Caesars [fiktiver] Tagebuchbrief, September 45 v.Chr.

971. [Über die Gedichte Catulls.]
[…]
Du wirst erstaunt sein zu erfahren, daß die Frau, die in den Gedichten unter dem Namen Lesbia angesprochen wird, niemand anders ist als Clodia Pulcher, an die Du und ich zu unsrer Zeit Gedichte geschrieben haben. Clodia Pulcher! Durch welche seltsame Verkettung von Umständen ist es dahin gekommen, daß diese Frau, deren Dasein für sie selbst jede verständliche Bedeutung verloren hat, — die nur lebt, um das Chaos ihrer Seele in ihrer ganzen Umgebung hervorzurufen, nun im Geist eines Dichters als Gegenstand seiner Anbetung lebt und ihm solche strahlende Lieder entlockt?

Clodias [fiktiver] Brief an ihren Bruder Publius Clodius Pulcher, September 45 v. Chr.

Catullus. Ich will, dass du nett zu ihm bist. Ich schaffe mir das allmählich vom Hals. Aber auf meine Weise. Du würdest es nicht glauben, was vorgeht! Ich habe eine mindestens ebenso gute Meinung von mir, wie jede andere Frau von sich hat, aber ich habe nie behauptet, alle Göttinnen in einer Person zu sein und obendrein noch Penelope. Ich fürchte mich vor gar nichts, Publius, ausgenommen diese gräßlichen Epigramme. Sieh nur die an, die er gegen Caesar schleudert! Alle Welt zitiert sie; sie haften ihm an wie körperliche Einstellungen. Ich will keine solchen abkrieg, also lass mich das auf meine Weise machen.

Cassias [fiktiver] Brief an Domitilla Appia, Clodias Cousine und eine der Verstalinnen, September 45 v. Chr.

[Clodia und Catull waren zu Besuch; abends wies Clodia Catull ab und nahm statt seiner einen Verus mit auf ihr Zimmer; am nächsten Morgen] sah sie mich kalt an und sagte: "Das ist ganz einfach, Cassia. Ich erlaube nun einmal keinem Manne, keinem, zu glauben, dass er irgendwelche Rechte über mich hat. Ich bin eine völlig freie Frau. Catullus behauptet, Ansprüche an mich zu haben. Ich musste ihm schleunigst zeigen, dass ich keine solchen Ansprüche anerkenne. Das ist alles."

Clodias [fiktiver] Brief an Catull, September 45 v. Chr.

Hirschlein - wahr, alles wahr - wie kann ich anders grausam zu dir sein? - Ertrag es, erduld es, aber verlass mich nicht.

Ich will dir alles sagen - es ist mein letztes Mittel - mach Dich auf diesen Greuel gefasst: mein Onkel vergewaltigte mich, als ich zwölf Jahre alt war - an wem, an was kann ich mich dafür rächen? Dafür? In einem Obstgarten, am Mittag. Unter einer strahlenden Sonne. Nun hab ich Dir alles gesagt.

Nichts kann mir helfen, ich verlange keine Hilfe. Ich verlange einen Gefährten im Hass. Das Dein Hass nicht stark genug wäre, das könnte ich nicht ertragen.

Komm  zu mir. Komm zu mir, Hirschlein!

Aber was gibt es da zu sagen?

Komm!


Auszüge aus T. Wilder: „Die Iden des März“, passim

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