1720 V. Löscher zu Reuchlin und Köln1

Von Capnionis Controversie mit den Cölnischen Theologen, und was dem anhängig.

Der considerable und langwierige Streit, welchen der alte Restaurator literarum in Deutschland, Jo[hannes] Capnio, oder Reuchlin, mit den Dominicanern, und sonderlich den Theologen zu Cöln, über die Frage, ob die Jüdischen Bücher zu verbrennen, oder

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vielmehr zu behalten wären, und ob noch allerley Gutes daraus zu nehmen sey, viel Jahr lang geführt, ist von andern2 ausführlich beschrieben, auch oben3 von mir angezeiget worden. Es wird nicht zu viel seyn, wenn solches hier kurtz wiederhohlet, und suppliret wird. Capnio hatte mit seinen Büchern de Arte Cabbalistica, hebräischen Grammatica und Lexico den Leuten Lust zur Hebräischen Sprache und der Rabbinischen Gelehrsamkeit gemacht. Solches kam den zur Aufsicht über das Kätzer- Wesen bestellten Dominicanern verdächtig vor, und sonderlich denen zu Cöln, als Jacobo Hogstrato, Arnoldo de Tungris und andern, so den grösten Theil der Theologischen Facultät ausmachten. Sie gebrauchten sich hierbey eines getaufften Jüden [Johannes Pfefferkorn], liessen dem Kayser Maximiliano I. eine geschriebene Darstellung von den Greueln der Jüdischen Bücher übergeben, und brachten es dahin, daß der Kayser A[nno] 1509 durch ein allgemeines Mandat gebote, alle Jüdischen Bücher zu verbrennen.
Hingegen that die Jüdenschafft dem Kayser eine flehentliche Vorstellung, und erhielt einen kleinen Aufschub. Pfefferkorns Buch ward zu Cöln A. 1510 gedruckt, und eben in diesem Jahr kam Capnionis Consilium, so er als Käyserl[icher] Rath gestellet, heraus, in welchem er sich der Jüdischen Bücher annahm, und ihren Nutzen zeigte. Pfefferkorn, oder vielmehr die Cölner, gaben A. 1511 dagegen heraus, den Hand-Spiegel, und R. Capnio wider dieses Buch den Augen-Spiegel4. Indessen hatte der Kayser eine Commission in der Haupt-Sache, die Jüdischen Bücher betreffend, angeordnet, welche aus den Universitäten, Cöln, Mäyntz, Erfurt und Heidelberg, ingleichen aus Jac. Hogstrato, Capnione, und Victore de Corbe, und also aus Feuer und Wasser bestund. Weil nun unter diesen Commissarien keine Einigkeit zu hoffen, so trieben beyde Theile ihre Sache an höhern

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Orten desto schärffer. Capnio verfaßte ein besonderes bedencken an Chur-Mäyntz von diesem Streit, welches die Dominicaner noch mehr erhitzte, und zu dem obgedachten Hand-Spiegel die nächste Gelegenheit gab. Arnoldus de Tungris gab A. 1512 heraus XLIV. Errores Judaeorum, & Articulos de Judaico favore nimis suspectos, und griff darinne Capnionem an, als ein so wegen der Kätzerey verdächtig wäre. Dieser gab A. 1513 eine Apologie dargegen heraus, unter dem Titul, Defensio contra Colonienses5. Diese aber richteten mit Bewilligung des Chur-Fürstens ein Inqvisitions Gericht zu Mäyntz auff, und citirten noch im 1513ten Jahr unsern Reuchlin dahin vor sich, daß er seine Bücher verbrennen sehen sollte, welcher aber, weil sein Feind Hochstrat der vornehmste Richter seyn sollte, nach Rom appellirte. Dem ungeacht verdammte ihn dieses Inqvisitions-Gerichte als einen Kätzer: Ja Hochstrat hatte schon auff dem marckt das Feuer anzünden lassen Reuchlins Bücher zu verbrennen; Allein das Dom-Capitul und die Universität zu Mäyntz verhinderten es6. Indessen hatte der Papst, auff Vorbitte etlicher gelehrten Cardinäle, den Chur-Fürsten zu Pfaltz und den Bischof zu Speyer zu Commissarien in dieser Sache ernennet, welche Thomam, Grafen von Truchseß, Georgen von Schwalbach, Philippen von Flensheim, Vigilium von Sickingen, Jodocum Gallum, und W. Fabricium Capnionem subdelegirten. Diese citirten A. 1514 Capnionem und Hochstratum nach Speyer vor sich; Jener erschien, dieser aber blieb aussen, die Commission aber sprach Reuchlinen loß. Weil nun die Commissarii so wenig als ihr Urtheil den Dominicanern ( welche indessen Reuchlins Bücher zu Cöln und Paris verbrannt hatten, wovon unterschiedne Acta zu Cöln und Paris gedruckt sind, nebst. Ort[uini] Gratii Praenotamentis wider Capn[ionem] und Theodorici Gaudensis Epistola7) anstunden, brachten sie es dahin, daß der Papst Ao. 1515 an derselben statt zwey Cardinäle, [Domenico] Grimani und den von

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Ancona [=Francesco Accolti, 1514–1523] ernennte; Aber auch diese waren ihnen nicht recht, und bemüheten sie sich so lange, biß Thomas Cajetanus, und Sylvester Prierias, von derer Eyffer sie viel erhofften, darzu gesetzt worden. Diese Commissarien machten A. 1516 am 20ten Jul[ius] ein Decret, daß beyde Theile in Ruhe stehen sollten. Indessen schrieb Ao. 1515 Petr[us] Galatinus das Werck de Arcanis Catholicae veritatis, welches er zum Dienste Capnionis aus den Rabbinern zusammen getragen, so aber erst A. 1518 gedruckt worden.

