Mindestens sechs Troisdorfer Opfer der „Euthanasie“-Welle

Auf „Defektmenschen" wartete die Todesspritze

Sitzenbleiber Oskar für „schwachsinnig" erklärt — „Verhütung erbkranken Nachwuchses"

(General-Anzeiger Bonn/Rhein-Sieg, 13.4.1985 )

Troisdorf. (GA) Mindestens sechs Troisdorfer endeten zwischen 1940 und 1945 in sogenannten Pflegeanstalten. Martha (29), Kurt (19), Herbert (13) und Oskar (26) sind vier von ihnen — sie alle starben unter dem Deckmantel der „Euthanasie". Was eigentlich „Gnadentod" heisst. Im NS-Staat wurde dieser Begriff zum Symbol der Vernichtung nicht arbeitsfähiger und damit „wertloser" Menschen. Über 70.000 starben damals in sechs Tötungsanstalten, die nach aussen als „Heil- und Pflegeanstalten" getarnt waren. Das grauenhafte Treiben in den „Sanatorien" ruft uns der Troisdorfer Norbert Flörken um so eindringlicher ins Gedächtnis zurück, als er im folgenden Bericht vier von insgesamt sechs inzwischen bekannten Einzelschicksalen beschreibt, die sich praktisch vor unserer Haustür abgespielt haben. Seit Jahren schon beschäftigt sich Flörken mit den Auswirkungen des Nationalsozialismus auf seine Heimatstadt Troisdorf. Die Familiennamen der Betroffenen wurden mit Rücksicht auf die Hinterbliebenen weggelassen, sind dem Autor aber bekannt.

Als „erlaubten nützlichen Akt" stellten 1920 der Freiburger Professor Dr. Alfred Hoche und Professor Karl Binding aus Leipzig die Beseitigung der „geistig völlig Toten" dar. Die „Gelehrten" empfahlen ausserdem, sogenannte „Defektmenschen", also körperlich und geistig Behinderte, oder Geisteskranke, als „minderwertige Elemente von der Fortpflanzung auszuschliessen", um ein „Freimachen jeder verfügbaren Leistungsfähigkeit für fördernde Zwecke" zu erreichen. Die da schriftlich über die Eliminierung von „Defektmenschen" nachdachten, repräsentierten prominente Vertreter ihres Standes. Binding war Reichsgerichtspräsident, Hoche Professor für Psychiatrie an der Universität Freiburg. Gedruckt wurden diese Gedanken 1920 in einem Buch: „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Mass und ihre Form".

„Lebensunwertes Leben"

Dieses Machwerk kann als Lehrbuch der im dritten Reich unter dem Mantel der „Euthanasie" praktizierten Ermordung von mehr als 70 000 Menschen angesehen werden. Es erschien in einer Zeit, als Hitler die ersten Gleichgesinnten um sich scharte. Im „Sankt Josefs-Haus" in Waldbreitbach, „einer Irrenanstalt", wie in den zwanziger Jahren ein Troisdorfer Beamter in seinen Akten vermerkte, lebten Kurt (19) und Herbert (13), zwei Brüder aus Troisdorf, die vor ihrer Einweisung in das Sanatorium an der Taubengasse gewohnt hatten. Ebenfalls in den zwanziger Jahren wurde in einem Westerwaldort der 26jährige Oskar zum Gespött der Dorfkinder. Kurz nach dem ersten Weltkrieg, in dem Millionen gestorben waren, galt in Deutschland ein Menschenleben nicht viel, wie in Ernst Klees Buch „Euthanasie im NS-Staat" nachzulesen ist. Viele dachten damals laut darüber nach, was man mit den zahllosen Kriegskrüppeln anfangen könne. Und bezogen dabei auch flott die schon immer Kranken und Behinderten mit ein. Gleich nach Hitlers Machtübernahme im Jahr 1933 erlässt die Reichsregierung ein Gesetz „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", wonach die Sterilisation von „Schwachsinnigen", Blinden, Tauben, Epileptikern, aber auch Homosexuellen und Alkoholikern legalisiert wurde. Dieses Gesetz kann als Grundstein für die hunderttausend Morde gelten, die bis Ende 1941 in deutschen Heil-und Pflegeanstalten verübt wurden. Der Siegburger Landrat Ludwig von Buttlar schrieb 1935 an den Regierungspräsidenten in Köln, das Gesetz habe „bei dem überwiegenden Teil der Bevölkerung grossen Anklang gefunden". 1934 hatte allerdings der Kölner Erzbischof in einem Hirtenbrief die Einführung der neuen Paragrafen scharf angegriffen. Die Gestapo konnte den Bischof zwar nicht an der Predigt hindern, verbot aber die Veröffentlichung der erzbischöflichen Kritik in den Zeitungen. Martha (29), Mutter eines einjährigen Kindes, ist die erste vom neuen Gesetz betroffene Troisdorferin. Die junge Frau wurde am 2. Oktober 1934 auf Anordnung des Kölner „Erbgesundheitsgerichtes" sterilisiert. In den Dokumenten wurde zur Begründung „Schizophrenie" angegeben. 1945 verlangte der Ehemann Wiedergutmachung und berief sich auf die Akten. Die Stadt Köln gestattete dem Geschichtsforscher Flörken vor kurzem Einblick in Marthas Erbgesundheitsgerichts-Akte. Flörken fand darin „eines der vielen pseudowissenschaftlichen Todesurteile jener Zeit".

