Der Bauer und der Baumeister

Zumthor-Kapelle in Wachendorf
wird eingeweiht

Von Gregor Taxacher

Moderne Architektur auf einem Eifelacker: Am 19. Mai wird in Wachendorf bei Mechernich die Bruder-Klaus-Kapelle eingeweiht. Ihr Erbauer: Star-Architekt Peter Zumthor. Der Bauherr: Hermann-Josef Scheidtweiler, Bauer vom Heidehof.

Stille, Weite und Kapelle

Es ist zehn Uhr morgens bei Wachendorf (Mechernich/Kreis Euskirchen) und noch ist es so, wie der Bauherr Hermann-Josef Scheidtweiler sich den Ort wünscht: Stille liegt über der Landschaft, nur die Vögel sind zu hören, und neben dem Betonturm auf dem Feld stehen nur zwei Traktoren. "Die Kapelle ist als ein spiritueller Raum gedacht", sagt der Landwirt. Aber Ruhe und Einkehr werden hier morgen sicher nicht zu finden sein, wenn der Kölner Weihbischof Heiner Koch den Andachtsraum einweiht. Hermann-Josef Scheidtweiler hat keine Ahnung, wie viele Menschen sich dazu auf seinem Acker einfinden werden. Schliesslich ist die Kapelle mittlerweile über Deutschland hinaus bekannt, denn ihr Architekt heisst Peter Zumthor.

Helfer legen letzte Hand an

Seit dem frühen Morgen sind einige Helfer dabei, ihrem Bauwerk den letzten Schliff zu geben. Es wird geputzt, eine Aussenbeleuchtung installiert, Kies auf den kleinen Zuweg gebracht. "Das hier ist das Werk meiner ganzen Familie und vieler freiwilliger Helfer", sagt Scheidtweiler. Sie haben hier fast zwei Jahre lang Beton gemischt und verpresst, die Verschalung gebaut, das Köhlerfeuer gehütet, das die Innenwände räucherte. Der Architekt aus der Schweiz, der für die Kapelle auf ein Honorar verzichtete, hat sie so geplant, dass diese Mithilfe möglich war. Der Stampfbeton, der vor Ort hergestellt wird, war noch in den 50er Jahren in der Eifel üblich. Das Innengerüst des 12 Meter hohen Raumes wurde aus Baustämmen erreichtet. Der Boden besteht aus einem Blei-Zinn-Gemisch, denn in Mechernich gab es früher Bleibergwerke.

Hermann-Josef Scheidtweiler in seiner Kapelle

Schon um halb elf ist es mit der Ruhe vorbei. Erste Spaziergänger finden sich ein, und Bauer Scheidtweiler muss einen Autofahrer bitten, seinen Wagen nicht auf dem frisch gemähten Feld zu parken. "Ich habe auch schon Leute mit Hunden aus der Kapelle geholt. Man geht doch auch nicht mit dem Hund in eine Kirche." Der 70jährige Bauherr scheint hin und her gerissen zwischen Freude und Sorgen. Mit der Kapelle zu Ehren des Schweizer Einsiedlers Bruder Klaus geht ein alter Traum von ihm und seiner Frau Trudel in Erfüllung. Sie sind seit Jahrzehnten in der katholischen Landbewegung verwurzelt, deren Patron der Heilige Klaus von Flüe ist.

Für seinen Kapellen-Traum hat Scheidtweiler vor Jahren einen handgeschriebenen Brief an Peter Zumthor geschickt, als der gerade begann, das Kölner Diözesanmuseum zu bauen. Der Architekt kannte den Schweizer Heiligen von seiner Mutter. Er sagte sehr bald zu, aber dann zog sich die Planung über Jahre hin. Einmal, als Scheidtweilers und Zumthor gemeinsam auf dem Feld standen, war der Architekt tief bedrückt, denn in Berlin begann gerade der Abriss seines unfertigen Dokumentationszentrums "Topographie des Terrors".

Dunkelheit und Himmelsblick

Damals auf dem Feld suchte Zumthor den Platz für die Kapelle: nicht am Wegrand, wie es sich der Bauherr erst vorgestellt hatte, sondern mitten auf dem Acker, ein wenig erhöht in der welligen Eifellandschaft. Hermann-Josef Scheidtweiler möchte den Raum künftig tagsüber gern offen halten und hofft, dass sei in der unbewachten Einsamkeit möglich. Der Wirkung des engen Innenraums wird sich wohl niemand entziehen können. Es ist dunkel, nur von oben fällt durch die offene Spitze das Sonnenlicht ein. In der dunklen Wand glitzern hunderte kleiner Glashalbkugeln, die in den vom Verschalungsgerüst gebliebenen Löchern stecken. Nur eine Bank gibt es im Raum, einen Kerzenständer, eine Figur des Bruder Klaus und in der Höhe ein metallenes Rad - ein Symbol Gottes. Wenn es regnet, wird es hier hereintropfen und eine kleine Pfütze wird sich auf dem matt silbrig glänzenden Boden bilden.

Aussen dagegen ist die Kapelle ein verschlossener, kantiger Turm. "Ist das ein Wasserturm oder ein Silo?" hätten schon manche Besucher gefragt, wie Bauer Scheidtweiler erzählt. "Silo gefällt mir gut. Da wird ja auch etwas Lebendiges drin aufbewahrt."


WDR, 18.Mai 2007

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