Nach Mitternacht

Der Roman "Nach Mitternacht" von Irmgard Keun erschien erstmals 1937.

Die sechzehnjährige Susanne Moder verlässt im Jahr 1933 ihr Elternhaus in einem Dorf an der Mosel und kommt zu ihrer vom Leben enttäuschten und dafür von Hitler begeisterten Tante Adelheid nach Köln. Zwei Jahre später denunziert die Tante die ihr aus mehreren Gründen missliebige Nichte, die sich inzwischen mit ihrem Sohn Franz verlobt hat, bei der Gestapo. Nach einem für sie gerade noch glimpflich abgelaufenen Verhör geht Susanne nach Frankfurt zu ihrem wohlhabenden Stiefbruder Algin, einem einst erfolgreichen, jetzt jedoch von den Nazis boykottierten Schriftsteller. Ihr Verlobter versucht inzwischen, mit einem Freund ein kleines Geschäft aufzubauen; beide werden von einem völkischen Konkurrenten denunziert und kommen ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung findet Franz sein Geschäft völlig zerstört und erfährt, dass sein Freund von der Gestapo umgebracht worden ist. Franz tötet den Denunzianten, fährt nach Frankfurt und überredet Susanne zur gemeinsamen Flucht aus Deutschland.

Der Ablauf dieser Handlung wird in Irmgard Keuns Roman nicht kontinuierlich erzählt, sondern vom Ende her aufgerollt. "Nach Mitternacht" ist ein Ich - Roman, in dem die inzwischen neunzehnjährige Susanne die letzten zwei Tage vor ihrer Flucht beschreibt. In die Schilderung dieser zwei Tage lässt Susanne Erinnerungen an die vergangenen Jahre einfliessen, die die Entwicklung der Ereignisse darlegen und gleichzeitig ihre persönliche wie auch die allgemeine politische Situation Deutschlands erhellen. Im Wechsel von aktuellem Bericht und Rückblick kristallisiert sich das Thema des Romans heraus : der politisch - moralische Niedergang im Deutschland der dreissiger Jahre.

Im Mittelpunkt des ersten Tages steht ein Besuch Hitlers in Frankfurt. Die zahlreichen Beobachtungen, die die Ich - Erzählerin an diesem Tag macht, vermitteln einen beklemmenden Eindruck vom politischen Klima dieser Zeit. Da sind die Frauen, die hysterisch das Fahrrad eines Mannes zertrampeln, der nach einem hilflosen Protest gegen die Absperrungen von SA - Leuten abgeführt wird; da sind die älteren Damen, die beim Horst - Wessel - Lied strammstehen, und da ist der "alte Kämpfer", dessen alkoholgeförderte Begeisterung über den Hitlerbesuch zu später Stunde in eine weinerliche Klage über das Ausbleiben einer Parteikarriere umschlägt : eine Atmosphäre des Spiessertums, des Misstrauens und der Hysterie - jeder bespitzelt jeden, jeder hat vor jedem Angst.

Auf das öffentliche Ereignis des Hitlerbesuches folgt am zweiten Tag das private, ein Fest bei Susannes Stiefbruder Algin. Hier fallen nach Mitternacht Entscheidungen, individuelle Reaktionen auf die gegenwärtigen politischen Zustände : Algin beschliesst, von nun an im Sinne der Naziideologen zu schreiben; der Journalist Heini, der weder in Deutschland noch im Ausland eine Zukunft für sich sieht, erschiesst sich; Franz und Susanne fliehen nach Holland.

Bei ihrem Versuch, ein Bild vom Deutschland der dreissiger Jahre zu zeichnen, beschränkt die Autorin sich bewusst auf eine Darstellung der Verhältnisse im kleinbürgerlichen Milieu. Denn Irmgard Keun führt das Heraufkommen und den Erfolg des Faschismus gerade auf die spezifische Mentalität dieser gesellschaftlichen Gruppe zurück. Die hervorstechenden Eigenschaften des Kleinbürgers, sein Besitzstreben, sein Hang zur Bequemlichkeit und sein Drang zu "Höherem", seine Engstirnigkeit und Engherzigkeit machen ihn zum geeigneten Objekt der Nazi - Propaganda und lassen ihn zum Mitläufer der "grossen Denunziantenbewegung" werden.

Die politische Situation im Deutschland Mitte der dreissiger Jahre erlaubt keine Hoffnung mehr auf eine Veränderung : Das faschistische Regime hat sich etabliert. Ansätze zu einem kollektiven Widerstand zeigen sich nicht; der individuelle Protest ist - so legt der Roman nahe - in diesem Stadium der politischen Entwicklung sinnlos geworden. In dieser ausweglosen Lage bleibt dem, der sich nicht anpassen will, nur die Flucht in die Emigration oder in den Selbstmord.