Marthas Mann, der zum Zeitpunkt der Unfruchtbarmachung seiner Frau an der Roonstrasse wohnte und später nach Bergheim zog, erinnerte sich 1949: „Vor der Verhandlung wurde mir sowie meiner Frau erklärt, dass wir überhaupt keine Aussage machen dürften, da meine Frau sonst sofort wieder zur Heil- und Pflegeanstalt Bonn zurückgeführt würde. Um dieses zu verhüten, gab ich zu allem meine Einwilligung." 1938 kam Martha doch in die Anstalt und sah Troisdorf nie wieder. 1953 schrieb ein Neurologe aus den Reihen des Bonner Anstaltspersonals, bei Martha hätte es „Rückfälle" gegeben. Nächstes Troisdorfer Opfer der Sterilisierungswelle wurde jener Oskar aus dem Westerwaldort, der mit seinen Eltern inzwischen nach Troisdorf gezogen war. 1936 beschuldigt ihn das Bonner Landgericht, er habe an mehreren Jungen und einem Mann unzüchtige Handlungen vorgenommen. Oskar wurde ebenfalls in die Bonner Anstalt verwiesen. Homosexualität gab es übrigens auch in Nazi-Kreisen. 1935 gesteht ein Jungbannführer (20), sich im Seelscheider HJ-Heim an Jungvolkmitgliedern vergangen zu haben. Verschärfend für Oskar war, dass er in der Schule mehrfach sitzengeblieben war und „weder lesen noch schreiben kann". Das Gericht konstatierte „hochgradigen Schwachsinn" und führte die Erblichkeit dieser Geistesschwäche darauf zurück, dass auch Oskars Bruder die Volksschule nach der dritten Klasse verlassen musste. Die Mutter erklärte sich mit allem einverstanden. Am 20. November 1937 wurde Oskar nach einer Mitteilung an das damalige Kreisgesundheitsamtes in der Anstalt Düren sterilisiert.

„T 4"-Aktionen

Zu diesem Zeitpunkt sind die Troisdorfer Brüder Kurt und Herbert von Waldbreitbach in die staatliche Heil- und Pflegeanstalt Herborn verlegt worden. Zwischen 1936 und 37 begann nämlich die zweite Stufe des mörderischen Euthanasieprogramms. Kirchliche Heime mussten ihre Patienten an staatliche Anstalten abgeben. Dies wurde von den Behörden mit der „erhöhten Wirtschaftlichkeit der Geisteskrankenpflege" begründet. Die Tötungsmaschine — bisher nur vorbereitet — kam richtig erst mit Kriegsbeginn in Schwung. Hitler forderte den Chef der „Kanzlei des Führers" (KdF), Philipp Bouhler, und seinen Begleitarzt, Dr. Karl Brandt, auf, Ärzte auszusuchen und zu ermächtigen, „nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken den Gnadentod zu gewähren". Die KdF gründet daraufhin eine „Reichsarbeitsgemeinschaft Heime und Pflegeanstalten" (RAG) und eine „Gemeinnützige Kranken Transport GmbH" (Gekrat). KdF-Oberdienstleiter Victor Brack schätzt die Zahl der zu tötenden Menschen auf 70 000. Schloss Grafeneck, ein Krüppelheim in der schwäbischen Alb, wurde zur ersten von endgültig sechs Tötungsanstalten umgebaut. 1940 ermordete man im Zuchthaus Brandenburg die ersten Geisteskranken. Zur Probe, weil Brack und Brandt noch nicht einig sind über die beste Mord-Methode. Brandt favorisierte Todesspritzen, Brack war für Gas. Im besetzten Polen starben im selben Jahr die ersten Kranken im Maschinengewehrfeuer oder in fahrbaren Gaswagen. Die Organisation wurde von einer ehemaligen jüdischen Villa an der Berliner Tiergartenstrasse 4 aus betrieben. Deshalb auch der Name dieses „Büros: „T4". Die Aktionen dieses Büros wurden fortan „T 4"-Aktionen genannt.

