Am Ende: Selbstmord

Ilse Fröhlich (1919–1939) und Rudolf M. (1915–1939)

Sommer 1939: Es war ein Bilderbuchsommer, warm, sonnig, so als ob er den Deutschen zum letzten Mal unbeschwerte Ferien gönnen wollte. Dabei ahnten viele, dass Krieg bevorstand; die Stimmung in Deutschland war gedrückt, kein Jubel wie 1914. Zwei junge Menschen hatten ganz andere Sorgen: Sie sahen sich in einer ausweglosen Situation und nahmen sich deswegen das Leben – Ilse Fröhlich und Rudolf M.

Bereits 1985 war im General-Anzeiger Bonn, Ausgabe Rhein-Sieg, zum ersten Mal über die beiden berichtet worden – allerdings nur ansatzweise, weil die Behörden der DDR damals jegliche Auskunft verweigert hatten. Nach über 60 Jahren wurde 2003 ihr Tod zum ersten Mal historisch dokumentiert. 2007 wurde Ilses Abschiedsbrief dem Stadtmuseum Siegburg übergeben. 2012 wurden Akten in den Archiven des Gymnasiums Alleestrasse (Siegburg) und des Clara-Schumann-Gymnasiums (Bonn) entdeckt.[1]

Porträtfoto der jungen Ilse Fröhlich
Abb. 1: Ilse Fröhlich, ca. 1936

Ilse und Rudolf

Ilse ist 1919 in Bonn-Dottendorf geboren und wohnt in der Kaiserstrasse 20 in Siegburg. Ihre Eltern sind jüdischen Glaubens; die Mutter ist vier Tage nach Ilses Geburt gestorben. Von 1928 bis 1931 besucht Ilse das Städtische Lyzeum in Siegburg, ebenso wie die jüdischen Mädchen Friedel Friedländer (Südstrasse) und Margot Marcus (Kaiserstrasse). Ihre Mitschülerin Hildegard Br. aus Hennef erinnert sich 2012 daran, dass die drei akzeptiert waren; sie kamen auch am Samstag, dem Schabbat, in die Schule.

1931 wechseln Ilse und Hildegard auf die „Städtische Studienanstalt“ (heute Clara-Schumann-Gymnasium, CSG) in Bonn, weil dort Latein – Voraussetzung für Abitur und Studium – gelehrt wird. Ihr Klassenlehrer ist ein eindeutiger Nazi; ein anderer Lehrer, Dr. Spahn für Latein und Geschichte, ist deutschnational. Ilse nimmt am CSG am jüdischen Religionsunterricht teil, Rabbiner Seligsohn erteilt ihr 1936 (Unterprima) die Note „gut“. Da muss die Jüdin Ilse nach den NS-Gesetzen die Schule bereits verlassen; sie tritt eine Lehre in einem Kölner Bankhaus an.

Erste Seite von Ilses Zeugnisliste
Abb. 2: Ilses Zeugnisliste von 1931 (alle Seiten)

Rudolf ist 1915 in Bonn geboren und wohnt zuletzt in der Vorgebirgsstrasse. Sein Vater ist Jude, seine Mutter katholisch; er selbst ist katholisch. Wie, wo und – vor allem – wann die beiden sich kennengelernt haben, ist unbekannt, vermutlich als Schüler in Bonn. Sie verlieben sich.

1937 wird Rudolf zur Wehrmacht eingezogen und später nach Greifswald zur 10. Kompanie des Infanterieregiments 92 versetzt.

Ehemaliges Kasernengebäude in Greifswald
Abb. 3: Rudolfs Kaserne in Greifswald, heute das Landesarchiv (2003)

Die Liebesbeziehung der beiden steht unter Strafe: Nach den sogenannten Nürnberger Gesetzen von 1935 sind sowohl eine Heirat als auch außerehelicher Verkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen … Blutes verboten. Die beiden jungen Menschen müssen verzweifelt gewesen sein, sie haben keine gemeinsame Zukunft. Ilse fährt nach Greifswald und trifft sich mit Rudolf. Wenige Tage vorher hat sie auf dem Siegburger Bahnhof noch einmal Hilde getroffen: Du sprichst noch mit mir?

Ahlbeck, 12./13. Juni 1939

Ilse und Rudolf fahren mit der Eisenbahn nach Bad Heringsdorf, dem mondänen Ostseebad auf der Insel Usedom, schon für preußische Prinzen und Könige eine Sommerfrische. Sie wohnen in der Pension Hubertus, Wilhelmstrasse 15 (heute Friedenstrasse 15).

