1965 Interpretation von Senecas „Apokolokyntosis“, IV, 1 ff[1]

1. Haec ait et turpi convolvens stamina fuso

2. abrupit stolidae regalia tempora vitae.

3. At Lachesis redimita comas, ornata capillos,

4. Pieria crinem lauro frontemque coronans,

5. candida de niveo subtemina vellere sumit

6. felici moderanda manu, quae ducta colorem

7. assumpsere novum. Mirantur pensa sorores:

8. mutatur vilis pretioso lana metallo,

9. aurea formoso descendunt saecula filo.

10. Nec modus est illis, felicia vellera ducunt

11. et gaudent implere manus, sunt dulcia pensa.

12. Sponte sua festinat opus nulloque labore

13. mollia contorto descendunt stamina fuso.

14. Vincunt Tithoni, vincunt et Nestoris annos.

15. Phoebus adest cantuque iuvat gaudetque futuris,

16. et laetus nunc plectra movet, nunc pensa ministrat.

17. Detinet intentas cantu fallitque laborem.

18. Dumque nimis citharam fraternaque carmina laudant,

19. plus solito nevere manus, humanaque fata

20. laudatum transcendit opus. "Ne demite, Parcae"

21. Phoebus ait "vincat mortalis tempora vitae

22. ille, mihi similis vultu similisque decore

23. nec cantu nec voce minor. Felicia lassis

24. saecula praestabit legumque silentia rumpet.

25. Qualis discutiens fugientiaLucifer astra

26. aut qualis surgit redeuntibus Hesperus astris,

27. qualis cum primum tenebris Aurora solutis

28. induxit rubicunda diem, Sol aspicit orbem

29. lucidus, et primos a carcere concitat axes:

30. talis Caesar adest, talem iam Roma Neronem

31. aspiciet. Flagrat nitidus fulgore remisso

32. vultus, et adfuso cervix formosa capillo."

So[2] spricht sie und auf die gestrige Spindel die Fäden aufwickelnd zerreisst sie die törichte Zeit eines Königslebens.

Aber Lachesis, die Locken bekränzt, das Haar geschmückt, die Stirn und das Haupt umwunden mit pierischem Lorbeer, entnimmt mit glückbringender, massvoller Hand der schneeweissen Wolle glänzende Fäden, die – von ihr gehalten – eine neue Farbe annehmen. Es bewundern die Schwestern die Arbeit: wertlose Wolle verwandelt sich in wertvolles Metall; goldene Zeitalter hangen an einem wunderschönen Faden. Und sie ruhen nicht: Sie ergreifen glückbringende Fäden und freuen sich ihrer Fülle; angenehm ist die Arbeit; von selbst schreitet das Werk voran, ohne Widerstand gleiten die glatten Fäden von der gedrechselten Spindel, sie übertreffen an Jahren den Tithonos und den Nestor. Phoebus unterhält sie dabei mit Gesang und freut sich der Zukunft. Und beschwingt schlägt er bald die Zither, bald reicht er die Wolle. Mit Gesang hält er die Eifrigen [zur Arbeit] an und lässt sie die Mühe nicht merken. Und während sie [die Parzen] überaus eifrig das Zitherspiel und den Gesang des Bruders loben, haben ihre Hände mehr als gewöhnlich gesponnen, und das gelobte Werk übersteigt menschliches Schicksal.

„Entzieht [ihm] nichts, ihr Parzen“, ruft Phoebus, „er möge die Lebenszeit eines Sterblichen überdauern, der mir in Aussehen und Schönheit ähnlich ist, und ebenbürtig an Sangeskunst und [Wohlklang der] Stimme. Ruhige Zeiten wird er den Erschöpften bringen und abbrechen die Stille der Gesetze. Wie Luzifer die fliehenden Sterne auseinandertreibt und wie Hesperus aufsteigt, wenn sie wiederkehren; und wie der helle Sol, wenn Aurora die Dunkelheit ablöst und den glühendroten Morgen heraufführt, die Erde betrachtet und seine unbändigen Wagen aus der Umfriedung entlässt: Solch ein Caesar steht vor uns, so wird Rom jetzt seinen Nero sehen. Hell erstrahlt im milden Glanz sein Antlitz und der schön gestaltete Nacken unter den herabwallenden Locken.“

