Wo siegte Hermann?

Vor 15 Jahren: Ausgrabung "Varusschlacht" beginnt offiziell

Nördliches Germanien, im Jahre neun nach Christus: Das römische Imperium erleidet einen herben Rückschlag. Ein Germanenheer unter dem Cheruskerfürsten Arminus (zu deutsch: Hermann) vernichtet drei Legionen - rund 25.000 Mann. Der römische Feldherr Varus stürzt sich aus Verzweiflung in sein Schwert. In die Geschichtsbücher geht das Gemetzel als so genannte Schlacht im Teutoburger Wald ein. Im Lauf der Jahrhunderte wird daraus ein deutscher Befreiungsmythos fabriziert. Bei Detmold steht seit 1875 sogar ein monströses Hermannsdenkmal. Wo genau die Römer geschlagen wurden, bleibt aber ungeklärt.

Wissenschaftler und Lokalpatrioten entwickeln unterschiedliche Thesen über den Ort der Geschehens. Fast 2.000 Jahre lang gibt es keinen konkreten Hinweis - bis die Archäologen vom Osnabrücker Amt für Bodendenkmalpflege am 1. November 1989 am Fuss des Kalkrieser Berges bei Bramsche mit offiziellen Grabungen beginnen. Wenig später wird die eiserne Gesichtsmaske eines römischen Centurios entdeckt. Weitere Reste römischer Militärausrüstung folgen: Spitzen römischer Wurflanzen, Helmbusch-Halter oder die Schuhnägel von Legionärssandalen.

Doch ist Kalkriese tatsächlich der Ort der Varusschlacht? Rainer Wiegels, Professor für Alte Geschichte an der Universität Osnabrück, schätzt die Wahrscheinlichkeit "mit gut 90 Prozent" ein. Er stützt sich auf die zahlreichen Münzfunde: Eine Fülle von Kupfermünzen, so genannte Asse, sind mit dem Zeichen des römischen Statthalters Varus geprägt. Aber Lokalhistoriker aus Detmold zweifeln an diesem Indizienbeweis. Auch der Tübinger Althistoriker Reinhard Wolters hält die Frage noch für offen. Denn die Varus-Münzen waren auch nach dem Untergang der Legionen noch im Umlauf. Dass am Fundort in Kalkriese keine später geprägten Münzen aufgetaucht seien, bedeute nicht, dass die dortige Schlacht im Jahr neun nach Christus stattgefunden habe, meint Wolters. Die überreste könnten auch aus einem späteren Feldzug stammen. Dafür spricht, dass der Untergang der Varuslegionen nicht das Ende, sondern eher der Auftakt einer Reihe schwerer Konflikte in Germanien gewesen ist. So geraten die römischen Truppen unter dem Legaten Caecina im Jahr 15 in eine ähnlich prekäre Situation wie Varus. Deshalb kommt der Tübinger Historiker Wolters zu einer anderen Deutung der Funde in Kalkriese: Für ihn könnten die römischen Reste auch auf Caecinas Truppen zurückgehen. "Meine Einschätzung lautet im Moment 50 zu 50."

Noch sind viele Fragen offen - und die Grabungen gehen weiter. Immer wieder waren die Archäologen überrascht, was das Schlachtfeld an Funden zu bieten hatte. Es gibt durchaus Chancen, in den nächsten Jahren einen Beweis zu finden, dass die Legionen von Varus tatsächlich nördlich von Osnabrück gekämpft haben. "Nicht abwegig, dass man einen Legionsnamen dort findet. Wenn es die 17., 18. oder 19. wäre, wäre man ein Stückchen weiter", sagt der Osnabrücker Historiker Rainer Wiegels.

Stand: 01.11.04

© WDR 2004