Festmahl vom Pappteller

So sah es am Heiligen Abend in Kölner Männerunterkünften aus

(Kölner Stadt-Anzeiger, 27. Dezember 1973)

Weihnachten - das ist nicht nur: Schenken und beschenkt werden, Strahlen von Kinderaugen, Andacht in der Kirche. Viele Menschen erleben nichts von alldem, zum Beispiel jene, die man "Penner", "Stadtstreicher" oder "Nichtsesshafte" nennt. Norbert Flörken verbrachte den Heiligen Abend in ihrer Gesellschaft.

Kurz nach 18 Uhr war ich als letzter im katholischen Johanneshaus in der Landstrasse untergekommen: 200 Männer, so sagt der Mann am Eingang, seien es heute Abend wieder. Nach den Aufnahmeformalitäten werde ich einen Gang entlang geschickt. Plötzlich ruft einer von links "Halt, hierher!" und schnarrt: "Oberkörper frei machen und Hemd links drehen!" Er nimmt das Hemd, hält es gegen eine Lampe und sucht lange und genau nach Ungeziefer: "In Ordnung, voranmachen, gleich ist Weihnachtsfeier!" Mit einem noch kurz vor mir angekommenen Mann werde ich über einen weiten Hof zum Speisesaal geführt: Dort sitzen die 200 Männer zu sechst an weiss gedeckten Tischen. Kerzen sind angezündet. Vor jedem Platz steht ein Pappteller mit einem halben gebratenen Hähnchen und kaltem Kartoffelsalat, mit Gurken und Paprikaschoten garniert. Am Tisch ist man mit dem Essen zufrieden. Einer meint: "Das können die alles von der Steuer absetzen!" Sein Nebenmann weiss es noch besser: "Das kriegen die doch alles vom Staat!"

Nach dem Essen tritt Pater Weber auf, der Chef des Hauses. Er verliest eine gereimte Legende, "die auch sicher was für erwachsene Männer ist": Als der Heiland einmal die Pflanzenwelt in nütz und unnütz einteilte, sei der Tannenbaum, weil er ja keine Früchte trage, ganz traurig zum Heiland gegangen: was er denn solle. Darauf der Heiland: Auch wenn er keine Früchte hervorbringe, sei er zu etwas Besonderem bestimmt. Denn dadurch, dass er zum Weihnachtsfest abgehauen werde als der Künder eines grossen Geschehens, werde er erhöht. Helfer bringen Geschenke. Moral von der Geschicht' (laut Pater Weber): Auch mit denen, die unscheinbar und unnütz aussehen, hat der Herrgott vielleicht etwas Wichtiges vor. "Und wünsche ich allen ein frohes Weihnachtsfest!"

Dann teilen die Helfer die Weihnachtsgeschenke aus: Jeder bekommt eine weisse Plastiktüte; Inhalt: ein kariertes Baumwollhemd oder ein Pulli, ein Unterhemd und eine Unterhose, ein Paar Socken, eine Packung Rasierklingen, Rasierseife, Seife, zwei Tüten Plätzchen, zwei Äpfel, eine Apfelsine und eine Schachtel Zigaretten. "Da haben sie sich aber wirklich was Gutes einfallen lassen!" meint mein Nachbar, auch wenn ihm das Hemd mit Grösse 42 viel zu eng ist. Ich nehme meinen Beutel und sage, ich wolle noch einmal für zwei Stunden zu Bekannten. Aber einer der Helfer meint, das ginge nicht: "Entweder ganz raus oder drinnenbleiben!" Ich gebe meine Übernachtungskarte zurück.

Kurze Zeit später stehe ich im Innenhof einer privaten Schlafstelle. Als ein Bekannter mir vor ein paar Tagen die Unterkunft von der gegenüberliegenden Strassenseite her zeigte, sah ich nur eine hohe Mauer und das grosse Tor. Dahinter hausen - wie ich jetzt erkennen kann - in flachen, notdürftig geflickten Trümmerresten und Schuppen mindestens 25 Männer. In einem der Zimmer frage ich, ob noch ein Bett für eine Nacht frei wäre; ich hätte es nicht mehr geschafft, an die Saar zu fahren, zu meinem Onkel. "Ja", meinte einer langsam, "aber die Vermieter kommen erst nach Neujahr wieder." (Die Vermieter sind - wie ich nachher höre - zur Zeit in ihrem Bungalow in der Eifel). "Das macht dann 30,50 Mark", fällt Peter ein, der so etwas wie ein Verwalter ist. "So viel?!" - "Ja, für eine Woche; das ist doch billig!" - "Ich will aber nur eine Nacht bleiben und dann gleich weiter!" - "Gut, sagen wir 26,80 Mark!"