Historische Ansichtskarte von Ahlbeck
Abb. 4: Ansichtskarte von Ahlbeck
Bahnhof Ahlbeck, Ansicht 1 Bahnhof Ahlbeck, Ansicht 2
Abb. 5: Bahnhof in Ahlbeck (2003)

Am Abend des 12. Juni schreibt Ilse einen Brief an ihren Vater und an seine Mitarbeiterin Paula Degen, die sie „Tante Degen“ nennt:

Lieber Vater, liebe Degen!

Wenn Ihr diesen Brief bekommt, dann haben Rudi und ich uns erschossen. Trotz aller Schwierigkeiten sind wir zusammen gekommen. Ich danke Euch von ganzem, ganzem Herzen für alles, was Ihr für mich getan habt, denn mehr konntet Ihr wirklich nicht tun u. ich bin Euch so dankbar, denn Ihr habt mich sorglos leben lassen. Es ist alles Schicksal u. Bestimmung. Sicher, ich hab Euch viel Kummer gemacht, aber ich konnte nicht gegen mein Herz an. Vergesst den Schmerz u. all das, was ich Euch antue u. denkt daran, dass wir jetzt glücklich sind.

Meine letzte Bitte ist nur, dass ihr Rudi und mich zusammen in ein Grab legt, wir können ja hier beerdigt werden. Ich flehe Euch an, erfüllt mir diese Bitte, damit ich wenigstens im Tode Ruhe habe. Meine Sachen sind in Bad Heringsdorf in Pension Hubertus Zimmer 29. In Worten kann ich Euch meine Dankbarkeit für Eure Liebe nicht ausdrücken, denn Ihr habt ja mein Bestes gewollt. Ich grüsse und küsse Euch zum letzten Mal.

Eure Ilse.

Erste Seite des handschriftlichen Abschiedsbriefs Briefumschlag des Abschiedsbriefs
Abb. 6: Ilses Abschiedsbrief, erste Seite und Umschlag

Ilse wirft den Brief noch am Abend oder in der Nacht in den Briefkasten. Die Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1939 verbringen die beiden möglicherweise am Strand.

Am Morgen des 13. Juni, gegen 5 Uhr, wird Gendarmeriemeister B. an den Strand von Ahlbeck gerufen: In einem Strandkorb in Höhe des Hauses Dünenstrasse 41 liegen zwei leblose Menschen.

Strand vor der Dünenstrasse 41, Ansicht 1 Strand vor der Dünenstrasse 41, Ansicht 2
Abb. 7: Strandkorb vor der Dünenstrasse 41 (2003)

Als der Polizist näher an den Strandkorb herantritt, sieht er eine Frau (Ilse Fröhlich) mit Schussverletzungen an Kopf und „Bauch“, wie er später beim Standesamt ungenau angibt. Der Mann (Rudolf M.) hat ebenfalls eine Schussverletzung am Kopf – er gibt noch schwache Lebenszeichen von sich. Der herbeigerufene Arzt Dr. Güthenke stellt den Tod der Frau fest und ordnet an, den Mann in ein Krankenhaus zu bringen; als sich aus den Papieren ergibt, dass er Soldat ist, wird er mit einem Sanitätskraftwagen in das Marinestandortlazarett Swinemünde gefahren.

Der Polizist findet in Rudolfs Hand eine Pistole ausländischen Fabrikats. Nach einem Blick in das Magazin ist für ihn klar: Rudolf hat zuerst zweimal auf Ilse geschossen, in den Kopf und in das Herz, dann sich selbst die Pistole an die rechte Schläfe gehalten und abgedrückt. Ilses Pistole war unbenutzt.

Gendarmeriemeister B. hält in seinem Bericht an den Landrat fest: Es ist anzunehmen, dass beide freiwillig aus dem Leben scheiden wollten, weil sie umarmend im Strandkorb vorgefunden wurden. Aus den Papieren, die Ilse und Rudolf bei sich haben, gehen ihre Identität und ihre Adressen hervor – allerdings unvollständig.

Denn Ilse hat nicht ihre sogenannte Kennkarte bei sich, die ihr in Siegburg am 27. März 1939 (Nr. A 00015) ausgestellt worden war und aus der hervorging, dass sie Jüdin ist: In der Kennkarte ist erstens der Buchstabe „J“ groß eingedruckt, und zweitens ist darin der den jüdischen Frauen aufgezwungene zusätzliche Vorname „Sara“ eingetragen. Was Ilse stattdessen an Ausweisen bei sich gehabt hat, ist nicht mehr feststellbar, vermutlich ihren Reisepass Nr. 125, ausgestellt in Siegburg 1934, also noch ohne das diskriminierende „J“.

