wurden eingeschlossen. So steht es beim
Historiker Florus. Aber kaum einer glaubte ihm.

Doch jetzt liegen archäologische Beweise für die Umklammerung vor. In
einer Töpferei, 130 Meter vom Haupttor des Forts entfernt, kam ein
Massengrab zu Tage. Die Ausgräber vermuten, dass die Römer sich mit
einem Pfeilhagel schützten. Hernach sei eine "Reinigung des Kampfplatzes
wegen Seuchengefahr" erfolgt.

Kaum war der Ring um Aliso gesprengt, holte die Supermacht vom Tiber zum
Gegenschlag aus. Der Kaiser gab Order, die Rheinarmee auf acht Legionen
aufzustocken.

Das Jahr 10 nach Christus verging mit Organisationsfragen,
Truppenverlegungen, Umbauten der Rheinlager. Dann schlug Rom, der
gereizte Löwe, wieder zu.

In deftigen Worten hat der Soldat Velleius Paterculus den nun
einsetzenden Unterwerfungskrieg geschildert. Man habe die Germanen,
dieses "Volk von geborenen Lügnern", totgeschlagen. Genaues ist nicht
bekannt.

Erst fürs Jahr 14 nach Christus fliessen die antiken Nachrichten wieder
üppiger: Der neue römische Feldherr Germanicus, Nachfolger von Varus,
übernahm das alleinige Kommando im Norden. Knapp 50 000 Rhein-Legionäre
wurden einem 29-jährigen Hitzkopf unterstellt.

Kaum im Amt, entschloss sich der Mann zum jähen Vorstoss. Unbemerkt
setzte er mit 12 000 Mann über den Rhein, pirschte sich nachts ins
Gebiet der Marser und überraschte den Stamm bei seiner Kultfeier.
Tausende starben in einer Orgie der Gewalt.

Nach der Schneeschmelze im nächsten Jahr ging der Heerführer gegen die
Urväter der Hessen, die Chatten, vor. Eine vorgeschobene Operationsbasis
sowie Eilmärsche zu deren Siedlungskammern führten erneut zum Erfolg.
Der Hauptort "Mattium" wurde eingeäschert, Nichtwehrfähige wurden
getötet oder in die Sklaverei geführt.

Doch schon der anschliessende Sommerfeldzug stiess ins Leere. Strategisch
war er gut durchdacht: Während Germanicus seine Truppen mit dem Schiff
vom Rhein aus über die Nordsee heranführte, rückte das Landheer von
Xanten aus vor. Die in die Zange genommenen Brukterer aber büxten aus.
Germanicus blieb nur die "weiträumige Verwüstung" (Kehne).

Voll "schmerzlichem Mitgefühl", erzählt Tacitus, sei die Armee sodann
zum früheren Varus-Schlachtfeld gezogen, wo sie "bleichende Gebeine"
antraf: "An Baumstämmen" hingen "angenagelte Köpfe". Kaum waren die
Skelette bestattet, geriet die römische Vorhut erneut in einen Hinterhalt.

Hermann erwies sich abermals als ein Meister des Guerilla-Kampfes.
Geschickt nutzte er die schlechte Infrastruktur und das unübersichtliche
Gelände. Roms Armee hetzte einem Phantom hinterher. "Das Hauptproblem
lag darin, den mobilen Feind überhaupt zu stellen", bemerkt der
Historiker Rainer Wiegels.

Doch die Strategie hatte einen hohen Preis. Schutzlos gaben die Germanen
ihre Dörfer preis. Im Herbst des Jahres 15 fiel die schwangere Thusnelda
in die Hand der Römer. Rasend vor Sehnsucht, erzählt Tacitus, habe der
Gatte daraufhin noch feuriger zum Widerstand gegen die "Zwingherren"
aufgerufen.

Auch sein Gegenspieler Germanicus erhöhte die Anstrengungen. Zimmerleute
in Gallien mussten im Winter 15/16 im Akkord Kriegsschiffe bauen. Mit
diesem Geschwader wollte der Feldherr über Rhein und Nordsee in die
Flüsse vorstossen. Der Regensburger Althistoriker Heinrich Konen spricht
von einer "Marineoperation mit 1300 Schiffen".

Ein mit Amphoren und Waffenschrott bedeckter Platz am Bentumersiel nahe
der Emsmündung diente den Römern dabei offensichtlich als Stapelplatz
für die Truppentransporter. Wohl im April 16 ging es los. 90 000
Eisen-Krieger, 20 000 Pferde und Packtiere sowie 1000 Fuhrwerke gingen
am morastigen Emsufer von Bord. An einem Ort "Idistaviso" kam es zu
einer lang andauernden Umgehungs- und Verfolgungsschlacht. Die Germanen
versuchten zu fliehen, viele entkamen.

Auch die "Schlacht am Angrivarierwall" brachte den Römern hohe Verluste.
Wieder war es nicht gelungen, die feindlichen Kampfkontingente
auszuschalten.

Halb Germanien loderte, verbrannte Erde überall. Held Hermann aber hatte
überlebt. Erschöpft schiffte sich das Römerheer Ende 16 nach Christus
zum Rückzug in die Winterlager ein. Beim Einmünden in die Nordsee geriet
die Flotte in eine Springflut. Viele Schiffe kenterten. Germanicus
strandete auf Borkum und koordinierte von dort die Rettungsaktionen.

All dies sind nur Streiflichter eines Jahre dauernden Krieges, den die
antike Historie oft kryptisch und widersprüchlich beschreibt. Die
Forscher gehen davon aus, dass Germanicus etwa 100 000 Legionäre und
Hilfstruppen befehligte. Kehne: "20 bis 25 Prozent von ihnen starben."

Schliesslich zog der neue Kaiser Tiberius die Notbremse. Auf Beschluss
des Senats wurde Germanicus zum Bezwinger des Nordens erklärt - und in
den Orient weggelobt. Dort starb er unter ungeklärten Umständen. Kaiser
Tiberius pfiff alle Truppen zurück. Aus der Traum vom Grenzfluss Elbe.

Mit diesem Beschluss vollzog sich ein "Wendepunkt europäischer
Geschichte", wie der Archäologe Bernhard Ortmann schreibt. Hunderte von
verfaulten Schiffen, Militaria und Scherben müssen noch heute im
Wattenmeer und im Schlick der Norddeutschen Tiefebene liegen.

MATTHIAS SCHULZ

© DER SPIEGEL 11/2004