"Männertränen sind bestenfalls Krokodilstränen"

Tobias Materna inszeniert "Das kunstseidene Mädchen" von Irmgard Keun (im Lampenlager Beuel)

von Elisabeth Einecke-Klövekorn

(Generalanzeiger Bonn, 21.10.2002)

Regale voller Scheinwerfer, üppige Kronleuchter an der Decke - die künstliche Lichterwelt im Lampenlager lässt keinen Zweifel an der alten Funktion dieser reizvollen Spielstätte des Bonner Theaters und illuminiert gleichzeitig den Schlüsselsatz des "Kunstseidenen Mädchens": "Ich werde ein Glanz." Irmgard Keun, zu Beginn der 30er Jahre höchst erfolgreiche Schriftstellerin, nach langen Jahren des Vergessens und Verschweigens in den 80er Jahren wiederentdeckt, hat mit ihrem bekanntesten Roman "Das kunstseidene Mädchen" (1932) all den jungen Frauen ein Denkmal gesetzt, die, auf sich selbst gestellt, ihrer dumpfen Angestelltenwelt etwas Glanz abtrotzen wollen.

Die Autorin selbst, die vor den Nazis aus überzeugung floh, die fast alle deutschen Geistesgrössen der Emigration kannte, die als Gefährtin von Joseph Roth als blosse Muse abgestempelt wurde, während des Zweiten Weltkriegs illegal in Deutschland lebte und schon totgesagt wurde, die von 1966 bis 1972 im Bonner Landeskrankenhaus mehr vegetierte als lebte, hat danach trotz vieler Ehrungen am Ende ihres Lebens nur noch den späten Abglanz ihrer Arbeit erfahren.

20 Jahre nach ihrem Tod hat der junge Regisseur Tobias Materna die Geschichte von der zielstrebig scheiternden Lebenssuche des Mädchens Doris neu inszeniert. Birthe Schrein als Doris ist ganz einfach schon ein Glanz. In Christina Wachendorffs Ausstattung, mit Lothar Krügers Licht und Christopher Sprengers Musik zaubert sie das achtzehnjährige Mädchen aus der Frühzeit der weiblichen Emanzipation mit seiner sinnlichen Sehnsucht und seinen selbstironisch trockenen Erinnerungen ganz selbstverständlich herbei. Sie spricht Irmgard Keuns freche Metaphern und lustvoll verqueren Sätze mit solcher Sicherheit, dass es ihre eigenen werden. Klug verbindet sie in ihrem Monolog die Historizität des Stoffes mit der Gegenwärtigkeit markenfixierter Girlie-Träume: die Arbeitslosigkeit, die materielle Not vor und nach diversen Rausschmissen, das schnodderige Selbstbewusstsein, das sich an mehr oder weniger brauchbaren, möglichst betuchten Männern fest hält.

Wenn sie beim Vorsprechen am Theater den "Erlkönig" mit dramatischem Furor nicht zu Ende kriegt, dann aber "Die Liebe der Matrosen" so hinreissend komisch schmettert, dass ihr selbst der kritischste Intendant kein Engagement verweigern kann, lacht das Publikum Tränen. Sie lernt jedoch schnell, dass Männertränen bestenfalls Krokodilstränen sind. Ihre Männergeschichten bleiben deshalb auch genau die sachlichen und sprachlich witzigen Romanzen, hinter denen immer der mehr oder minder schmerzliche Abschied lauert. Zum luxuriösen Bad, schicken Klamotten und tollen Auto mit galantem Chauffeur langt der Verkauf ihres Körpers gerade noch - bis zur vorhersehbaren Pleite des dickbäuchigen Gönners. Wenn sie sich selbst meint und sogar putzend und kochend Liebe in einen merkwürdig unerotischen Ernst investiert, hat sie jedoch schon verloren. Dieses Verlorensein zwischen emotionaler und cool berechnender ökonomie, echten Gefühlen und sexueller Gier spielt Birthe Schrein so überwältigend gut, dass man ihr auch den geklauten Pelzmantel als Signum des Aufstiegs in die bürgerliche Ordnung glaubt. Der begleitet sie als sprachloser und deshalb einzig unbestechlicher Freund auf ihrem Irrweg von der Provinz zu den Lichtern der Grossstadt Berlin und der bitteren Enttäuschung am Bahnhof Friedrichstrasse. Den letzten Ernst hat sie dort schon hinter sich. "Liebe ist so ungeheuer viel" sagt sie dann. Und auch (das steht nicht im Drama, aber in Keuns Romanschluss): "Auf den Glanz kommt es vielleicht gar nicht so furchtbar an." Weil es ihr auf den Glanz gar nicht so furchtbar ankommt, sie den aber furchtlos vor allen Trivialitätsfallen glänzend ins Spiel bringt, ist diese kleine Aufführung absolut sehenswert.

(mit Birte Schrein als "Doris")


Die nächsten Aufführungen: 22., 24., 26. und 30. Oktober 2002. Karten unter anderem in den Geschäftsstellen des General-Anzeigers.