Weil nun der Mönche Eyffer gegen Capnionem so unbändig als ungeräumt war, und die gröbsten Ignoranten sich am hitzigsten bezeigten, so kam A. 1515 wider sie heraus das stachlichte Buch, Epistolae Obscurorum Virorum, oder erdichtete Brieffe an die Theologen zu Cöln und ihren Helfer Ortuinum Gratium, von der Reuchlinischen Sache, in jämmerlichen und lächerlichen Küchen- und scholastischen Latein, meistens von Ulrico Hutteno8 beschrieben, welche hernach fleißig nachgedruckt worden. Hierdurch war den Cölnischen so wehe geschehen, da zumahl A. 1517 noch ein neuer Theil darzu kam, daß sie zu Rom alles äußerste versuchten, und endlich die hefftige Bulle erlangten, in welcher die gedachten Epistolae Obscur. Viror. als ein libellus famosus, und dessen Verfasser, als ein iniqvitatis filii verdamt wurden, nebst ernstlichem Verbot, dieses Buch, bey Straffe des Banns, den niemand als der Papst selbst aufheben könnte, zu lesen. Diese Bulle war datirt am 15den Martii, 15179.

Indessen hatten zwar verschiedene grosse Leute an einem Vergleich gearbeitet, der auch A. 1516. so weit kommen war, daß der Prozeß zu Rom auffgehoben, und der gemachten Unkosten wegen eine Abrede getroffen ward; Allein die Autores der Schrifften ruheten deßwegen nicht: wie denn Pfefferkorn A. 1516 heraus gegeben, Defensionem contra Criminationem Epistolarum obscur. Virorum, wider welche

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eigentlich das obgedachte andre Buch der Epistolarum Obscur. Vir. gerichtet ist. Bilibaldus Pirkeimerus10 aber hatte A. 1517 eine Orationem ad Laur[rentium] Beheim11 pro Capnione, und eine Epistolam Apologeticam, die er dem von ihm edirten Dialogo Luciani: Piscatores12, vorgesetzte, ediret, und ein anderer, unter dem nahmen Georgii Benigni, einem Dialogum pro Capnione13, wowider Hochstratus seine Apologiam primam14 heraus gab. Von dem Fortgang dieses Streits werden die künfftigen Jahre Nachricht geben. […]

 

 

 

 

Literaturverzeichnis

Benignus, G. (1517). Defensio praestantissimi viri Joannis Reuchlin per modum dialogi edita. Köln: Hirtzhorn.

Dupin, L. E. (1719). Bibliotheque des auteurs eccelsiastiques. Paris.

Galatinus, P. (1612). De arcanis catholicae veritatis libri XII ... Frankfurt/Main: Marnius.

Hochstraten, J. (1518). Apologia ... contra dialogum G. Benigno in causa Reuchlin ... Köln: Quentel.

Löscher, V. (1720). Vollständige Reformationis-acta und Documenta ... (Bd. 1). Leipzig: Johann Grossens Erben.

May, J. H. (1687). Vita Johannes Reuchlini. Frankfurt.

Pirckheimer, W. (Hrsg.). (1517). Luciani: Piscator seu reviviscentes. Nürnberg: Peypus.

von der Hardt, H. (1717). Historia litteraria reformationis. Frankfurt: Renger.

 

 

 

1 Fundstelle: [CITATION Lös20 \p "548 ff" \l 1031 ].)

2 „Herr D[octor] Jo[hann] Henr[ich] Majus [ / May] hat ein besonderes Buch [Vita Johannis Reuchlini. Frankfurt 1687] hiervon geschrieben, man sehe auch des [Louis] Ellies du Pin [ / Dupin] Biblioth[èque des auteurs] ecclés[siastiques] To[me] XIV, p. 2 sqq. und H[ermann] v[on] der Hardt Histor. Reformat. Liter. [= Historia litteraria reformationis (1717)] P. II.“

3 „pag[ina] 92, 101.“

4 „Er ist gantz eingerückt in das gedachte Hardtische Werck, p[aginae] 16 sqq.“

5 „Steht in dem Hardtischen Wercke, p. 53 sqq.“

6 „H. v. d. Hardt, l[oco] c[itato] p. 7.“

7 „Ibid[em] l. c. pag. 8.“

8 „Von den Verfassern hat Hr. Jac. Burckhard fleißig geschrieben im Commentario de Vita U. Hutteni, p. 166.“

9 „Sie ist abgedruckt an die Lamentationes Obscur. Virorum.“

10 d.i. Willibald Pirckheimer (* 4. Dezember 1470 in Eichstätt; † 22. Dezember 1530 in Nürnberg) war ein deutscher Renaissance-Humanist.

11 Lorenz Beheim (* um 1457 in Nürnberg; † 11. April 1521 in Bamberg) war ein deutscher Humanist, Astrologe, Mediziner und Alchimist und eng befreundet mit Willibald Pirckheimer.

12 = Lucianus Samosatensis: Piscator seu reviviscentes. Aus dem Griechischen von W. Pirckheimer. Nürnberg (Peypus) 1517.

13 = Georgius Benignus: Defensio praestantissimi viri Joannis Reuchlin per modum dialogi edita. Köln (Hirtzhorn) 1517.

14 = Apologia Reuerendi patris Iacobi hochstraten ... : Co[n]tra dialog[u]m Georgio Benigno Archiepiscopo Nazareno, in causa Ioannis Reuchlin ascriptu[m] ... et hic de verbo ad verbu[m] fideliter impressum. Köln (Quentel) 1518.