2000 Okt 6 Erinnerung jenseits der Bomben 1

Liste verzeichnet Namen von fast 6000 Zwangsarbeitern

dk Troisdorf. Der Zeitpunkt h�tte kaum passender sein k�nnen: W�hrend gestern der Beauftragte der Bundesregierung, Otto Graf Lambsdorff, in den USA noch einmal �ber Entsch�digungen f�r Zwangsarbeiter verhandelte, wurde im Troisdorfer Rathaus eine Publikation vorgestellt, die das Schicksal von Zwangsarbeitern in dieser Stadt weiter erhellt. Noch wichtiger freilich scheinen Akten zu sein, auf die Matthias Dederichs, Heimathistoriker und Mitarbeiter des Stadtarchivs, bei fr�heren Recherchen gesto�en war.

Eine Liste mit den Namen von 5830 Zwangsarbeitern, die allein im Barackenlager bei der Dynamit-Actien-Gesellschaft (DAG) an der M�lheimer Stra�e, in Privath�usern und im Mondorfer Saal Schmitz untergebracht waren, pr�sentierte Dederichs gestern. Eine Liste, wie sie auf Anweisung des Milit�rischen Hauptquartiers in D�sseldorf von allen B�rgermeistereien erstellt werden musste. S�mtliche Ausl�nder und Zwangsarbeiter, die w�hrend des Krieges in den jeweiligen Kommunen gewohnt und gearbeitet hatten, die dort m�glicherweise gestorben waren, mussten genannt werden. In vierfacher Ausfertigung waren diese Listen zu erstellen, so Dederichs, und zun�chst an den Oberkreisdirektor, dann nach D�sseldorf an die Verwaltung der Rheinprovinz und schlie�lich bis an die Vereinten Nationen in New York zu senden. "Und da m�ssten sie noch liegen", zeigte sich der Historiker gestern erstaunt, dass derartige Listen bislang noch nicht mehr Aufmerksamkeit erfahren haben. In den Best�nden der Stadt freilich lag keine Durchschrift. Die Betriebskrankenkasse der Dynamit Nobel AG stellte schlie�lich die Akten zur Verf�gung, mit deren Hilfe seither die Anfragen von ehemaligen Zwangsarbeiter aus Osteuropa beantwortet werden.

"Es k�nnen auch mehr als 8000 sein", sagte Dederichs zur Gesamtzahl der M�nner und Frauen, die w�hrend des Krieges auf dem Gebiet der heutigen Stadt Troisdorf Zwangsarbeit geleistet haben: Lager gab es auch bei Kl�ckner-Mannstaedt auf dem Gebiet der heutigen Stadt Sankt Augustin (fr�her Amt Menden), andere Listen sind unvollst�ndig. Zu denen, die aus anderen L�ndern unfreiwillig nach Troisdorf kamen, geh�rte auch der Franzose Ren‚ Laurent. "Memoires d`outre-bombes" hatte er 1994 seine Aufzeichnungen genannt, "Erinnerungen jenseits der Bomben". Es sind Aufzeichnungen, mit deren Niederschrift Laurent mehr als 50 Jahre gewartet hat, denn erst 1994 brachte er zu Papier, was ihm in den Jahren 1942 und 1943 in Troisdorf widerfuhr. "Seine Bedr�ckung", sagte gestern Peter Haas, der den Text �bersetzt hat, war die Erfahrung, als Kollaborateur zu gelten. Dabei hatten Laurent und seine Kameraden keineswegs freiwillig in Deutschland geschuftet.

Mit etwa 600 000 weiteren jungen M�nnern - die mit Hitler paktierende Vichy-Regierung hatte den kompletten Rekrutierungsjahrgang 1942 zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt - kam Laurent damals �ber den Rhein. Der zu diesem Zeitpunkt noch nicht 20-J�hrige wurde zun�chst im Mondorfer Saal Schmitz einquartiert, sp�ter im Lager Oberlar an der M�hlheimer Stra�e. Er arbeitete bei der Dynamit-Actien-Gesellschaft und beobachtete aufmerksam, was rings um ihn herum passierte: Den Hitler-Gru�, der den Deutschen "zur zweiten Natur geworden ist", das Leben im Lager, das neben den Bombenangriffen auch gepr�gt ist vom immer wieder vorkommenden Diebstahl der Lebensmittelvorr�te. Er beschreibt aber auch das seltsame Erlebnis, in der Stra�enbahn unterwegs zu sein: Mit Gefangenen, die von bewaffneten Soldaten begleitet wurden, "und inmitten deutscher Fahrg�ste, die offensichtlich diese Art Umst�nde gewohnt waren."

Ein Kapitel in Laurents Aufzeichnungen, f�r die er in Frankreich offenbar keinen Verleger fand, weshalb er sie 1997 an B�rgermeister Uwe G�llner schickte, der sie an das Stadtarchiv weitergab, ist den "Seminaristen" gewidmet: Jungen franz�sischen Priestern, die im Lager ihre Landsleute betreuten. Texte aus der Feder eines dieser Geistlichen, in Frankreich schon 1950 als Buch erschienen, finden sich ebenfalls in dem neuen Heft. Philippe Couvreur hatte sich freiwillig nach Deutschland gemeldet, geh�rte zu den etwa 30 Priestern, die im Dreieck K�ln/Bonn/Siegburg den franz�sischen Zwangsarbeitern beistanden. Vor allem Briefe an seine gro�e Familie liegen vor, in denen der junge Geistliche das Lagerleben schildert. Mit oftmals erstaunlichen Worten: "Das Leben ist sch�n", schreibt er am 4. April 1944, "wir nehmen es leicht, wir essen gut". Kaum ein Wort �ber die st�ndigen Bombenangriffe, wenig �ber die schwere Arbeit. "Ich zerrei�e mich f�r die Jungs", steht in einem Brief vom 20. April desselben Jahres. Haupts�chlich abends und nachts ist der junge Franzose unterwegs. Zu Fu� macht er sich schlie�lich auch Anfang M�rz 1945 auf den Weg von Hersel nach Hennef-Geistingen, wo ihn der Splitter einer Bombe am 8. M�rz t�dlich verwundet.

Mindestens drei Viertel Jahre m�ssten Ren‚ Laurent und Philippe Couvreur gemeinsam im Troisdorfer Lager gelebt haben, sagte Peter Haas bei der Vorstellung des Hefts. Die fehlende Erw�hnung des Geistlichen lasse nur einen Schluss zu. "Das Lager war so riesig, dass die Leute sich nicht begegneten" - ein Schluss, den beigef�gte Bauakten belegen. "Ein gl�cklicher Zufall" sei der Fund dieser Akten im Archiv gewesen, sagte Matthias Dederichs, Platz f�r 2000 bis 2500 Menschen m�sse das Lager geboten haben. Wobei man bei den Bauarbeiten auf ein bestehendes Lager zur�ckgreifen konnte. Auf Steinbaracken aus dem 1. Weltkrieg n�mlich, die nun mit Zwangsarbeitern belegt wurden.

"Eine wirklich wichtige Publikation", nannte B�rgermeister Manfred Uedelhoven das Heft, das in der Schriftenreihe des Archivs der Stadt Troisdorf erschienen ist und zum Preis von 15 Mark im Rathaus erh�ltlich ist. Eine Publikation, die weiterwirken soll; so plant Peter Haas Vortr�ge beim Pension�rsverein der DN, will mit Zeitzeugen ins Gespr�ch kommen.

1 aus: Rhein-Sieg-Rundschau, 6. Oktober 2000