Der Papyrer

von Lucie (9a, 1996)

kramer zunft kurtzweyl

Foto: Helmut Jahn (1996)

Dieser Beruf war im Mittelalter sehr anstrengend. Damals wurde das Papier auch noch nicht aus der Papyruspflanze aus Ägypten, sondern aus der zerschlissenen Unterwäsche von anderen Leuten hergestellt. Da Unterwäsche etwas Kostbares war, wurde sie getragen, bis sie in Fetzen vom Leibe fiel. Diese Fetzen wurden dann in noch kleinere Fetzen zerrissen und in einem Kessel mit Wasser zum faulen hingestellt.

Nachdem der Faulprozess abgelaufen war, wurden die Bakterien aus den Stoffetzen mit Wasser wieder herausgekocht. Durch die Fäulnisbakterien bekamen die Buchbinder oft die Gicht, und deshalb war ihre Lebenserwartung auch nicht sehr hoch, was bei fast allen Berufen im Mittelalter der Fall war.

Nun wurde eine Platte, die in zwei Kästchen unterteilt war und einen Holzrahmen hatte, in diese Pampe getaucht. Wenn man die Platte wieder herausholte und den Holzrahmen abnahm, hatte man schon zwei Buchseiten. Diese waren aber noch ziemlich feucht, und deshalb wurde eine trockenes Vliestuch darübergelegt. Wenn die Buchseiten jedoch nicht so gut gelungen waren, wurden sie wieder in die Pampe geschüttet. Dies nannte man "abküssen", weil, wenn man das Brett auf das Wasser schlug, um die Seiten loszuwerden, gab es ein schmatzendes Geräusch wie bei einem Kuss. Man fertigte dann noch mehrere Buchseiten an, die man übereinanderlegte. Nach einer bestimmten Anzahl von Seiten wurden diese in eine Presse gelegt, die auch noch das letzte bischen Wasser aus den Seiten herausdrückte. Dann wurden diese zum Trocknen aufgehängt.

Man könnte auf diese Seiten zwar schon schreiben, aber sie hätten die Tinte wie ein Löschpapier aufgesaugt. Damit dies nicht geschah, wurde auf die Seiten eine spezielle Mischung aus zerstampften Tierknochen gepinselt. Dieses Material stank entsetzlich. Danach mussten die Blätter noch einmal getrocknet werden, erst dann konnte man zum nächsten Schritt, dem Heften, übergehen.

Für das Heften gab es einen speziellen Apparat. In diesen Apparat wurde Heftgarn eingespannt, das dann mit einer Nadel durch vorgestanzte Löcher in den Seiten durchgezogen wurde. Die Löcher waren mit einem gespitzten Tierknochen (einer Kuh) in die Seiten gestochen worden.

Man konnte das Buch beliebig dick machen. Sowieso wurde jedes Buch bestellt. Wenn die Seitenzahl stimmte, wurde das Heftgarn abgeschnitten und verknotet. Zum Schluss fügte man dem Buch noch einen schönen Umschlag bei. Dieser Umschlag wurde mit einer Art Leim an den Buchrücken geklebt. Dieser Leim wurde auch aus Tierknochen gemacht und stank genauso widerlich wie die andere Pampe. Der Umschlag bestand damals aus Leder. Solche Bücher konnten sich sowieso nur die reicheren Leute leisten. Aber die ärmeren durften für solche Bücher 18 Stunden am Tag arbeiten.

siehe auch: Der Buchbinder


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