Untertauchen im Dritten Reich - Probleme der Illegalen

Lebensmittelkarten

Am 25. September 1939 treten im Deutschen Reich die Verordnungen über die öffentliche Bewirtschaftung von Nahrungs- und Genussmitteln vom 7. September in Kraft. Für die erste Zuteilungsperiode vom 25. September bis 22. Oktober werden Karten für Brot, Milch, Fleisch, Fett, Marmelade und Zucker verteilt. Ferner gibt es eine allgemeine Lebensmittelkarte und eine Seifenkarte. Brot und Mehl, bislang frei verkäuflich, sind nun rationiert. Vollmilch gibt es nur noch für Kinder, werdende oder stillende Mütter sowie Schwer- und Schwerstarbeiter, für die besondere Karten gelten. Die übrigen Verbraucher erhalten lediglich kartenfreie Magermilch. Die allgemeine Lebensmittelkarte ist bestimmt für Nährmittel und rationierte Nahrungsmittel, für die andere Karten nicht gelten, z.B. Kunsthonig. Die Zuteilung erfolgt auf einzelne Kartenabschnitte nach Ankündigung in der Tagespresse.
Der Normalverbraucher erhält zunächst:

* Brotkarte: 2400g Brot oder 1900g Brot und 375g Mehl pro Woche.
* Fleischkarte: 500g Fleisch oder Fleischwaren pro Woche.
* Milchkarte: Vollmilch für Bezugsberechtigte 0,5l pro Tag (Kinder bis 6 Jahre 0,75l, bis 14 Jahre 0,25l).
* Fettkarte: 80g Butter, 125g Margarine bzw. Pflanzen- oder Kunstspeisefett oder Speiseöl, 65g Schweineschmalz oder Speck und Talg, 62,5g Käse oder Quark.
* Zucker und Marmelade: 250g Zucker und 100g Marmelade.
* Seifenkarte: (vom 25.9.-31.10) 75g Fein- oder 125g Kernseife sowie 250g Waschpulver oder 200g Schmierseife bzw. 125g Kernseife oder ein Kleinpacket Waschmittel.

Der Sinn dieser Karten lag vor allem darin Hamstereinkäufe und damit eine Ungleichheit der Lebensmittelverteilung zu verhindern; der Nebeneffekt war, dass Untergetauchten und Illegalen der Aufenthalt im Deutschland dadurch erschwert wurde.


zum Beispiel: Anne Frank und ihre Familie

Anneliese Marie Frank wurde am 12. Juni 1929 als Tochter eines jüdischen Bankiers in Frankfurt geboren. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flüchtete die deutsche, jüdische Familie Frank nach Holland. Die kleine Annelies war kaum vier Jahre alt. Sie hiess nun nur noch Anne, was etwas unverfänglicher war. Anne lernte Holländisch, aber konnte immer noch ihre deutsche Muttersprache. Denn für ihre Eltern Edith und Otto Frank blieb es die Sprache, in der sie sich am wohlsten fühlten. Es dauerte noch ein paar Jahre, ehe der Gebrauch von Deutsch sogar lebensbedrohend werden sollte. Als das Hinterhaus in der Prinsengracht Nr. 263 von Amsterdam aus demselben Grund ein Versteck werden musste, war die kleine Anne erst zehn Jahre alt. Ihre holländischen Tagebuchaufzeichnungen beginnen am 12. Juni 1942, dem Tag ihres 13. Geburtstages. Das ist der Tag, an dem aus kleinen Mädchen nach englischem Sprachgebrauch Teenager werden. Nur knapp 26 Monate lang hat der Teenager Anne Frank bis zum 1. August 1944 in der eigenen Kladde gekritzelt. Drei Tage später dringt die durch einen Verräter informierte Gestapo in das Versteck ein, verhaftet alle Anwesen den und überführt sie in das KZ Auschwitz. Von dort wird Anne Frank in das KZ Bergen-Belsen verlegt und stirbt dort am 12. März 1945 an Hunger und Typhus. Als einziger überlebt ihr Vater in Auschwitz.

Einige Auszüge aus ihren Tagebuch, in denen Anne aus ihrer Sicht die ersten Monate des Untertauchens schildert:

Samstag, 20. Juni 1942
"Es ist für jemanden wie mich ein eigenartiges Gefühl, Tagebuch zu schreiben. Nicht, dass ich noch nie geschrieben habe, sondern ich denke auch, dass sich später keiner ... für die Herzensergüsse eines dreizehnjährigen Schulmädchens interessieren wird. Aber darauf kommt es eigentlich nicht an, ich habe Lust zu schreiben und will mir vor allem alles mögliche gründlich von der Seele reden ... Darum dieses Tagebuch.
Um nun die Vorstellung der lang ersehnten Freundin in meiner Phantasie noch zu steigern, will ich nicht einfach Tatsachen in mein Tagebuch schreiben ..., sondern ich will dieses Tagebuch die Freundin selbst sein lassen, und diese Freundin heisst: Kitty ...
Unser Leben verlief nicht ohne Aufregung, da die übrige Familie in Deutschland nicht von Hitlers Judengesetzen verschont blieb ... Ab Mai 1940 ging es bergab mit den guten Zeiten: erst der Krieg, dann die Kapitulation, der Einmarsch der Deutschen, und das Elend für uns Juden begann . Judengesetz folgte auf Judengesetz, und unsere Freiheit wurde sehr beschränkt. Juden müssen einen Judenstern tragen; Juden müssen ihre Fahrräder abgeben; Juden dürfen nicht mit der Strassenbahn fahren; ... Juden dürfen zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht auf die Strasse; Juden dürfen nicht in Theatern, Kinos und an anderen dem Vergnügen dienenden Plätzen aufhalten ... Juden dürfen in der öffentlichkeit keinen Sport treiben; Juden dürfen nach acht Uhr abends weder in ihrem eigenen Garten noch bei Bekannten sitzen; Juden dürfen nicht zu Chr isten ins Haus kommen ..."

