Der schwarze Freitag

Vor 75 Jahren begann die Weltwirtschaftskrise. Sie prägte die Deutschen, bis zum "Käuferstreik" unserer Tage.

Die Krise von Opel und Karstadt mag viele Gründe haben. Dass sie allerdings jetzt offenbar wurde, hat mit einem sozialpsychologischen Phänomen zu tun, das als "Käuferstreik" seine mediale Karriere begründete. Tatsächlich haben es die Deutschen ihrer Sparleistung zu verdanken, dass sie noch einmal eine ökonomische Spitzenstellung erklimmen konnten, die des Sparweltmeisters. 3922 Milliarden Euro beträgt das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland, 151 Milliarden wurden allein im vergangenen Jahr auf die hohe Kante gelegt und somit dem Geschäft von Autobauern und Kaufhäusern entzogen. Selbst die Wirtschaft hortet ihre Gewinne. In diesem Jahr erzielen die 30 Dax-Unternehmen rund 100 Milliarden Euro Gewinn - und werden die Hälfte davon nicht für Investitionen nutzen.

Der Grund für soviel Konsumattentismus liegt in der Geschichte. Neben den beiden Weltkriegen und ihren Vermögensvernichtungen haben sich zwei ökonomische Katastrophen in das Bewusstsein der Nation eingebrannt, die mit den militärischen eng verbunden sind: die Hyperinflation von 1923 und die Weltwirtschaftskrise. Die erste frass die letzten Ersparnisse, die der Erste Weltkrieg übrig gelassen hatte. Die zweite vernichtete die Arbeitsplätze, was der Demokratie den Todesstoss versetzte.

Kino

25. Oktober 1929: Der Börsenmakler Emerson hat alles verloren. In John Stahls "Only Yesterday" (gedreht 1932) sehen wir ihn den Revolver an seinen Kopf heben, doch bevor er abdrückt, bemerkt er einen Brief, den er bisher übersehen hatte.

All diese Filme hatten auch ihre Enden. Hier die amerikanischen: Der Makler erfährt aus dem Brief, dass er einen Sohn hat, von dem er nie wusste, und für den er weiter leben wird. Stan und Ollie bekommen doch noch ein Steak zwischen die Zähne. Johns Kollektiv gräbt sich die Seele aus dem Leib und leitet einen weit entfernten Bach aufs Feld. Kleingewerbetreibende kommen ihrer Bank zu Hilfe und erhöhen die Einlagen. Hier die deutschen: Ein Notfallwagen holt die Leiche von Mutter Krause ab. Willy 2 wird von einem Deus ex Machina erlöst: Er geht als Sekretär des Filmproduzenten Merryman nach Hollywood. Wirtschaftsweise konstatieren, dass der Aufschwung in Ostend - da ohne Basis - gar nicht funktionieren könne. Das Casino gibt der Bombendrohung nach und bezahlt. Das US-Kino mobilisiert Familie und Solidarität, das deutsche Illusion, Gewalt und Tod. So nützt der amerikanische Präsident sein Ermächtigungsgesetz für eine Friedenskonferenz und der deutsche Kanzler das seine für einen Weltkrieg.

Literatur

Theater

Bertolt Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" entstand 1929/30 direkt als Reaktion auf den grossen Börsenkrach in Amerika und auf die Weltwirtschaftskrise. In seiner Jeanne-d'Arc-Adaption wird Johanna Dark, pazifistischer Leutnant der Chicagoer Heilsarmee "Schwarze Strohhüte", zu Klassenkampf und Terror bekehrt. Sie soll sich nicht mit Menschlichkeit verzetteln und sich nicht auf den lieben Gott verlassen, sondern konsequent auf ihre (kommunistisch geführte) Klasse bauen. Die Weltverbesserungslehren von Marx und Lenin auf der Bühne. "Darum, wer unten sagt, dass es einen Gott gibt/ Und kann sein unsichtbar und hülfe ihm doch/ Den soll man mit dem Kopf auf das Pflaster schlagen/ Bis er verreckt ist." Unmenschlichkeit um der Menschlichkeit, der sozialen Gerechtigkeit Willen. 1932 gab es eine Hörspielfassung im Radio Berlin; die Uraufführung erfolgte erst 1959 in Hamburg unter der Regie von Gustaf Gründgens. Arthur Millers "Der Tod eines Handlungsreisenden" be ruht auf der Erfahrung des Autors, der als Sohn eines Unternehmers, der im grossen Börsencrash 1929 unterging, von dieser Katastrophe geprägt wurde. Und vom Mitleid mit scheiternden Händlern und anderen Untergehern. Daher die agitatorischen Ansichten des Moralisten Miller. Sein Ende der 1940er Jahre entstandenes soziales Rührstück erzählt vom Untergang des kleinen biederen Geschäftsmanns Willy Loman, dessen Lebenslügen dem harten Geschäftsleben nicht standhalten. Das "sentimentale Pathos" dieses in Krisenzeiten als Kapitalismuskritik gern gegebenen Stücks vom klassischen "Schwachleister", einem Vorläufer unserer kaputten "Ich-AGs", missfiel später dem Autor selbst. Die deutsche Erstaufführung war zeitgleich im April in den Münchner Kammerspielen und in Düsseldorf. Verfilmung 1951 von Laslo Benedek. Gegenwärtig läuft im Deutschen Theater Berlin eine packende, hart ins Tragische getriebene Inszenierung von Dimiter Gotscheff mit Christian Grashof in der Titelrolle. Mittelbar im Sog der Krise stehen die Stücke des österreichers ödon von Horváth. Seine starken hochpoetischen, psychologisch genauen und drastischen Geschichten erzählen vom schwindenden Glück und wachsendem Unglück verarmter kleiner Leute. Seine bekanntesten Stücke: "Geschichten aus dem Wiener Wald" (Uraufführung Berlin 1931); "Kasimir und Karoline" (Uraufführung Leipzig 1932).


die welt, 13.4.06