Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit

In Europa bröckelten die Kurse schon seit 1928 langsam ab und in Deutschland waren erstmals Anzeichen von überproduktion und Absatzschwierigkeiten aufgetreten. Seit Sommer 1929 waren die grossen Börsen allgemein unruhig. In der letzten Oktoberwoche kam es dann an der New Yorker Börse zu dem grossen Krach, den man heute als auslösendes Moment der Weltwirtschaftskrise betrachtet. Viele amerikanische Banken waren gezwungen, ihre Anlagen aus Europa abzuziehen, was sich im besonderen Masse auf Deutschland auswirkte. Hier hatten während der Scheinblüte der zwanziger Jahre (Der wirtschaftliche Aufschwung beruhte auf Schulden. Unternehmer und Kaufleute verdienten einige Jahre recht gut, und die Spekulanten konnten an Steigenden Aktien gewinnen. Die Arbeiterschaft jedoch bekam kaum etwas von dieser gewinnbringenden Entwicklung zu spüren.) viele Unternehmen soviel investiert, dass sie die laufenden Kosten mit Krediten finanzierten. Als das nicht mehr ging, musste die Produktion eingeschränkt und mussten die Arbeiter entlassen werden. Auf diese Weise begann im Winter 1929/30 die grosse Arbeitslosigkeit in Deutschland. Die Septemberwahlen 1930 erschütterten zudem das Vertrauen des Auslandes in die Stabilität der politischen Verhältnisse in Deutschland und verursachten dadurch einen zunehmenden Abfluss der fremden Kapitalanlagen.

Kapitalmangel und Rückgang des Welthandels trafen die deutsche Wirtschaft in katastrophaler Weise. Die Produktion von Rohstahl sank von 15,9 Mio. Tonnen 1929 auf 5,6 Mio. 1932. Im gleichen Zeitraum ging der Export von 13,5 Mrd. Rei chsmark auf 5,7 Mrd. zurück. Die deutschen Industriearbeiter reihten sich ziemlich tief in der internationalen Skala der Reallöhne (britischer Reallohn als Basis) im Juli 1930 ein: Vereinigte Staaten 190, Kanada 150, Dänemark 113, Schweden 109, Grossbritannien 100, Irland 93, Holland 82, Deutschland 73, Polen 61, österreich 48, Jugoslawien 45, Spanien 40, Italien 39. Die Arbeitslosigkeit betrug nur in den ersten elf Monaten des Jahres 1925 weniger als eine Million, im Dezember wurde mit 1,4 Millionen die Schicksalsgrenze der ersten Million überschritten. 1926 pendelte die Arbeitslosenzahl zwischen 2 und 2½ Millionen, 1927 lag sie in den drei Monaten August bis Oktober unter, in neun Monaten über der Millionengrenze, 1928 bewegte sie sich zwischen 1,2 und 2 Millionen; im Dezember 1929 wurde die 3-Millionen-Grenze, im Dezember 1930 die 4-Millionen-Grenze und im Dezember 1931 die 6-Millionen-Grenze überschritten. Die Unterstützungsbeträge waren bis Juni 1932 so bemessen, dass die meisten Arbeitslosen gerade an der Grenze des Existenzminimums lebten. Nach Ablauf von sechseinhalb Monaten mussten die Arbeitslosen, um weiter Unterstützung zu beziehen, immer wieder ihre Bedürftigkeit nachweisen. Diese "Krisenfürsorge" dauerte höchstens bis zu einem Jahr, danach fielen sie, wie alle Armen und Alten, die nicht Mitglieder der Sozialversicherung waren, der öffentlichen Wohlfahrt zur Last. Die ausgezahlten Beträge richteten sich nach der Höhe des Gemeindeeinkommens. So konnte es vorkommen, dass wenn die Kassen leer waren, vielleicht drei Mark in der Woche für eine Familie gezahlt wurden. Im Reichsdurchschnitt lagen die Sätze etwa bei 30-40 Reichsmark pro Monat und Familie (das entspricht in etwa 240-320 DM von 1975). Die Empfänger von Wohlfahrtsunterstützung vegetierten meist nur; denn oft sind sie aus der Wohnung gewiesen worden, haben im Freien und Wartesälen übernachtet, sich vo n Gratisspeisungen und zum Teil auch vom Abfall ernährt und in Lumpen gehüllt gewesen. Aber es gab auch Bedürftige, die nicht von der öffentlichen Wohlfahrt unterstützt wurden , weil entweder die Gemeinde zu arm war oder weil sie sich aus Schamgefühl nicht an die Wohlfahrt wenden wollten. Wenn sich niemand derer annahm, bettelten sie, stahlen oder starben.

Im Sommer 1931 geriet Deutschland endgültig in den Sog der Wirtschaftskrise. Brüning (insgesamt fast zwei Jahre lang Reichskanzler, SPD) glaubte den Reichshaushalt durch eiserne Sparsamkeit sanieren zu können. So vergab die öffentliche Hand keine Aufträge mehr an die Industrie, senkte Fürsorgesätze und Leistungen der Arbeitslosenversicherung und kürzte die Beamtengehälter. Jeder, der noch in Arbeit stand, musste Lohnkürzungen hinnehmen. Die Folge war ein weiterer Rückgang der Kaufkraft und vermehrte Arbeitslosigkeit.