„Reichskristallnacht“ – der Anfang
vom Ende auch der Troisdorfer Juden

Von denen, die blieben, überlebte keiner

(General-Anzeiger Bonn/Rhein-Sieg, 10.11.1984 )

Troisdorf. (GA) „Reichskristallnacht" — mit diesem verharmlosenden Namen begann in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, also vor genau 46 Jahren, für die deutschen Juden der Anfang vom Ende. Der „spontane Volkszorn", wie die Nazi-Propaganda die organisierte Zerstörung jüdischer Synagogen, die Plünderung von Geschäften sowie Mord und Misshandlung zahlloser Juden nannte, machte auch vor Troisdorf nicht halt. So wurde die jüdische Metzgerei Levy an der Kirchstrasse von SA-Leuten geplündert und anschliessend in Brand gesteckt. Demoliert wurde auch das Oberbekleidungsgeschäft Albert Brünells an der Hippolytusstrasse. Wie gesagt, diese vergleichsweise harmlosen Übergriffe waren nur der Anfang. Zu Beginn des II. Weltkrieges lebten, noch 31 Juden in Troisdorf und Umgebung — 18 waren vorher geflüchtet oder gestorben. Alle 31 wurden in Konzentrationslagern, Ghettos oder „Sammellagern" ermordet. In Lodz, Minsk oder Theresienstadt. Ihr Schicksal hat den Latein- und Geschichtslehrer Norbert Flörken aus Troisdorf, der sich seit zwei Jahren mit der Troisdorfer Geschichte im III. Reich beschäftigt, nicht mehr losgelassen. Von ihm stammen die folgenden drei Schilderungen, deren wesentliche Fakten verbürgt sind.

Zwischen den Gleisen des Güterbahnhofs Minsk in Weissrussland sitzt ein junger Mann von etwa 18 Jahren und schreibt auf den Knien eine Postkarte. 3000 km von seiner Heimat entfernt beginnt er, auf seinem Rucksack sitzend, zu schreiben: „Herrn Erwin B., Troisdorf bei Köln, Kölnerstr." Es ist Freitag, der 24. Juli 1942, 7 Uhr morgens. Der Zug, mit dem er angekommen ist, steht noch da, er endet hier. Die Mitreisenden des jungen Mannes sind zum grossen Teil schon ausgestiegen. Wer sein Gepäck — einen kleinen Koffer oder Rucksack — schon abgestellt hat, schaut dem Schreiber über die Schulter: „Nach 87-stündiger Fahrt sind wir gesund, munter und guten Mutes hier in Minsk angekommen." Die Umstehenden sehen sich etwas betreten an: Die zehn Stunden in den Viehwaggons von Wolkowysk bis Kojdanowo waren eine Strapaze! Der junge Mann schreibt weiter: „Man vermutet, dass wir bei Bauern in der Landwirtschaft eingesetzt werden." Jetzt schütteln die Mitreisenden verärgert den Kopf, einige wenden sich weinend ab, sie wissen es besser. Aber niemand bringt es über sich, dem jungen Oskar Hoffmann, ehemals Lehrling bei dem Troisdorfer Fotografen Erwin B., reinen Wein einzuschenken über das, was sie befürchten. So schreibt denn Oskar weiter, ein SS-Mann vom Begleitpersonal — Zyniker oder Menschenfreund? — bietet sich an, die Postkarte auf der Rückreise nach Deutschland in einen Briefkasten zu werfen.

