Hedwig von der Wolkenburg

 

Ballade nach einer wahren Begebenheit, von W. A.

 

Am Ufer des Rheines schön Hedewig stand

Ein Mädchen so hold wie ein Engel;

Doch hing sie das Köpfchen mit trübem Gesicht,

So trauert die Lilie, wenn Regen gebricht,

Und neigt sich auf welkendem Stengel.

 

Schön Hedewig edel durch Körper und Geist,

War edel nicht minder durch Ahnen;

Von altem Geschlechte wohl stammte sie ab.

Mit Conrad von Schwaben, vom heiligen Grab;

Da weh‘ten schon Wolkenburgs Fahnen.

 

Drauf pochte der Vater mit storrigem Sinn –

Die Mutter war lange vermodert –

Oft sprach er: „Ich weiß es, die Liebe ist blind.

O hüt‘ dich, daß nimmer das Herz dir, mein Kind,

Für niedrige Bürger entlodert!

 

Ich bin dir gewogen, doch grimmigen Haß

Würd‘ ich dann auf ewig dir schwören;

Der bloße Gedanke, er foltert mich schon,

Wie würden sie klaffen mit giftigen Hohn;

Drum laß dich, mein Kind, nicht bethören.“

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Schön Hedewig hörte des Vaters Gebot,

Und weinte darüber im Stillen;

Sie hatte mit Freuden sonst alles gethan.

Was sie nur dem Vater am Auge sah an.

Doch konnte sie dies nicht erfüllen.

 

Denn Gustav, der Jüngling mit feurigem Blick,

Der hatte das Herz ihr entwendet.

Ihm floß durch die Adern kein adliches Blut,

Dagegen war höheres, größeres Gut

Ihm reichlich vom Himmel gespendet.

 

Ein Herz, das mit Wärme das ganze Geschlecht

Der Menschen als Brüder umfaßte;

Ein Geist, der in jegliche Wissenschaft drang;

Ein Sinn, der zu seltener Höhe sich schwang

Und alle Verstellungen haßte.

Doch ach! der Verräther, wann schlummert er wohl,

Was kann nicht die Scheelsucht ergründen?

Das Bündniß der Liebenden wurde erspäht;

Und schadenfroh lächelt der Lauscher, und geht

Dem Alten die Mähr zu verkünden.

 

Der starrt erst vor Schrecken, dann packt er sein Kind:

„Ha, Buhlerinn!“ ruft er mit Dräuen,

„So folgst du den Lehren, die ich dir stets gab? —

Den Frevel, den büßest im Kloster du ab,

Da soll‘s dich beim Teufel schon reuen!“

 

Sie stürzt ihm zu Füßen, sie weinet und fleht:

„Erbarmen, mein Vater! Erbarmen!“ —

„Das kann ich nicht ferner, das bin ich nicht mehr!

Geh laß mich!“ so sprudelt er wüthend daher.

Und reißt sich aus Hedewigs Armen.

 

Kaum dämmert der Morgen, da rollet auch schon

Ein Wagen aus Wolkenburgs Hofe.

Das Jammern des Fräuleins durchdringet die Luft;

Der Freiherr bleibt fühllos und kalt wie die Gruft;

Laut schluchzen Bedienten und Zofe.

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Am Abend erst halten ermüdend und naß

Die Rosse vor Anna-Zells Mauern,

Die ragen so schrecklich zum Himmel hinan,

Der Weg nach dem Kloster führt jähling bergan;

Da soll nun die Arme vertrauern.

 

„Hier liebe den Buben, so viel du nur willst,

Ich bin dann doch sicher vor Schande.“

Spricht höhnend der Alte. — Da rasselt das Thor,

Und leichenblaß tritt die Aebtissinn hervor

Im härenen schwarzen Gewande.

 

„Ehrwürdige Mutter, ich weihe mein Kind

Dem Himmel nach euerer Weise;

Nur nehmt es, ich bitte, fein strenge in Acht,

Und stattlich wird von mir das Kloster bedacht,

So wahr als ich Wolkenburg heiße.“

 

Sie neiget sich züchtig, — schön Hedewig wankt

Zur Zelle, so düster und enge.

„Was hab‘ ich verschuldet, barmherziger Gott!

