Streit um Ausstellungsplakat

Quatsch mit brauner Soße

von Andreas Helfer

Rhein-Sieg-Anzeiger, 30.10.2008

Zwei Männer in Nazi-Uniformen stehen vor einem roten Plakat: „Troisdorf wählt NSDAP" ist darauf zu lesen, darunter ein Hakenkreuz. Die Grafik von Tor Michael Sönksen wirbt für die Ausstellung des Stadtarchivs „von der Machtergreifung zur Pogromnacht" im November - und sie bringt Leo Müller von der Fraktion UWG Regenbogen derart in Rage, dass er jetzt die Stadt angezeigt hat. Dabei bezieht er sich auf Paragraf 86 des Strafgesetzbuchs, der das Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen verbietet.
Ein „ungeübter und naiver Betrachter" könne die Abbildung missverstehen und den Eindruck gewinnen, die Stadt betreibe offensiv Werbung für verfassungsfeindliche Parteien und Symbole, argumentiert Müller. Es sei nicht „zweifelsfrei und eindeutig zu erkennen", dass die Symbole lediglich im Rahmen der staatsbürgerlichen Aufklärung beziehungsweise der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen gezeigt" würden. „Es scheint vielmehr darum zu gehen, reißerisch Aufmerksamkeit für diese Ausstellung zu erheischen, ohne die notwendige Abwägung vorgenommen zu haben, ob denn nicht gerade diese Darstellung eine Aufforderung zur straffreien Nachahmung auslösen kann." Von der Abbildung gehe eine direkte Gefährdung der Jugend aus", man müsse alle Flyer und Plakate einsammeln und vernichten.
Geharnischt fiel die Reaktion der Adressaten aus. „Empört", sei der Bürgermeister, beschrieb die Sprecherin der Stadt, Bettina Plugge, die Reaktion Uedelhovens. „Wenn zwei Leute unverdächtig - sind, solche politischen Haltungen, zu unterstützen, dann sind es Herr Uedelhoven und Herr Sönksen." Hakenkreuze würden zudem auch zwangsläufig in der Ausstellung selbst zu sehen sein. Das Verhalten Müllers sei „Populismus pur" und wohl auf den Wahlkampf zurückzuführen.
Einen Vorwurf muss sich Sönksen gefallen lassen: Seine uniformierten Strichmännchen sind - die Hände hinter dem Rücken statt mit dem Knüppel in der Faust - zu brav und zu blass. In ihrer Harmlosigkeit werden die Gestalten in den braunen Hemden dem wichtigen Thema nicht gerecht.
Doch die Art, wie Müller Uedelhoven und Sönksen abkanzelt und vor den Kadi zerren will, ist gemessen an dem, worum es eigentlich geht, fragwürdig. Das Plakat wirbt, wenn auch ungekonnt, für ein wichtiges Projekt, auf das man gespannt sein darf: Das Stadtarchiv und der beteiligte Heimat- und Geschichtsverein haben oft genug gezeigt, dass sie die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Troisdorfs sehr ernst nehmen. Und der Begriff „Pogromnacht" auf dem Plakat stellt hinreichend klar, dass es beileibe nicht um Sympathien geht. Die Nazis selbst sprachen verharmlosend von der „Reichskristallnacht".
Müller läuft Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten, denn mit überzogener Kritik bringt er die ganze Ausstellung in Misskredit. Sönksen und Uedelhoven Propaganda für Nazis vorzuwerfen ist, zudem nicht nur unfair. Es ist auch Quatsch mit der alten braunen Soße.

[Bildunterschrift:] Zankapfel: Leo Müller von der UWG Regenbogen verklagt wegen dieses Plakats die Stadt Troisdorf. REPRO: AH


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