russenfriedhof

Der „Russenfriedhof“ von Langeoog

Langeoog - seit dem 19. Jahrhundert eine Ferieninsel in der Nordsee, mit weissen Sandstränden und gepflegten Kur- und Badeeinrichtungen. Während des Zweiten Weltkrieges allerdings haben sich hier am Strand zwischen den Dünen Tragödien abgespielt.

langeoog Blick auf den Friedhof
Film Kameraschwenk über den Friedhof,
MPG-Datei, 15 MB, 20 sec.

Zunächst im Sommer 1940 hat die Nordsee immer wieder Leichen und auch Leichenteile an den Strand gespült - ein so grausiger Anblick, dass die Langeooger Eltern ihren Kindern verboten haben, an den Strand zugehen. Es waren Soldaten: britische, kanadische, australische und auch französische und belgische Soldaten, die verzweifelt - mit oft unzureichenden Booten oder gar Flössen - versucht hatten, von Dünkirchen aus, wo sie von der Wehrmacht eingekesselt worden waren, über den Kanal nach England zu fliehen. Nicht alle Männer konnten identifiziert werden, einige wurden als „unbekannte Leiche“ bestattet, und zwar nicht auf dem Kirchhof neben der Kirche, sondern in einem (damals) weit ausserhalb des Ortes gelegenen Dünengelände.

Diese Fläche hatte die Gemeinde bereits vor dem Westfeldzug als neue Begräbnisstätte ausgesucht, als die alte zu klein geworden war. Weil es aber Streit mit der Luftwaffe gab, die sich unmittelbar westlich von der vorgesehenen Fläche ausdehnen wollte, kamen die Planungen nur schleppend voran.

langeoog

Das änderte sich im Herbst 1941 drastisch, als die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen auf Langeoog eintrafen: "zerlumpte und durch die Gefangenschaft ungepflegte und unterernährte Gestalten", schrieb der damalige Schulleiter Richard Windemuth über die Männer; sie trafen am 4. August 1941 aus dem Stalag X D (310) in Wietzendorf (Lüneburger Heide) in Langeoog ein. Ihre Anzahl schwankt zwischen 300 und 450, durchweg junge Leute - um die 20 Jahre alt, aber sogar 14- und 16jährige Jungen sollen darunter gewesen sein.. Es heisst, dass einige von ihnen erst wenige Tage an der Front gewesen waren, als sie in Gefangenschaft gerieten.

In der Gartenstrasse - wo heute das Haus Meedland steht - errichtete die Luftwaffe gegenüber dem „Franzosenlager“ das „Russenlager“. Die sowjetischen Soldaten - keineswegs nur Russen - wurden eingesetzt bei den Bauarbeiten in der Luftwaffenbasis, beim Bunker- und Flakstellungsbau in den Dünen und beim Strassenbau: Die heute noch bestehende Pflasterung in der Willrath-Dreesen-Strasse ist die Arbeit der Kriegsgefangenen (nach JUNK).

Waren die Lebensumstände im Stalag Wietzendorf schon bedrohlich, wurde der Arbeitseinsatz auf Langeoog zu einer tödlichen Gefahr. Die Arbeit war schwer, die Ernährung war völlig unzureichend und das Wachpersonal mörderisch grausam. Der bereits zitierte Schulleiter liefert ungewollt die Beweise für die mangelhafte Ernährung, wenn er sich voller Abscheu darüber auslässt, dass „die Russen“ ein totes Kalb und auch ein totes Schwein roh gegessen haben, ebenso 25 Pfund Schmieröl oder faule Tomaten aus den Mülleimern, ferner Möwen und Igel.

Ein Schulkind beschrieb 10 Jahre später, dass tote Kriegsgefangene abends „an zwei Pfähle gebunden und [von der Arbeitsstelle an seinem Haus vorbei] ins Lager getragen“ wurden.

Nach Zeitzeugenberichten sind mindestens zwei Kriegsgefangene von den Wachmannschaften erschossen worden (JUNK, S.40). Ein französischer Kriegsgefangener überliefert, dass ein Mann des Wachpersonals einen sowjetischen Kriegsgefangenen mit dem Spaten erschlagen hat.

Die ansässige Bevölkerung hat - hier und da - den Verhungernden etwas zugesteckt: Damit wurden das Elend aber nur gemildert.

Und so verwundert es nicht, dass ab September 1941 fast täglich Kriegsgefangene sterben - 113 Männer bis zum Ende März 1942. Als Todesursachen wurden damals eingetragen: Gastroenteritis, Magen-Darmkatarrh, Diarrhöe, Resorptionsstörung, Herzlähmung, allgemeine Körperschwäche (nach JUNK). Gegen diese Befunde und wider besseres Wissen wird noch heute unter der älteren Bevölkerung Langeoogs und auch in der einen oder anderen Broschüre behauptet, die Russen seien an Fleckfieber oder Typhus gestorben, den sie zudem auch noch vom Festland selbst eingeschleppt hätten. Die zeitliche Verteilung zeigt eindeutig, dass es in den ersten Wochen nur wenige Sterbefälle gab, diese sich aber im November und Dezember häufen; das spricht gegen eine eingeschleppte Seuche, für Unterernährung und Unterkühlung.

Die Toten wurden nunmehr auf dem ansatzweise vorbereiteten neuen Dünenfriedhof beigesetzt, allerdings in einem abseits gelegenen kleine Tal. Und der Langeooger Standesbeamte Niemeyer begann eine separate Liste mit den sowjetischen Toten.

Die Überlebenden wurden im Mai 1942 nach Wietzendorf zurückverlegt; ihr weiteres Schicksal ist im einzelnen unbekannt.

1952 stellte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die sechs Steine auf, die die Namen der Toten verzeichnen. Zwanzig Jahre, nachdem die Namensliste der Toten in der „Iswestija“ abgedruckt worden war, meldete sich 1984 die Witwe des Nikolai Kurilow in Langeoog und besuchte dann auch zweimal das Grab ihres Mannes:

kurilow Nikolai Kurilow

Helmut Junk, der Verfasser des Buches „Todesursache", liess auf dem Grundstück des „Hauses Meedland“, einen Plattenweg anlegen mit den Steinen „Todesursache allgemeine Körperschwäche“.


  1. Das "Russenlager": Skizze und Photo
  2. Liste der verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen, sortiert nach Sterbedatum
  3. Liste der verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen, sortiert nach Namen
  4. Diagramm: Sterbefälle in der zeitlichen Verteilung
  5. Quellen und Literatur
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