Ach, ende aus Gnaden, daß Jammer und Noth

Mich nicht zur Verzweifelung dränge.“

 

So stöhnt sie und sinkt auf das Lager von Rohr

Mit schweigendem, brütendem Schmerze.

Nach Mitternacht, als sich der freundliche Strahl

Des Mond‘s durch die Scheiben des Fensterchens stahl,

Da ward‘ es ihr leichter um‘s Herze;

 

Da quollen die Thränen ihr lindernd, da schloß

Das Auge balsamischer Schlummer.

Im Traume erschien ihr die Hoffnung und nahm

Sie sanft in die Arme, und löste den Gram

In leichten kaum wölkenden Kummer.

 

Und Wochen verschwanden, und Monde entflohn,

Bald droht doch der Muth ihr zu sinken;

Da wandelt spät Abends sie einsam allein

Im schattenden Garten, gewahret beim Schein

Der Sterne hoch über sich winken.

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Und „Hedewig!“ haucht‘s von der Mauer herab,

„So hab‘ ich dich endlich erspüret.

Wie steht es, mein Liebchen? sag, wagst du mit nur

Wohl alles? — Dein treuer Geliebter ist hier,

Der dich dem Gefängniß entführet.“

 

„Du fragst noch, mein Gustav? O zaud‘re nicht lang!“

Er festet behutsam die Leiter;

Rasch herzt er die Holde, rasch läßt er sie los;

Sie schwingt sich ihm nach auf das schnaubende Roß;

Schon trägt es im Fluge sie weiter.

 

Sie kürzen mit traulichem Kosen die Nacht,

Bald dämmert‘s, die Sterne sind trüber;

Jetzt glühet das Siebengebirge im Schein

Der kommenden Sonne, da woget der Rhein

Vor ihnen, sie winken hinüber.

 

Am Ufer des Stromes schon Hedewig stand

Und harrte dem Nachen entgegen,

Er gleitet auf goldenen Wellen dahin;

Doch klopft ihr bei bangem, stets bangerem Sinn

Das Herz mit verdoppelten Schlägen.

 

Sie schmiegt sich an Gustav; was trifft ihr das Ohr!

Der Donner von nahenden Hufen;

Kaum hat sie die schüchternen Blicke gewandt,

Da sieht sie ihn jagen am kiesigen Strand

Den Freiherrn, und höret sein Rufen.

 

„Mein Vater! Ach, Gustav! Verloren sind wir!

Mich treffen Verachtung und Schande;

Doch Lieber, ich wagte ja alles mit dir;

Ich weiß es, du wagest auch alles mit mir,

Wir sprengen die sklavischen Bande.“

 

Sie blicket zum Himmel, sie fesselt ihr Kleid,

Verhüllet die zärtlichen Glieder;

Da ist schon der Alte vom Eifer so roth;

„Du treibst mich, mein Vater, du treibst mich in Tod!“

Sie stürzt von dem Ufer sich nieder.

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„Ich folge“ ruft Gustav, „vermähle mich dir

Auf ewig im Ländchen der Guten.“

Umschlingt sie noch stürzend und tauchet hinab.

Fest an sie gekettet, ins wogende Grab.

Laut rauschen die heiligen Fluthen.

 

Dem Freiherrn durchzuckt es, als riß ihm ein Dolch

Die innersten Fäden des Lebens.

„O wehe, mir armen geschlagenen Mann!

Ach, rettet! ich lohn‘ es; ach rettet, wer kann!“

Sie eilen — doch alles vergebens.

 

Da flucht er der Jagdlust mit grimmigen Fluch,

Die ihn in die Gegend getrieben.

„Unseliges Schicksal! Ach, daß ich heut kam!

Und wenn sie auch Gustav zum Weibe sich nahm;

So wär ich doch Vater geblieben.“

 

Von Stund an entsagt er auf immer der Welt,

Schenkt all‘ seine Habe den Armen.

Ein Hüttchen bezieht er als Klausner am Ort,

Wo Hedewig starb, kasteiet sich dort.

Und flehet zu Gott um Erbarmen.

 

aus: Georg Hülle: Der Drachenfels mit seinen nächsten Umgebungen …, Bonn (Habicht) 1835, Seite  19 ff.