Seide - chinesisches Gold

von Dipl. Ing. Matthias Vogel

1. Geschichtliches

Schon vor 5000 Jahren wurde die Seide in China verarbeitet. Weltweit fand die Seide Ihre Verbreitung über die Seidenstrasse, die mit einer
Länge von über 10 000 km auf dem Landweg von China über Byzanz nach Venedig und Rom führte. Bei Todesstrafe war es verboten
Seidenraupen oder Eier aus dem Land zu schaffen. Ein Kilo Seide war damals im römischen Reich soviel wert wie ein Kilo Gold.
Die Seidenraupenzucht ist auch heute noch überwiegend Handarbeit, die in China in etwa 20 Millionen Familienbetrieben verrichtet wird. Sie
bringt für chinesische Verhältnisse Wohlstand und Ehre.

2. Die Zucht

Alles beginnt mit den kleinen Seidenraupen. Sie sind 3 mm gross. Um ihren Appetit zu stillen braucht man für 30 000 Stück etwa eine Tonne
frische Maulbeerblätter.
Im Unterschied zu den Maulbeerseidenspinnern können alle Raupen die Wildseide liefern, nicht in geschlossenen Räumen gehalten werden,
sondern müssen im Freien gezüchtet werden. Der Name "Wildseide" ist allerdings trügerisch: Die Wildseide stammt heute nicht mehr von
wilden Raupen, sondern ebenfalls von gezüchteten.

Innerhalb von einem Monat wächst die Raupe auf Zeigefingerlänge heran. Und beginnt sich darauf im abgedunkelten Zuchtraum
einzuspinnen. In achterförmigen Bewegungen dreht sich die Raupe dabei etwa 100 000 mal um sich selbst. Dieser Prozess dauert drei Tage
und Nächte. Nun werden die besten Kokons aussortiert zur Weiterzucht. Die anderen werden in heissem Wasser abgekocht. Von den
gesponnenen 3000 m Seidenfaden ist allerdings nur ein Drittel zur Weiterverarbeitung einsetzbar. Durch Einweichen der Kokons in
Heisswasserbädern wird der Seidenbast eingeweicht und dann mit Hilfe von Bürsten der Seidenfaden vorsichtig abgelöst. Die äussere Schicht,
die Flockseide wird versponnen. Die hochwertige Seide aus dem Inneren des Kokons wird aufgehaspelt. Ca. 4 bis 7 Kokons müssen
gemeinsam aufgehaspelt werden, damit der Faden eine brauchbare Dicke bekommt. Die Haspelseide kommt als Rohseide auf den Markt und
wird in der Regel versponnen, bevor sie durch abkochen in Wasser und Seifenlauge entbastet wird. Kurze Kämmlinge werden zu den etwas
gröberen, noppigen Bourette-Seidengarnen versponnen. Für ein Kilogramm Rohseide benötigt man 10 bis 11 kg Kokons.

Die Maulbeerbäume werden heute zum Teil in Monokultur angebaut. Durch die mögliche Erkrankung der Raupen ist dabei heute der Einsatz
von Pestiziden stark eingegrenzt.

3. Aufbau des Seidenfadens (siehe Bildfolie)

Der Hauptbestandteil des Seidenfadens - natürliche Proteine - macht die hohe Elastizität und Geschmeidigkeit aus. Ein Seidenfaden von 1m
Länge kann sich um ca. 15 cm dehnen ohne zu reissen.

