"Reichskristallnacht" in Troisdorf

Überfall in der Kirchstrasse

Donnerstag, den 10.November 1938, frühmorgens gegen 6 Uhr: Mehrere Schüsse peitschen über die Kirchstrasse in Troisdorf, Sekunden später brennt ein Benzinfass lichterloh im Eingang des Hauses Nr.6 und erleuchtet den dunklen Morgen. Zufrieden grinsend setzen die Männer, die von der "Alten Schule" aus geschossen haben, ihre Gewehre ab. "Julius, dat hamme jot gemaat!" sagen sie zu ihrem Anführer: Die Pogromnacht in Troisdorf.

An diesem Tag durften überall im Reich die Judenhasser endlich zutreten, zuschlagen, zündeln. Seit 1933 waren sie von den kalten NS-Zynikern nur mühsam zurückgehalten worden; die "Nürnberger Gesetze" von 1935 waren ein halbherziges Zugeständnis an die SA-Männer und Parteigenossen, die wirkliches Juden-Blut vom Messer spritzen lassen wollten. Jetzt war ihre Stunde gekommen. Die Flammen züngeln langsam an der Fassade des alten Fachwerkhauses empor. Im Inneren bleibt alles dunkel, niemand regt sich. Samuel Levy ist gar nicht daheim, sein Bruder Josef war zwei Tage zuvor gestorben; Samuel ist wegen Erbschaftsangelegenheiten in Köln. Seine Frau Hedwig und die Tochter Ruth Johanna schlafen bei Samuels Schwester, Frau Wolf, auf der Frankfurterstrasse 56. Der Sohn Emil wohnt schon nicht mehr im elterlichen Haus. Die Tochter Hilde, ihr Mann Solly und das Baby Walter Josef sind seit zwei Jahren in den USA.

Es ist also niemand da, den man verprügeln oder sonst wie quälen kann. Wütend zertrümmern Julius und seine Kumpane die Inneneinrichtung; schliesslich finden sie die Auswanderungspapiere der Levys. Sie zerreissen oder stehlen sie. Hilde hatte aus den USA ihren Eltern das so wichtige "Affidavit" geschickt - die Bürgschaftserklärung, dass die Einwanderer von dem Unterzeichner finanziell unterstützt werden. Dies und die Wartenummer verschwinden. Die Levys finden keine Möglichkeit mehr auszuwandern. Samuel, Hedwig und Ruth Johann Levy sterben im Frühjahr 1942 in Ghetto "Litzmannstadt" oder werden im Mai 1942 in Chelmno mit Gas ermordet. Emil Levy wird vermutlich zwischen dem 29.Juli 1942 und dem 8.Mai 1943 im Ghetto Minsk ermordet.

Mit dem Pogrom vom November 1938 starten die Nazis den offenen, öffentlichen Terror gegen die Juden. Der Tag zwingt die Deutschen, vor sich selber zu bekennen; jetzt scheiden sich die Geister: die einen sind empört und helfen jetzt den bedrängten Juden; die anderen schlachten deren nicht mehr zu übersehende Notlage schamlos oder dreist aus. Für beides gibt es Beispiele:

Samuel Levy, Josef Meier (Im Grotten 23) und Alfred Pins (Hofgartenstrasse 8) werden für unbekannte Zeit in ein KZ verschleppt. Die Pogromnacht endet im Ghetto von Lodz, in den Gaskammern von Auschwitz, Majdanek, Treblinka, Belzec, Sobibor, in den Massengräbern von Minsk, in den Mauern von Theresienstadt. Können wir heute mitleiden mit den Unterdrückten und Verfolgten, wo auch immer sie sind oder woher sie kommen? Wollen wir ihnen helfen, bevor es zu spät ist - für sie und für unser Gewissen?

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