Einsturz der Mendener Strassenbrücke 1928

(General-Anzeiger Bonn, 1988)

In einer kalten Winternacht des Jahres 1928 stürzt die im Rohbau befindliche Strassenbrücke zwischen Troisdorf und Menden ein. Von den neun Arbeitern, die zu diesem Zeitpunkt auf der Brücke arbeiteten, ertrinkt einer, die anderen werden nur leicht verletzt. Ursache des Einsturzes sind Planungsfehler und Konstruktionsmängel. Fotos und Akten befinden sich im Stadtarchiv Siegburg und im Archiv des Rhein- Sieg-Kreises. Es ist gegen 22.30 Uhr am Samstag, dem 8.Dezember 1928. Die Baustelle über dem Fluss ist hell erleuchtet. Am Ufer mischen sechs Arbeiter den Beton, auf der Brücke sind neun Arbeiter damit beschäftigt, den Beton in die Verschalung zu füllen.

Plötzlich, ohne Vorwarnung, sackt das etwa 60 m breite "Lehrgerüst" aus Holz und Stahl ab und stürzt in die Sieg. Die Arbeiter berichten später den Zeitungen, der Lärm des splitternden Holzes und des reissenden Metalls sei ohrenbetäubend gewesen, und dazwischen die Schreie der Menschen. Die Stromleitungen reissen, sofort herrscht totale Finsternis. Einige Arbeiter können ihre Kollegen noch aus den Trümmern befreien; am Ufer stellen sie fest, dass sie mit dem Schrecken davongekommen sind - bis auf einen, der sich auch auf Zurufen nicht meldet: Ernst S. aus Oberkassel. Er wird erst am folgenden Freitag nur wenige Meter von der Unfallstelle entfernt vom Fährmann entdeckt. "Tod durch Ertrinken" stellt Dr. W. aus Troisdorf als Todesursache fest.

Der Siegkreis als Träger der Baumassnahme überweist den Eltern auf Nachfrage eine "Beihilfe" von 100 RM. An der Unfallstelle finden sich sofort ein der Landrat Wessel, die Bürgermeister von Claer (Menden) und Langen (Troisdorf) und weitere Beamte des Kreises. Die Staatsanwaltschaft gibt die Brücke am Sonntag abend frei. Die Schuldfrage: Zwei Gutachter geben den beiden beteiligten Firmen die Schuld, der Fa. H. aus Oberkassel - dem Gesamtunternehmer - und der Fa. F. aus Düsseldorf - der Konstruktionsfirma. Gutachter Prof. B. von der TH Dresden schreibt im Februar 1929:

Der Einsturz der Stahlkonstruktion ist durch unzureichende Bemessung, vor allem aber durch unzweckmässige Ausbildung der Wandstabquerschnitte begründet. [Die Verwendung von Flacheisenstäben habe dazu geführt,] dass die Knicksicherheit des Tragwerks aufgehoben ist.

Und Oberregierungsbaurat W. bescheinigt der Düsseldorfer Firma, dass sie das Lehrgerüst unvollständig berechnet habe, der Oberkasseler Firma, dass sie sich nicht an die Anweisungen des Erfinders dieser Brückenkonstruktion, Professor Melan, gehalten habe. Auch sonst wird es peinlich: Die beiden Firmen geraten in Streit, weil der hiesige Unternehmer auch Mitglied des Kreistages ist und angeblich - so die Düsseldorfer - ihnen die Alleinverantwortung in die Schuhe schiebt. Es setzt eine mittlere Pressefehde ein. Der Kreis haftet in keiner Hinsicht; das war in den Verträgen ausdrücklich ausgeschlossen worden. Drei Wochen vor dem Einsturz hatte ein Ingenieur aus Oberkassel (!) im Auftrag des Kreises die Statik geprüft und in Ordnung befunden.

Am 9. und 10.November 1929 wird die Brücke eingeweiht, ohne Festessen und "sonstige prunkvollen Feierlichkeiten", wie der General-Anzeiger damals schrieb; nur ein Glas Bier in der Wirtschaft Braschoss genehmigte man sich. Immerhin waren die Zeiten damals schlecht: Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland lag bereits über 1,5 Millionen; auch die Mendener Brücke war eine Notstandsarbeit gewesen. Im Dezember 1928 hatten 229 Arbeitslose an 25 Tagen auf der Baustelle gearbeitet, Tageslohn: 8,25 RM.

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