karlrobert kreiten strasse
DIE ZEIT 11.03.1994

Gedenken? Kein Gedanke!

In Bonn zum Beispiel handelt es sich um eine Baustrasse. So sieht sie auch aus:
vorn ein paar ordentliche Häuser, dann Hinterhöfe und Ödland. Dort ist das
Schild schon halb umgesunken, das mitteilt, daß die Straße nach Karlrobert
Kreiten heiße, zu seiner Zeit ein begnadeter Pianist, schon weithin berühmt,
dann aber von den Nazis ermordet, weil er sich abfällig über sie geäußert
hatte. So geht die Stadt Bonn mit einem ihrer prominenten Söhne um.
Kein Einzelfall: Gerade hat die Arbeitsgemeinschaft Frauengeschichte an der
Universität moniert, daß der Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus
in der üppigen Natur des Hofgartens immer schlechter zu sehen sei.
Ein paar Schritte entfernt läuft jetzt, wie überall, „Schindlers Liste“. Was
Wunder, wenn einem wieder durch den Kopf geht, wie lebendig wohl noch die
Erinnerung an die Täter und Opfer der braunen Gewaltherrschaft ist und gehalten
wird. Bonn ist ja wiederum keine Ausnahme. Zwar hat die Stadt Frankfurt, in
deren Mauern er starb, Oskar Schindler auch eine Straße gewidmet - aber in
einem entlegenen Vorort.
Derweil nimmt, wie das American Jewish Committee per Emnid-Umfrage ermittelt
hat, der latente Antisemitismus wieder zu. Jeder fünfte Deutsche hätte lieber
keinen Juden zum Nachbarn. Auch aus Angst oder Scham? Immerhin wissen die
meisten Deutschen recht genau, was der Holocaust war.
Der Begriff „Antifaschismus“ ist sowieso diskreditiert. Unverdrossen taucht
er noch in den Todesanzeigen im Neuen Deutschland auf, die vom
Aussterben kommunistischer Antifaschisten berichten. Sonst aber spielt das Wort
oft nur noch eine polemische Rolle, zum Beispiel in der Enquetekommission des
Bundestages zur Aufarbeitung der Geschichte und der Folgen der SED-Diktatur.
Dort steht es meistens nur für eine besonders hinterhältige Form des früheren
kommunistischen Monopolanspruchs. Statt dessen macht, wenn auch nicht in der
Kommission, der Begriff vom Anti-Antifaschismus allmählich Karriere.
Die Gedenkstättenkonzeption
des Bundes hat der Innenausschuß des Parlaments noch immer in Arbeit. Wie
lange? Bis das Straßenschild zu Ehren Karlrobert Kreitens ganz umgestürzt sein
wird? Die alltägliche Achtlosigkeit schnürt das Herz ab, auch wenn es von „Schindlers
Liste“ wieder angerührt worden ist.

Carl-Christian Kaiser