Kennkarte mit eingedrucktem J, ausgestellt für Else Waldmann
Abb. 8: Zum Vergleich: Kennkarte für Else Waldmann, Bonn 1939

All das weiß Gendarmeriemeister B. nicht, und so wird im Sterbebuch des Standesamtes Ahlbeck nur „Ilse Fröhlich“ eingetragen. Noch während der Polizist seinen Bericht an den Landrat schreibt, teilt das Lazarett in Swinemünde telefonisch mit, dass Rudolf um 8:50 Uhr gestorben ist.

Luftbild der Ostseeküste zwischen Ahlbeck und Swinemünde
Abb. 9: Die Ostseeküste von Ahlbeck bis Swinemünde, 1937

Danach

Ilses letzte Bitte, mit Rudolf in einem gemeinsamen Grab zu liegen, bleibt unerfüllt. Die Toten werden ins Rheinland überführt: Ilse wird auf dem jüdischen Friedhof in Siegburg beigesetzt, Rudolf auf dem Bonner Nordfriedhof in einem Reihengrab, das nach 15 Jahren eingeebnet wurde.

Ilses Grabstein auf dem jüdischen Friedhof Siegburg
Abb. 10: Ilses Grab in Siegburg (2003)
Grabstein von Ilses Mutter auf dem jüdischen Friedhof Siegburg
Abb. 11: Das Grab von Ilses Mutter in Siegburg (2003)

Im Siegburger Einwohnermeldeamt trägt ein Mitarbeiter in die Meldekarte ein: Lt. Telegramm der Ortspolizeibehörde Ahlbeck/Ostsee v. 13.6.39 dort erschossen aufgefunden worden.

Das Schicksal von Rudolfs Vater ist vorläufig unbekannt. Ilses Vater wurde zusammen mit zahlreichen anderen Siegburger und Troisdorfer Juden am 24. Juli 1942 gegen Mittag in Maly Trostinez bei Minsk (Belarus) von der SS erschossen. Auf seiner Siegburger Meldekarte steht: 18.7.42 nach unbekannt Osten abgeschoben.

Im Dezember 2008 wird für Ilse Fröhlich ein Stolperstein vor dem Haus Kaiserstrasse 20 verlegt.

Stolperstein für Ilse Fröhlich, Nahaufnahme Stolperstein vor dem Haus Kaiserstrasse 20
Abb. 12: Der Stolperstein für Ilse (2008)

Anhang: 1939 Juni 13 – Eintragung Standesamt Ahlbeck (in Heringsdorf)

Nr. 24 aus 1939:

Am 13.6.1939 gegen 5:30 Uhr wurde Ilse Fröhlich am Strande von Ahlbeck Seebad tot aufgefunden. Sie hatte Schussverletzungen an Kopf und Bauch.

Eingetragen auf Anzeige der Ortspolizeibehörde.

Anhang: 1939 Juni 13 – Polizeibericht über zwei Selbstmorde in Ahlbeck[2]

Gendarmerieamt Ahlbeck (Seebad)
Kreis: Usedom-Wollin
Reg.Bez.: Stettin.

Ahlbeck (Seebad), 13. Juni 1939.

An den Herrn Landrat
in
Swinemünde

Landrat
Eing.: 14. Juni 1939
Swinemünde
Tgb.Nr. _______[3]

Am 13. Juni 1939 gegen 5 Uhr wurde hierher mitgeteilt, dass sich am hiesigen Strande, in der Gegend unterhalb Dünenstrasse 41[,] in einem Strandkorb ein Liebespärchen erschossen habe.

Die angestellten Ermittelungen ergaben folgendes:

In einem einzel stehenden Strandkorb am östlichen Strande des hiesigen Amtsbezirks wurde gegen 5,30 Uhr ein Liebespärchen aufgefunden, von welchem das Mädchen tot war, während der Mann noch schwache Lebenszeichen von sich gab. Sofort wurde der Arzt Dr. med. Güthenke von hier herbeigerufen, welcher den Tod des Mädchen feststellte und die Ueberführung des Schwerverletzten nach dem Krankenhaus anordnete. Nach Durchsicht der vorgefundenen Sachen und Papiere handelt es sich um

  1. den Gefreiten Rudolf M[…], am 7. Mai 1915 in Bonn geboren, z. Zt. als Soldat beim Inf. Reg. 92, 10. Komp. in Greifswald,
  2. eine Ilse Fröhlich aus Siegburg a.L. [?], Kaiserstr. 20 wohnhaft[.] Weitere Personalien der Fröhlich waren nicht vorzufinden.