Soviel Geld habe ich tatsächlich nicht bei mir. Einer der Männer schielt auf meine Johanneshaus-Tüte. Ein anderer, der schon leicht angetrunken ist, will grosszügig sein: "Komm, für die eine Nacht kannst du so in unserem Zimmer pennen!" Peter, weniger aus Angst vor den Vermietern als in dem Bestreben, seine Autorität durchzusetzen, sagt mit allem Nachdruck: "Nein, das geht nicht, darin kriege ich Scherereien. Wie viel hast du denn?" Ich krame in der Hosentasche, während der Grosszügige noch einmal - allerdings vergeblich - anfängt, heute sei doch Heiligabend und so. Peter ist schliesslich mit rund 25 Mark zufrieden.

Peter geht mit mir über den dunklen Hof zu Nummer 6. Jedes der Zimmer hat mindestens vier Betten, manche fünf. Vier Betten mal 30 Mark mal vier Wochen mal sechs Zimmer: macht 2.880 Mark Einnahmen im Monat. Mein Bekannter hatte mir gesagt: "Wenn Sie reich werden wollen, machen Sie so eine Schlafstelle auf." In Nummer 6, einem Raum mit dreieckigem Grundriss, vielleicht 15 Quadratmeter, sitzen Heinz, Werner und Paul am Tisch. An der linken Wand stehen zwei Etagenbetten; Matratzen, Plumeaus und Kopfkissen sind klamm. Vor der Stirnwand des über drei Meter hohen Raumes stehen Metallspinde. Die Innentür von Werners Spind ziert ein nacktes Pin-up-Girl, an der rechten Wand, vor der der Tisch und eine alte Phonotruhe stehen, hängen grosse Poster ebenfalls mit nackten Frauen. Peter zeigt mir meine Schlafstelle, das untere Bett in der Ecke. Wiederholt sagt er: "Hier bist du bei prima Kumpels."

Als ich etwas über Weihnachten sage, streiten meine Zimmergenossen darüber, ob sie über diesen Dingen stehen können. Peter: "Kannst du nicht. Du gehst meinetwegen in die Kneipe, um dich voll laufen zu lassen. Das schaffst du aber nicht, du musst immer noch an Weihnachten, deine Frau, deine Kinder denken. Und dann merken die anderen, dass du einen Moralischen hast. Da geh' ich lieber direkt ins Bett und denk mir eins. Und das geht keinen was an!" Wer hier drinnen ist ...

Paul erzählt, wie selbst die härtesten Knastbrüder an Heiligabend wie die Schlosshunde geflennt hätten. Werner steht auf, näht einen Knopf an seinen Mantel an und geht, sagt aber nicht wohin.

Peter äussert die Absicht, in den Dom zur Mette zu gehen. Die anderen machen Witze darüber: Dem Pastor Messwein klauen, den Klingelbeutel mitgehen lassen, einen schönen Gruss von Ochs und Esel bestellen - dann ist das Thema erschöpft. Und: "Hier in der Schlafstelle wirst du ausgebeutet. Aber die Kirche ist auch nicht besser: Die wollen, dass du betteln kommst, damit sie dir erzählen können. Und das musst du dir ja anhören, denn du brauchst ja Geld, zum Beispiel, um zu pennen." In der Schlafstelle fühlen sie sich wohler: "Hier kümmert sich keiner um dich, hier denkt jeder an sich: Wie schaffe ich die nächste Miete?"

Paul hat resigniert: "Wenn du einmal hier gelandet bist, kommst du so schnell nicht wieder weg, du bleibst immer unten. Wir sind Aussenseiter. Wer hier drinnen ist, der ist draussen."

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