"Ich lebe in einem wilden Wirbel"

Mit "Ich lebe in einem wilden Wirbel" ist eine Auswahl der vielen Briefe veröffentlicht worden, die Keun an ihren damaligen Verlobten, den Arzt Arnold Strauss, geschrieben hat. Zwischen 1933 und 1940 erreichen Arnold Strauss 268 Briefe und 79 Telegramme, 3 Briefe nach 1940. Danach bricht der Kontakt zwischen Arnold Strauss und Keun ab. Strauss heiratet 1941 Marjory S. Strauss. 1965 stirbt er. Seine Frau findet die Briefe 1977, ordnet sie und entschliesst sich nach Keuns Tod zu einer Veröffentlichung. Marjory S. Strauss hat versucht, auch mit Hilfe der Briefe von Arnolds Eltern, sich ein Bild über die Familie Strauss und vor allem über Irmgard Keun zu machen.

Keun und Strauss lernen sich im Frühsommer 1933 kennen. Keun ist zu diesem Zeitpunkt mit dem 27 Jahre älteren Johannes Tralow verheiratet, spielt aber schon mit Scheidungsgedanken. Strauss verliebt sich in die Schriftstellerin und möchte sie heiraten. Da Strauss Jude ist, entschliesst er sich noch 1933 zur Emigration, zunächst Holland. Keun bleibt vorerst in Deutschland. Der Briefwechsel beginnt. Die Eltern von Arnold Strauss sind mit der Wahl ihres Sohnes nicht einverstanden. Gründe dafür sind wahrscheinlich die schlechte finanzielle Situation Keuns und ihr Schreibverbot in Deutschland. Da ihre Bücher zeitkritisch sind, stehen sie auf der Schwarzen Liste. Keun hat seit Beginn des Nazi-Regimes Probleme, ihre Literatur zu veröffentlichen.

Da sie aber weiterhin einen grosszügigen Lebenswandel führt, ist sie fast ständig in Geldnot. Sie bittet daher Arnold in sehr vielen Briefen und Telegrammen um Geld, das dieser auch fast immer aufbringen kann. Er hofft, dass Keun mit ihm nach Amerika emigriert. Keun kann sich jedoch nie fest dazu entschliessen und bleibt schliesslich in Deutschland. Während der Zeit des Briefwechsels hat Keun verschiedene Wohnsitze. Einen Grossteil der Zeit lebt sie in Köln, sie macht aber auch häufig längere Zeit Urlaub in Moselkern, um sich zu erholen und intensiv an ihren Büchern zu arbeiten. 1935 emigriert Arnold nach Amerika. Bis 1940 besucht Keun ihn dort nur ein einziges Mal .Während Arnold in Amerika ist, lernt Keun den Schriftsteller Joseph Roth kennen und verbringt zwei Jahre (1936-1938) mit ihm. Im Mai 1938 reist Keun dann für zwei Monate nach Amerika. Sie verspricht Arnold zwar noch ein zweites Mal, diesmal für immer, zu kommen, realisiert dies jedoch nie. Arnolds Eltern bemühen sich währenddessen vergeblich um ein Einreisevisum. Im September 1940 sehen sie keinen Ausweg mehr und begehen Selbstmord.

Beim Lesen der Briefe und der Kommentare von Marjory S. Strauss erhält der Leser ein eher negatives Bild von Irmgard Keun. In vielen Briefen ist die Rede von Alkoholexzessen und einem Lebensstil, den sie selbst nicht finanzieren kann. Sie weiss genau, dass Arnold Strauss wenig Geld hat, bedrängt ihn aber trotzdem mit übertriebenen Forderungen und droht regelrecht mit Beendigung der Beziehung. Sie selbst kümmert sich relativ wenig um ihren Verlobten. In ihren Briefen ist hauptsächlich die Rede von ihren Problemen und Wünschen. Es scheint auch kein grosser Wunsch ihrerseits gewesen zu sein, nach Amerika auszuwandern, im Gegenteil, an der Beziehung zu Joseph Roth kann man genau erkennen, dass sie die Abwesenheit ihres Freundes dazu genutzt hat, sich mit anderen Männern enger anzufreunden. Alles in allem scheint sie ein sehr egoistischer Mensch gewesen zu sein.