Wer im Deportationszug sass, kam nicht zurück

Holocaust - Heute vor 60 Jahren wurden die ersten Troisdorfer Juden von Köln-Deutz in den sicheren Tod verschleppt. Ziel der Transporte waren die Ghettos und Todeslager in Osteuropa

(General-Anzeiger Bonn/Rhein-Sieg, 29.10.2001)

TROISDORF. Für Melly und Albert Brünell, Hedwig und Samuel Levy aus Troisdorf begann das, was die Nazis „Endlösung der Judenfrage" nannten, am 29. Oktober 1941. Genau heute vor 60 Jahren rollte von Köln-Deutz aus der erste Zug in den Osten, in dem auch Juden aus Troisdorf sassen. Ziel waren die Ghettos und Todeslager in Polen und Russland. Im Herbst 1941 setzte die Verschleppung der deutschen Juden in den Osten Europas ein. Die erste Deportation aus dem Rheinland erfolgte am 21. Oktober 1941 von Köln aus nach Lodz. Dorthin wurden auch die Familien Brünell und Levy gebracht. Melly und Albert Brünell wohnen bis 1938 an der Faustgasse (heute: Hippolytusstrasse). Ihr Sohn Erwin hat Nazi-Deutschland verlassen und lebt in Belgien. Samuel und Hedwig Levy leben bis 1939 an der Kirchstrasse 6; Sohn Emil ist zur fraglichen Zeit noch in Hamburg; Tochter Hilde ist mit Ehemann Solly und dem Kind Walter bereits früh in die USA geflüchtet. Noch vor der Pogromnacht vom 9. November 1938 verkaufen die Brünells ihr Haus. Haben sie 1917 stolze 24 000 Mark bezahlt, wechselt es jetzt für bescheidene 16 300 Reichsmark den Besitzer. Käufer ist das Ehepaar Legermann. Es zahlt sofort 3 000 Reichsmark. Ab 1940 soll der Rest in jährlichen Raten von 2 000 Reichsmark abgetragen werden. 1956 erhalten die Erben der Brünells eine gerichtlich erzwungene Nachzahlung von 10 000 Mark.

Seit der Jahreswende '38/'39 wohnen Brünells und Levys in Köln in „Judenhäusern" - so nennen die Nazis die Häuser, die (noch) in jüdischem Besitz sind und in die andere Juden ziehen müssen. Am 29. Oktober 1941 geht ihr Transport von Köln-Deutz ins Ghetto der polnischen Stadt Lodz, die die Nazis in „Litzmannstadt" umbenannt haben. Als sie dort ankommen, wo bereits 200 000 polnische Juden eingepfercht leben, wird ihnen das Gepäck zwar belassen, aber alles Geld nenimmt man ihnen ab. Das Vermögen der deutschen Juden wird vom Deutschen Reich beschlagnahmt, denn der Reichsinnenminister hat „die Sammelfeststellung getroffen, dass die Bestrebungen dieser in das Ghetto Litzmannstadt abzuschiebenden Juden volks- und staatsfeindlich gewesen sind". Brünells sind in Lodz an der Hohensteiner Strasse 57 untergebracht und bestätigen mit einer Postkarte am 15. März 1942, dass sie Geld von Oskar Hoffmann erhalten haben. Hoffmann ist Lehrling beim Troisdorfer Fotografen Bernauer. Auf die Überweisung vom 21. April 1942 gibt es nie eine Antwort, möglicherweise sind Brünells und Levys bereits tot.

Im Winter 1941/42 sterben im Ghetto täglich 150 Menschen, in der ersten Jahreshälfte 1942 registriert der Judenrat monatlich rund 2.000 Tote. Todesursachen sind vor allem Tuberkulose, Herzschwäche, Unterernährung, Fleckfieber und Ruhr - nicht verwunderlich bei Rationen von 600 Gramm Mehl, 1 200 Gramm Zucker, 450 Gramm Öl, 300 Gramm Marmelade - für einen Monat. Bei all diesen Zuständen müssen die Juden noch arbeiten: Das Ghetto Lodz ist „Europas grösste Schneiderwerkstatt" (so ein Nazi); 53.000 Juden arbeiten für einen Tageslohn von zwei bis fünf Reichsmark (in Ghetto-Geld) in einem Tempo, das sie selbst „amerikanisch" nennen. Arbeit bedeutet freilich auch Leben, denn seit Januar 1942 werden Juden aus dem Ghetto im nahen Kulmhof (polnisch: Chelmno) mit Gas ermordet.

Die Juden, die zuvor ihre Kleidung abgelegt haben, müssen in geschlossene Lastkraftwagen („Gaswagen") steigen. Ein Augenzeuge berichtet später: Haben die Opfer den Gaswagen betreten und sind die Türen geschlossen, wird der unter dem Wagen angebrachte Schlauch mit dem Auspuff verbunden. In der Theorie sind die Opfer nach etwa sieben, acht Minuten bewusstlos, sterben zwei Minuten später. Sie schreien und schlagen gegen die Wagenwände. In der Praxis dauert es oft Stunden, bis die Menschen qualvoll sterben.

Hört das Schreien auf, fährt der Gaswagen in ein abgesperrtes Waldgebiet. Die Toten werden vom Wagen geworfen, noch Lebende erschossen, die Körperöffnungen nach Wertsachen durchsucht, die Goldzähne mit einer Zange herausgebrochen. Das jüdische Arbeitskommando, Ketten an den Füssen, muss das Wageninnere säubern: Blut, Urin, Exkremente. Die Leichen kommen in ein Massengrab. 1944 lässt die SS von Juden in Chelmno 360 000 Leichen ausgraben und verbrennen.

Levy-Sohn Emil wird ins Ghetto der weissrussischen Stadt Minsk deportiert und ist spätestens im Mai 1943 tot; Brünell-Sohn Erwin flüchtet nach Frankreich, wird gefasst und am 10. August 1942 nach Auschwitz verschleppt. Von den 997 Menschen des Transportes D 901/12 überlebt ein einziger. Später gehen andere Transporte mit Troisdorfer Juden nach Theresienstadt, Izbica und Sobibor. Gleich 19 Troisdorfer Juden sterben am 24. Juli 1942 in Maly Trostinez (Weissrussland) - wahrscheinlich durch Erschiessung, möglicherweise aber auch in „Gaswagen". Von den Juden, die bei Kriegsbeginn in Troisdorf wohnen, überleben nur wenige den Holocaust - weil sie mit einem nichtjüdischen Partner verheiratet oder deren Kinder sind.

[Bildunterschriften: Als Arbeitssklaven mussten tausende Menschen im Ghetto Lodz für einen Hungerlohn schuften. Das Foto zeigt Juden in einer Schusterei.
Das ehemalige Haus der Brünells an der heutigen Hippolytusstrasse.
Letztes Lebenszeichen: Eine Quittung Albert Brünells vom 15. März 1942.
Im Ghetto von Lodz starben Hedwig und Samuel Levy aus Troisdorf.]

Norbert Flörken ist Lehrer in Troisdorf. Er veröffentlichte 1986 das Buch „Troisdorf unter dem Hakenkreuz".




zurück

© 2001-2017 by nf

established 2010, revised 09.01.2017

Valid XHTML 1.0 Transitional

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk bzw. Inhalt steht unter einer Creative Commons Lizenz.

BilderGalerie