Der Soldat befand sich in Zivilkleidung und führte einen Truppenausweis Nr. 49, ausgestellt am 6. November 1937 in Gross Born vom Inf. Reg. 92, 3. Komp. bei sich, nach dem die Personalien festgestellt werden konnten. Am 10.11.1938 ist M[…] zur 10. Komp. desselben Regiments nach Greifswald versetzt.

[Rückseite]

Im Besitz des M[…] wurden zwei Pistolen ausländ. Fabrikats – anscheinend Dienstwaffen – vorgefunden. In einer Pistole, welche sich in der Handtasche der Fröhlich befand, steckten im Rahmen 8 Patronen. In der zweiten Pistole, welche M[…] noch in der Hand hielt, steckten in einem Rahmen noch 4 Patronen. Mit dieser Pistole hat M[…] vermutlich erst der Fröhlich zwei tödliche Schüsse – Herz- und Kopfschüsse – beigebracht. Nachdem hat er die Waffe gegen sich selbst gerichtet und sich einen rechtsseitigen Schläfendurchschuss beigebracht, der jedoch nicht sofort tödlich wirkte. M[…] wurde sofort mittels Sanitätskraftwagens [!] in das Marinestandortlazarett Swinemünde eingeliefert.

Irgendwelche Aufzeichnungen über den Mord bezw. über die Selbstmordabsichten wurden unter den Papieren nicht vorgefunden. Nach den vorgefundenen Fussspuren kamen beide von Swinemünde und vollführten in einem Strandkorb in Ahlbeck (Seebad) die Tat.

Es ist anzunehmen, dass beide freiwillig aus dem Leben scheiden wollten, weil sie umarmend im Strandkorb vorgefunden wurden.

An Barmitteln wurden 2,54 RM vorgefunden.

Nach fernmündlicher Mitteilung des Marinestandortlazaretts Swinemünde ist M[…] um 8,50 Uhr verstorben.

[Später maschinenschriftlich hinzugefügt:]
Oberstaatsanwalt, Amtsgericht in Swinemünde, Kriegsgericht in Swinemünde, Inftr. Regt. 92 in Greifswald und LKP Stelle in Stettin haben Abschrift erhalten.[4]

[gez.] Brüsson
Gend[armerie]Meister.


Zeitungsartikel 1985–2012

Zeitungsartikel General-Anzeiger 1985
General-Anzeiger Bonn/Rhein-Sieg, 1985
Zeitungsartikel General-Anzeiger 2003
General-Anzeiger, 12.09.2003
Zeitungsartikel Ostsee-Zeitung 2003
Ostsee-Zeitung, 17.09.2003
Zeitungsartikel Rhein-Sieg-Rundschau 2012
Rhein-Sieg-Rundschau, 29.11.2012

General-Anzeiger vom 30.11.2012: Eine Zeugnisliste ergänzt den Fundus im Siegburger Stadtarchiv

Anmerkungen

  1. Die Recherchen (seit 1983) haben unterstützt: Carola Stern †, das Stadtarchiv Bonn, die Standes- und Meldeämter von Bonn und Ahlbeck/Heringsdorf, das Stadtmuseum Siegburg, das Landesarchiv in Greifswald sowie die Archive des Gymnasiums Alleestrasse in Siegburg und des Clara-Schumann-Gymnasiums in Bonn. Dank vor allem an Frau Karola Metzger † (geb. Bernauer), die seinerzeit die Nachforschungen nach ihrer Mitschülerin angestoßen hat. Frau Hildegard Br. aus Hennef hat am 05.12.2012 ihre Erlebnisse mitgeteilt.
    Dieser Text ist in einer früheren Fassung 2003 im General-Anzeiger Bonn/Rhein-Sieg und in der Ostsee-Zeitung Greifswald veröffentlicht worden; das Ereignis wird erwähnt in: Werner Biermann: Sommer 1939. Berlin (Rowohlt) 2009, rezensiert in der FAZ Nr. 203 vom 02.09.2009. ↩
  2. Fundstelle: maschinenschriftlicher Durchschlag des Berichts, Landesarchiv Greifswald, Rep. 66 Usedom-Wollin, Nr. 142, ohne Blattzählung. ↩
  3. Eingangsstempel des Landrats. ↩
  4. Handschriftlich unterstrichen. ↩