Die vier Troisdorfer Kranken, Martha (Bonn), Oskar (?), Kurt und Herbert (Herborn) wurden jetzt genau beobachtet. Die Anstaltsärzte beurteilten jeden Patienten auf einen „Meldebogen 1" des Reichsinnenministeriums. Neben den üblichen medizinischen Beurteilungskriterien fiel die Frage nach der Arbeitsleistung aus dem Rahmen. Wer nicht viel leistete, wie eine Frau, die nur putzen konnte, war wertlos. Wer jedoch ein „guter Feldarbeiter" oder Schlosser war, wurde zurückgestellt. Dafür war auf dem Bogen ein grosses Rechteck vorgesehen. Der Arzt trug darin ein „-" für Leben, oder ein „+" für Tod ein. Martha wurde zwischen dem 10. Juni und dem 14. August 1941 umgebracht, Kurt und Herbert wahrscheinlich am 17. und 19. Februar. Oskar tötete man vor oder am 20. August desselben Jahres.

Das Gas, das beispielsweise in der uns am nächsten gelegenen Tötungsanstalt Hadamar (bei Limburg) in die mannshoch gefliesten Kellerräume floss, lieferte die BASF in Ludwigshafen. Erst nach etwa zwanzig grauenhaften Minuten waren die Patienten tot. Ihre Leichen und die Krankenakten wurden anschliessend im anstaltseigenen Krematorium verbrannt. Um die vielen Tode am gleichen Tage zu vertuschen, verteilten die Tötungsanstalten die Tode und Aschen untereinander. Marthas Mann erhält die Todesnachricht am 14. August aus Bernburg - wahrscheinlich starb seine Frau aber in Hadamar. Sie wurde nämlich noch am 10. Juni von Bonn aus in die Zwischenanstalt Andernach verlegt — auf halbem Wege zwischen Bonn und Hadamar. Der Tod von Kurt, Herbert und Oskar wurde vom „Sonder-Standesamt Hadamar-Mönchberg" mitgeteilt, wahrscheinlich zur Irreführung der Angehörigen. Denn das „Sonder-Standesamt" hatte dieselbe Adresse wie die Tötungsanstalt. Wo Martha und Oskar begraben liegen, ist noch unbekannt. Die Urnen von Kurt und Herbert wurden an 28. März 1941 auf dem Kölner Westfriedhof beigesetzt. „Bis zum 1. September 1941 wurden desinfiziert: 70.273 Personen", errechnete damals ein Mitarbeiter von „T 4". Bis jetzt ist unklar, ob nicht noch mehr Troisdorfer in den Gaskammern der „Sanatorien“ umkamen.

Aktennotiz über die Polin Stanislawa
[Bildunterschrift:] Stanislawa, Ostarbeiterin, entkam ihren „Henkern im weissen Kittel“. Deutlich erkennbar das „P“ für Polin.


Überlebt hat den Euthanasie-Wahn offenbar die Polin Stanislawa, die am 10. Januar 1944 nach Troisdorf verschleppt worden war. Zunächst wohnte sie im Ostarbeiter-Lager der Dynamit Nobel in Oberlar. Im April 1944 wurde sie in das Lager, Frankfurter Strasse 75, verlegt, dem ehemaligen Saal der Gaststätte „Klein". Wie 115 andere Ostarbeiter musste sie bei einer Oberlarer Firma arbeiten, eine Firma, die auch heute noch in Troisdorf tätig ist. Gegen Kriegsende ermordete man in „Heilanstalten" — im Zuge der „wilden Euthanasie" — neben Zuchthaus-Insassen, „Asozialen", „Arbeitsscheuen", „Kriegszitterern", Zigeunern, auch „die in absehbarer Zeit nicht mehr einsatzfähigen Ostarbeiter". Allein in Hadamar spritzte man zwischen 1944 und 1945 465 von ihnen zu Tode. Am 19. Dezember 1944 notiert der damalige Troisdorfer Bürgermeister Ernst Schünemann in der „Aufenthaltsanzeige" von Stanislawa: „Ist in die Heil-und Pflegeanstalt Galkhausen". Am 1. Mai 1945 gelang es der Polin, ihren Henkern im weissen Kittel zu entkommen.

[Bildunterschriften:] Nie sahen die Opfer Troisdorf wieder. Das Foto zeigt den Ursulaplatz vor Kriegsende. Rechts die alte Volksschule, die in den sechziger Jahren dem Hertie-Kaufhaus Platz machen musste. Schon in den Schulen wurden damals angeblich „geistesschwache“ Kinder aussortiert.

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