Mittwoch, 8. Juli 1942
"Liebe Kitty!
Zwischen Sonntagmorgen und jetzt scheinen Jahre zu liegen. Es ist so viel geschehen, als hätte sich plötzlich die Welt umgedreht. Aber, Kitty, Du merkst , dass ich noch lebe, und das ist die Hauptsache, sagt Vater, Ja, in der Tat, ich lebe noch, aber frage nicht, wo und wie. Ich denke, dass Du mich heute überhaupt nicht verstehst, deshalb werde ich Dir erzählen, was am Sonntag geschehen ist.
Um 3 Uhr ... klingelte jemand an der Tür. ... Kurz darauf erschien Margot [Annes Schwester] ganz aufgeregt an der Küchentür. "Für Vater ist ein Anruf von der SS gekommen.<, flüsterte sie. ...> Mutter ist zu van Daan gegangen und fragt, ob wir schon morgen in unser Versteck umziehen können..."

Donnerstag, 9. Juli 1942

Liebe Kitty!

So gingen wir dann im strömenden Regen, Vater, Mutter und ich, jeder mit einer Schul- und Einkaufstasche, bis obenhin vollgestopft mit den unterschiedlichsten Sachen. Die Arbeiter, die früh zu ihrer Arbeit gingen, schauten uns mitleidig nach. In ihren Gesichtern war deutlich das Bedauern zu lesen, dass sie uns keinerlei Fahrzeug anbieten konnten. Der auffallende gelbe Stern sprach für sich selbst.
Erst als wir auf der Strasse waren, erzählten Vater und Mutter mir stückchenweise den ganzen den ganzen Versteckplan. Schon monatelang hatten wir so viel Hausrat und Leibwäsche wie möglich aus dem Haus geschafft ... Das Versteck war Vaters Bürogebäude ..."

Samstag, 11. Juli
"Liebe Kitty!
... Es wird Dich vermutlich interessieren, wie es mir als untergetauchter gefällt. Nun, ich kann Dir nur sagen, dass ich es selbst noch nicht genau weiss. Ich glaube, ich werde mich in diesem Haus nie daheim fühlen, aber damit will ich überhaupt nicht sagen, dass ich es hier unangenehm finde. Ich fühle mich eher wie in ein er sehr eigenartigen Pension, in der ich Ferien mache ... Gestern abend sind wir alle vier hinunter ins Privatbüro gegangen und haben den englischen Sender angestellt. Ich hatte solche Angst, dass es jemand hören könnte ... auch sonst haben wir grosse Angst, dass die Nachbarn uns hören oder uns sehen könnten ..."

Donnerstag, 1. Oktober 1942
"Beste Kitty!
Gestern bin ich schrecklich erschrocken. Um acht Uhr klingelte es plötzlich ganz laut. Ich dachte natürlich, da käme jemand ... Wer, kannst Du Dir wohl denken. Als aber alle behaupteten, es wären sicher Strassenjungen oder die Post gewesen, beruhigte ich mich.
Die Tage werden hier sehr still ... Wer hätte vor drei Monaten angenommen, dass die Quecksilber-Anne stundenlang ruhig sitzen müsste und auch kann? ..."

Freitag, 9. Oktober 1942
"Liebe Kitty!
Nichts als traurige und deprimierende Nachrichten habe ich heute. Unsere jüdischen Bekannten werden gleich gruppenweise festgenommen. Die Gestapo geht nicht im geringsten zart mit diesen Menschen um ... Die Menschen bekommen fast nichts zu essen, geschweige denn zu trinken. Sie haben nur eine Stunde pro Tag Wasser und ein Klo und ein Waschbecken für ein paar tausend Menschen ... Wenn es in Holland schon so schlimm ist, wie muss es dann erst in Polen sein? Wir nehmen an, dass die meisten Menschen ermordet werden. Der englische Sender spricht von Vergasungen, vielleicht ist das die schnellste Methode zu sterben ...
Ein schönes Volk, die Deutschen, und da gehöre ich eigentlich auch noch dazu! Aber nein, Hitler hat uns längst staatenlos gemacht."

prinsengracht
Das Haus in der Prinsengracht 263
dient den Franks als Zuflucht

regal
Hinter diesem Bücherregal
liegt das Versteck der Familie Frank

versteck
Eingang zum
Hinterhausversteck