4. Eigenschaften der Seide

- Hautfreundlich, durch die Eiweissstruktur und die Weichheit der Faser.
- Temperaturausgleichend
- Sehr dehnbar und elastisch, dadurch knitterarm
- sehr hohe Festigkeit
- hohe Feuchtigkeitsaufnahme möglich, bis 30% ihres Eigengewichtes
- Geringes Wärmerückhaltevermögen
- Wenig schmutzanfällig
- Hohe Regenerationsfähigkeit
- Kann sich elektrostatisch aufladen
- Sehr empfindlich gegen Laugen, gegen Schweiss, Deodorant, Parfum etc.
- hohe Lichtempfindlichkeit, Folge ist ausbleichen und Verminderung der Festigkeit
- daher anfällig gegen Ausbleichen


5. Produktionsschritte bei der Seidenherstellung

Chinas Seidenraupenzucht bringt 2 Arten von Seidenraupen hervor: In Süd-China werden Maulbeeren fressende Seidenraupen gezüchtet, sogenannte
"Tussah-Spinner" brüten in Eichenwäldchen im Norden Chinas. Seidenraupen-Kokons werden mit dem Abkochen entbastet und zu Rohseide abgehaspelt, dem Hauptbestandteil von gewebten Seidenstoffen. Zum Abkochen der Kokons benötigt man Wasser und Dampf unter Zustellung einer bestimmten Menge an Lösungsmitteln und pH-Wert Puffern. Lösungsmittel sind z.B.: NA2 SIO3; NH3 H2O; 2Na3 C6H5 O7 x 11H2O. Als PH-Wert Puffer verwendet man: CH2O; CH3 COOH und NAHO2 CH2O H2O. Das Abwickeln wird maschinell in heissem Wasser vorgenommen. In der Vergangenheit hat es Abwickelprozesse per Hand gegeben, heute jedoch nicht mehr.

5.1. Maulbeerseiden wie Pongé, Crepe de Chine, Chiffon... werden aus Haspelseide
wie folgt hergestellt : Das Garn wird aus 5-6 Fäden zu einem endlosen sehr steifen und reissfesten Faden zusammengedreht. Hieraus entstehen Kette und Schuss
für die dünnen Seidenstoffe - ohne Zusatz von chemischen Hilfsmitteln.  Weben, Abkochen und Entbasten siehe Bouretteseide.

5.2. Bouretteseide:
Aus den Abwickel- und Abtrennvorgängen bleiben Seidenabfälle und Abfall-Kokons übrig, die zu Seidenspinngarn (Spunsilk-yarn)verarbeitet
werden. Das Material wird mit heissem Wasser und NA2CO/NAOH gekocht, dann getrocknet. Durch Streichen und Kämmen wird das trockene Material zu Seidenspinngarn (Spunsilk yarn). Die Verarbeitung dieser Garne gleicht der in Baumwollfabriken.  Die überreste, die beim Streichen des Spinnseidengarns entstehen, nennt man Seiden-Bourette. Natürliche Seiden-Bourette muss mit einer Streichmaschine Schritt für Schritt gereinigt werden, bevor sie als Bourette-Seidengarn verarbeitet werden kann. Bei der Lagerung von Seiden-Bourette werden keine Konservierungsstoffe verwendet. Das "open-end" Spinnverfahren wird angewandt. Je höher die Nummer, umso feiner das Garn. Zur Vermeidung von statischer Aufladung wird eine kleine Menge an Wasser hinzugefügt. Beim Weben wird als Schlichtemittel Stärke verwendet. Die Abfallverwertung wird auf biochemische Weise vorgenommen. Es entsteht keine Umweltverschmutzung. Beim Weben wird ein mechanischer Webstuhl verwendet. Das Abkochen des Garns erfolgt mit Proteasen H2O2 oder NA2S203. Durch die hohen Temperaturen von 98°C werden gleichzeitig Schmutzpartikel und ggf. ölrückstände der Webmaschinen entfernt. Nach dem Entbastungsvorgang (Restbastanteil ca. 1%) folgt ein Auswaschen der Seide in klarem Wasser mit anschliessendem Neutralisieren mit Essig. Zum Trocknen, Glätten und schussgeradem Ausrichten läuft der Stoff über einen Spannrahmen (mechanische Ausrüstung). Abwässer werden unter Beaufsichtigung des NATIONAL ESTIMATION BUREAU gemäss des nationalen Standards ausgewertet.


quelle: http://www.oekologisches-textil-netzwerk.de/publikation/fach20.htm - nicht mehr auffindbar am 16.10.2012