In diesen 32 Hexametern wird die Handlung innerhalb der Satire weitergeführt; Seneca hat wohl deshalb seinen kleinen Exkurs in Versen abgefasst, weil allein diese gehobenere – nämlich poetische – Ausdrucksweise dem Inhalt des Gesagten und seiner Bedeutung gerecht zu werden vermag. Für einige Zeit verlässt Seneca den Boden der Satire und begibt sich auf eine Ebene, die der vorigen entgegengesetzt ist. Zum ersten benutzt er diesen Exkurs, um das Bild des Claudius in noch schwärzeren Farben erscheinen zu lassen. Der wird in den beiden ersten Versen kurz abgetan; unpoetische Worte wie turpis, stolidus, abrumpere, ait mit z.T. unschönem Inhalt umschreiben den Augenblick des Sterbens des Claudius, der auf diese Weise noch verhöhnt wird.

Schnell und erleichtert, froh, dieses leidige Thema verlassen zu können, geht Seneca zu dem folgenden über, das zu beschreiben ihm mehr Freude bereitet – ein Grund, warum er länger dabei verweilt. Er greift zwar noch einmal das Motiv der Spindel auf, jedoch ist nun nicht mehr die prosaische Clotho, sondern die poetische Lachesis[3] am Werk, die mit einer ausführlichen Schilderung ihrer Schönheit bedacht wird; und ausserdem wird nun – während vorhin altes, verkommenes zerrissen wurde - an etwas Neuem, Erfreulichen, Glück bringenden gesponnen. Weinrich nennt die folgenden Zeilen „das positive Element“[4], was seinen Ausdruck darin findet, dass jetzt Lachesis „die glänzenden Fäden aus schneeweisser Wolle“ zieht, die sie im Verein mit den anderen Parzen und unterstützt von Apollo zu einem glücklichen Zeitalter spinnt.

„Goldenes Zeitalter“ – das ist ein Schlagwort, das die Römer jener Zeit in Atem hält, das sie seit den Tagen des Augustus, der es als erster Sterblicher wieder heraufzubeschwören vermochte, zurücksehnen, und auf das sie bei jedem Princeps aufs Neue hoffen. Die Erinnerung an die gute, alte Zeit hält sie in Bann, eine Zeit, in der alles sponte sua nulloque labore vonstatten ging, ein Gedanke, der bereits in Ovids Metamorphosen zu finden ist. Dass er dies noch einmal verwirklicht, erhofft man von Nero; langes Leben möge ihm beschert sein, damit er all diese Wünsche, die an ihn herangetragen werden, in die Tat umsetzen kann, damit alle - mit Apollo - sich auf einen schöne Zukunft freuen können.

Von Vers 15 an lenkt Seneca durch das Erscheinen Apollos auf ein anderes, persönliches Thema über. War bislang die Rede von der zu erwartenden glücklichen Regierungszeit Neros, so spricht Seneca nun über der Person Nero selber und stimmt nun die eigentlichen laudes Neronis an. Er vergleicht ihn im Hinblick auf seine Schönheit und seien musische Begabung mit dem Gott der schönen Künste: Apollo, der nun eine Bitte an die Parzen vorbringt, die – in Zusammenhang zu dem Anlass der Satire gesetzt – eine doppelte Wirkung erzielt: Nachdem Claudius – den meisten noch nicht früh genug – vernichtet worden ist, sollen die Parzen den göttergleichen Nero mit einer Lebensdauer beschenken, die über das gewöhnliche irdische Mass hinausragt; denn ihm ist es ja vorbehalten, eine neue, bessere Zukunft heraufzuführen, den Staat und die Gesetze neu zu ordnen und seinem Volk Glück, das ewig dauert, zu bringen. Reichlich wird er mit Vorschusslorbeeren bedacht: Den gestirnten Göttern Luzifer, Sol, Hesperus und Aurora wird er gleichgestellt, ein leuchtendes Symbol der Schönheit. Nachdem Seneca die Zuhörer so lange auf die Folter gespannt hat, verrät er ihnen nun, was sie schon längst wissen: Wenn in den voraufgegangenen Zeilen von „ihm“ die Rede war, so war Nero damit gemeint.