Abmarsch in den Tod

Inzwischen ist es 9 Uhr, der Güterbahnhof ist nahezu menschenleer — bis auf die eintausend Juden aus dem Kölner Raum. Ein SS-Unterscharführer brüllt etwas, die Juden nehmen ihr Gepäck auf. Es geht zunächst durch die Randbezirke von Minsk, dann werden Häuser immer seltener. Oskar marschiert meist mit den Troisdorfern, obwohl er aus Siegburg ist. Nur wenn Frau Sommer zu laut weint, verlangsamt er seine Schritte, bis er auf die Siegburger trifft: Ilse Falkenstein mit ihren 15 Jahren ist noch recht unbeschwert. Plötzlich Schüsse, eine Maschinenpistole. Totenstille, alle bleiben stehen. „Weitergehen!" brüllt der SS-Mann neben ihnen. Da ist auch schon die nächste Salve, diesmal von dem SS-Mann neben ihnen, in die Luft geschossen: „Weitergehen!" Völlig benommen hasten die Juden vorwärts. Und jetzt sehen sie, was sie immer schon geahnt, aber nicht für möglich gehalten haben: Auf dem endlosen Acker Gruben, 60 Meter lang, 4 Meter breit und 5 Meter tief, und darin schon die ersten nackten Leichen: Sie trauen ihren Augen, ihrem Verstand nicht, sind verstört, bringen kein Wort heraus. „Ausziehen!" schreit der SS-Unterscharführer Arlt von der 1. Kompanie des Waffen-SS-Bataillons z. b. V. Sie tun es. „Runter in die Grube!" Sie tun es. „Auf die anderen legen!" Sie tun es. Das letzte, was Oskar Hoffman sieht, sind die blossen Füsse der Leiche unter ihm. „Feuer!" Es ist 12 Uhr. So verliefen die letzten Stunden im Leben von Otto und Betti Neumann; Regina und Günter Meier; Erich und Rosa Marx; Eduard und Johannetta Sommer; Albert, Rosa und Ilse Sibylla Falkenstein; Jakob und Selma Falkenstein. Alle Juden aus Troisdorf und Siegburg.

*

Zur selben Zeit im Ghetto der polnischen Stadt Lodz (von den Deutschen umbenannt in Litzmannstadt): Die vierzehnjährige Ruth Johanna Levy aus Troisdorf hockt im dunklen Hausflur und isst gierig die Kartoffelschalen, die sie kurz vorher unweit ihrer Wohnung aufgelesen hat. Seit sie ganz allein ist, ist sie noch mehr abgemagert. Immer öfter wird das junge Mädchen vor Hunger ohnmächtig. Sie hat schon viel gesehen in ihrem jungen Leben: Ruth Johanna war gerade 11, als ihr Vaterhaus an der Troisdorfer Kirchstrasse 6 am 10. November 1938 in Brand gesteckt wurde. Ihren Vater, den Metzgermeister Samuel Levy, dessen Geschäfte schon lange nicht mehr gut gingen und der bald ganz schliessen musste, war ein gebrochener Mann, als er feststellte, dass die Nazis auch noch die Auswanderungspapiere für Amerika gestohlen hatten. Papiere, die die ganze Familie gerettet hätten. Der Umzug nach Köln und vorher der Verkauf des Hauses in Troisdorf blieben ihr immer unverständlich. Warum hatte Vater nicht um den Preis gehandelt? Warum hatte Mutter so einen Ärger gemacht, als Vater das Haus für 6300 Reichsmark schnell verkaufte? Es war doch viel Geld, auch wenn nicht alles auf einmal, sondern ein Teil in Raten gezahlt wurde. Von der letzten Rate, die im März bei der Bank des Judenältesten von Lodz in der Keimstrasse 71 eintraf, hatte Vater noch ein Festessen gekauft, nachdem er die guten Reichsmark stöhnend in das zerfledderte Ghettogeld umgetauscht hatte: Kohlrüben, Pferdefleisch, Roggenflocken und Zucker. Damals war Mutter schon recht krank und hustete oft.

„Wer arbeitet, kommt durch"

Sie hat nie so recht geglaubt, was ihr Vater auch noch nach Mutters Tod ihr einzureden versuchte: „Wer gut arbeitet, kommt durch." Schon in Köln hatte er gemeint, im Osten müssten sie — die Juden — schwer arbeiten. Nein, hier war etwas viel Schlimmeres im Gange. Ruth Johanna Levy hat das Ende des Krieges nicht erlebt. Wenn sie nicht schon vorher Hunger's gestorben oder durch eine Seuche umgekommen ist, wird sie im September 1942 in Chelmno/Kulmhof, einem alten Schloss in der Nähe von Lodz/Litzmannstadt, ermordet worden sein. Sie könnte mit etwa 50 anderen Kindern in einem Lkw mit Kastenaufbau getrieben und vergast worden sein.