Der vorliegende Abschnitt ist sicher die einzige Passage in der Satire, die in ihrer Aussage ernst zu nehmen ist (wenn auch in unseren Augen die Verse 20-32 ebenfalls als eine Verhöhnung – nämlich Neros – erscheinen) und in der Seneca den gehässigen, hintergründigen Ton beiseite lässt und feierlich wird. Und hier setzt nun die Kritik an der moralischen Integrität Senecas ein. Wie konnte Seneca, immerhin ein Philosoph und dazu ein Philosoph der Stoa, der ausserdem Neros Erzieher war und ihn daher genau kennen musste – wie konnte er sich in seinem Urteil so vergreifen? War denn Nero während seiner Regierungszeit ein anderer geworden? Zeigte er da plötzlich Eigenschaften, die unter der leitenden Hand des Lehrmeisters nicht zum Vorschein gekommen waren? Hängt diese Diskrepanz zwischen dem vorliegenden Lobpreis und der späteren Wirklichkeit an der Person des Nero oder an der Senecas? Hat dieser sich vielleicht in seiner Freude über Claudius‘ Tod zu solchen Hoffnungen verleiten lassen, oder hat er sich gar, nachdem er mit dem verstorbenen Kaiser nicht auskommen konnte, bei dem neuen, noch jungen einschmeicheln wollen?

Weinrich verneint dies energisch und begründet seine Ansicht damit, dass die uns allzu untertänig erscheinende Sprache an den Höfen der römischen Kaiserzeit sich immer mehr einbürgerte und dass jene Erweise einer Ehrerbietigkeit gegenüber dem Kaiser gang und gäbe geworden waren, ja beinahe schon zu Phrasen, Floskeln erstarrt und abgesunken waren; dass sich also Seneca einer durchaus üblichen Redeweise bedient habe[5]. Gewiss sind Senecas Worte auch getragen von einer optimistischen Zuversicht in den noch hoffnungsvollen jungen Kaiser, der in den ersten Jahren seine Regentschaft eine durchaus glückliche Hand hatte. Erst nach einigen Jahren – nicht zuletzt bewirkt durch das schlechte Beispiel seiner Mutter Agrippina – entwickelte sich Nero zu dem Despoten, wie ihn die Geschichte hauptsächlich kennt. Dazu konnte es nur deshalb kommen, weil Nero die ihm übergebene Machtfülle zu Kopf stieg (Seneca begann bereits seinen Einfluss auf Nero zu verlieren) und weil seine musische Begabung allzu sehr gefeiert wurde, die sich dann doch als Dilettantismus herausstellte, so dass ein Bonmot in Rom kursierte: Nero singe so lange, bis die Hähne (galli, gemeint sind aber Galli=Kelten) krähen. Doch da war es bereits zu spät; der Machtrausch Neros war schon so weit gediehen, dass auch seiner musischen Ader kaiserliche Ehren dargebracht werden sollten. Von all dem hat Seneca, als er diese laudes Neronis verfasst, nichts vorausahnen können; der Vorwurf der bewussten Schmeichelei und der Ignorierung der Wirklichkeit ist Seneca nicht zu machen.

Zum Formalen bleibt zu erwähnen, dass sich Seneca in der Gestaltung einzelner Passagen (Vers 3 bis 20a, Vers 25 bis 29, Vers 31 f) an homerische Vorbilder hält. Häufig verwendet er die Alliteration (comas, capillos, crinam, coronans), einmal sogar eine verschränkte Alliteration (plectra movet, pensa ministrat). Die laudes Neronis sind angelegt auf die Erwähnung seines Namens erst in Vers 30, in einem „Crescendo“[6] steigert sich die Aussage zu diesem Neronem hin; und nachdem das Stichwort gefallen ist, beendet Seneca nach diesem Höhepunkt schnell seine laudes: Nero darf keiner weiteren Ergänzung oder Erklärung mehr bedürfen.

Literaturverzeichnis

Weinrich, O. (1923). Senecas Apocolocyntosis. Einführung, Analyse und Untersuchungen. Berlin.



[1] Referat im Proseminar Dr. Gnilka, SS 1965 Bonn.

[2] Übersetzung in Anlehnung an (Weinrich, 1923, S. 136 f).

[3] Vgl. (Weinrich, 1923, S. 38).

[4] (Weinrich, 1923, S. 37).

[5] (Weinrich, 1923, S. 43).

[6] (Weinrich, 1923, S. 50).

 

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