*

Zur gleichen Zeit, Juli 1942, in Troisdorf. In dem alten Fachwerkhaus der Sommers an der Bergstrasse 17 sitzen die Eheleute Pins am Abendtisch. Es ist gespenstisch ruhig, seitdem die anderen Bewohner vor vier Tagen das überfüllte Haus verlassen mussten. Alfred und Rosalie sind die letzten Juden, die noch in Troisdorf wohnen (wenn man von zwei mit .Ariern" verheirateten Jüdinnen absieht) — noch. Denn auf dem Tisch liegt bedrohlich ein Rundschreiben der Reichsvereinigung der Juden: Sie kennen den Text fast auswendig: „Im Auftrag der Gestapo Köln teilen wir Ihnen mit, dass Sie sich für einen Abwanderungstransport ab 25.7.1942 zur Verfügung zu stellen haben ..." Zwei eng getippte Seiten hat das vervielfältigte Merkblatt, wie das der Sommers und Neumanns und Wolfs. Mit ihnen waren sie vor etwa 2 Wochen alle Punkte durchgegangen: "An Gepäck dürfen mitgenommen werden: 1 Koffer und 1 Bettsack in der Grösse von circa 70 cm Breite und ca. 40 cm Höhe", und „1 Essbesteck und 1 Essnapf ist unbedingt mitzunehmen." Verbittert hatten sie damals gelacht: Viel mehr als diese „Essnapf" besassen sie ja auch nicht mehr — das Porzellan war nach und nach verkauft worden, z. B. an die Käthe, die im Vergleich zu anderen aus der Nachbarschaft noch viel dafür gegeben hat. „Jeder Transportteilnehmer hat RM 50,-zum Gestellungsort mitzubringen." Na ja, gut, dass Alfred noch Arbeit hat bei der Firma F. in Spich. Wenn auch der Lohn unverschämt niedrig ist, die Summe kriegen sie noch zusammen. „Wertsachen jeder Art, Gold, Silber, Platin, mit Ausnahme der Eheringe, sind zum Gestellungsort mitzubringen." Was die sich eigentlich denken bei der Reichsvereinigung? Als ob sie noch Geld übrig hätten — oder gar Gold und Platin? Rosalie ist froh, wenn sie nachmittags auf ihre wenigen Lebensmittelkarten beim Lebensmittelhändler Westerhoff noch etwas bekommt. Denn Alfred muss schwer arbeiten. Seit einigen Wochen bekam er auch keine Raucherkarten mehr, auch die Eierkarten gab es plötzlich für Juden nicht mehr. Quälend war natürlich die Ungewissheit, wohin die Fahrt gehen sollte: Das hatte ihnen die RV nicht geschrieben. Aber nun war wenigstens das Warten zu Ende. Vielleicht gab es, dachte Alfred, für sie, die letzten aus Troisdorf, im Osten einen neuen Anfang?

Nach Theresienstadt

Alfred und Rosalie Pins werden nach Theresienstadt verschleppt; dort wohnen sie in der „Bahnhofstrasse 11". Im Februar 1943 bedankt sich Emanuel Goldschmidt, früher ein führendes Mitglied der jüdischen Gemeinde Dortmund, in seinem letzten Willen für die Hilfe während seiner Krankheit bei einer „Familie Pins" und vermacht ihr seinen Ehering. Die letzte Postkarte von (Alfred) Pins an die Troisdorfer Familie B. ist vom 4. Mai 1944. Es ist zugleich das letzte Lebenszeichen der Pins.

[Bildunterschriften:]
Aus dem Konzentrationslager Theresienstadt – unser Bild zeigt die Ankunft deutscher Juden – kam die letzte Postkarte im Mai 1944 in Troisdorf an.
AUCH TROISDORFER JUDEN wurden in das Ghetto von Lodz, das damals Litzmannstadt hiess, verschleppt.
Geplündert wurde in der Kristallnacht auch das Bekleidungsgeschäft Brünell im Haus Hippolytusstrasse 4, dessen Fassade unverändert geblieben ist.

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