Chronik der Jahre 1755 bis 1759

aus dem Kirchenbuch Rösberg1

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1755 1. 9bris Lisabonae in Portugallia talis terrae motus excitatus est, ut tota ferme2 urbs sit diruta et profunditus perdita, quidquid flamma eodem die e terra provenit, qua aedificia cumbusta sunt, quae terrae motu non erant lapsa. Festo S. Stephani hic imum(?) terrae motum sensimus.

Am 1. September 1755 ist in Lissabon in Portugal die Erde derart bewegt worden, dass fast die ganze Stadt zerstört und von Grund auf vernichtet ist. Alles, was die Flamme an demselben Tag aus der Erde hervorgebracht hat, an dem Gebäude verbrannt sind, die durch das Erdbeben nicht zusammengestürzt waren. Am Fest des heiligen Stephan (=26. Dezember) haben wir ein tiefes Erdbeben gespürt.

1756 18va februarii hora octava matutina talis terrae motus fuit, ut ego existens in altissimo cubuli arcis cum nobili juventute timuerim lapsum domus versus orientem. Qui duravit 5 minutis horae, quo multa fumaria fuerunt subversa.

Nemo recordabatur tam grandis terrae motus.

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1ma 7bris rex Borussus sine ulla declaratione aut indictione belli irrupit in urbem lipsiensem et dresdensem Saxoniae cui restiterunt statim Austriaci. Austriaci proelio vicerunt Borussos prope Loppesiz. Etsi Saxonici herbam porrexerint Borussis.

Am 18. Februar 1756, morgens um acht Uhr, gab es solches Erdbeben, dass ich, als ich im obersten Gemach der Burg mit der adligen Jugend stand, fürchtete, das Haus würde nach Osten kippen. Es dauerte fünf Minuten, und viele Kamine sind umgestürzt. Niemand konnte sich an ein solches Erdbeben erinnern.

Am 1. September3 ist der preussische König (Friedrich II.) ohne eine Kriesgerklärung oder Ansage in die sächsischen Städte Leipzig und Dresden eingefallen. Sofort haben die Österreicher ihm Widerstand geleistet. Die Österreicher haben (am 1.10.1756) die Preussen bei Lobositz besiegt, auch wenn die Sachsen den Preussen Getreide angeboten haben.

1757 5ta januarii latro in Gallia solens occidere, laesit regem cultello scriptorio, costa cultri aciem fregit frangens imp removit periculum mortis.

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[Zeichnung des Brieföffners]

est formula cultri, quo rex est laesus.

hoc anno fuit magna annonae charitas, siligo constitit 6: imperialibus, triticum 7: imperialibus, avena 4: imperialibus.

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anno 1757 initio mensis aprilis Galli venerunt in territorium Coloniense ut amici: ad 80.000 hoies4.

In hyeme Austriaci deliberarunt, quo tempore milites opportunissime essent rus ituri, alterantibus belliducibus. Bellidux Braun statuit tempus 5ta diei aprilis, quod aut perfidia aliquorum belliducum neglectum est, quare Borussi mature mense aprilis rus iverunt. Et - repulsis Austriacis - non procul ab urbe Pragensi 6ta aprilis Borussi in Austriacos inopinatos impetum fecerunt, et quidem eo tempore, quo 2.000 equites caesarei Pragae erant accepturi alimenta.

Borussi victoriam cum magna praeda obtinuerunt, Austriacis subsidium quaerentibus in urbe Pragensi: Borussus dicitur 30.000 vitas5 perdidisse, Austriaci 25.000 vitas amisisse dicuntur.

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mense junio Galli invaserunt Hannoveranos, qui ante aliqot dies fuerunt in urbe Paderbornensi spoliantes urbem frugibus sc[ilicet] tritico et siligine et avena. Hannoverani fuga ceperunt et belli silentium a Gallis petiere in mensem aprilis Anni 1758, quod pactum fuit observatum, donec confoederati sunt profligati a [...]6

Ante urbem Pragensem steterunt Borussi [...]7 sex septimanis, usque dum tandem Austriaci, inter quos primus fuit princeps Polonus Xaverius, felicem impetum ex urbe in Borussos fecerunt et Borussos post felicem conflictum ad 16 horas repulerunt.

Confoederati mense 9bris invaserunt Borussos et repulsam passi sunt ante lipsiensem urbem.

1757: inter Austriacos et Borussos septem sanguinea proelia contigere quod est inauditum quid:

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Ante villam Hültz 23. junii 1758 Galli victi sunt ab Hannoveranis, liligeri fugerunt usque ad urbem Coloniensem. quique Hannoverani occuparunt 25. junii urbem Novesiensem, ubi avenam invenerunt ad ducenta millia malderorum, non computato tritico et siligine. Illi hannoverani in 1mo ingressu privarunt patrem meum vestibus scilicet camisella ornata argenteis globulis et dominicali toga occupato [...]corpio8. in initio mensis augusti Hannoverani deseruerunt diocesin inferiorem Coloniensem, postquam omnes fruges demessas consumpserunt.

Galli demesserunt omnes fruges et rusticos iis privarunt usque in Godorf et Wesseling hinc usque in Kevelair.

Am 5. Januar 1757 hat in Frankreich ein Gewohnheitsverbrecher (Robert Francois Damiens) den König (Ludwig XV.) mit einem Brieföffner verletzt, die Rippe stoppte die Schärfe des Messers und beseitigte die Todesgefahr.

Das ist das Aussehen des Messers, das den König verletzte.

In diesem Jahr gab es eine grosse Teuerung beim Getreide: Winterweizen kostet 6 Imperiale, Weizen 7 Imperiale, Hafer 4 Imperiale.

Anfang April des Jahres 1757 sind Franzosen als Freunde ins Kölner Gebiet gekommen, an die 80.000 Menschen.

Im Winter überlegten die Österreicher, wann die Soldaten am besten aufs Land gingen, im Austausch mit den im Felde stehenden. Feldherr (Maximilian Ulysses) Browne setzte den 5. April fest. Das ist durch die Treulosigkeit irgendwelcher Feldherrn vernachlässigt worden, weshalb die Preussen spät im April aufs Land gingen. Nachdem die Österreicher verjagt worden waren, griffen die Preussen am 6. April9 nicht weit von Prag die ahnungslosen Österreicher an. Zu diesem Zeitpunkt sollten 2.000 kaiserliche Reiter in Prag ihren Lohn erhalten.

Die Preussen errangen einen Sieg mit grosser Beute, weil die Österreicher in Prag Nachschub erwarteten. Der Preusse soll 30.000, die Österreicher sollen 25.000 Menschenleben verloren haben.

Im Juni fielen die Franzosen in Hannover ein, die ein paar Tage vorher in Paderborn gewesen waren und die Stadt geplündert hatten: Weizen, Mehl und Hafer. Die Hannoveraner flüchteten und erbaten von den Franzosen Waffenstillstand10 bis April 1758; dieser Pakt wurde gehalten, bis die Verbündeten den Franzosen treulos geworden sind im September.

Vor Prag standen die Preussen ... sechs Wochen, bis schliesslich die Österreicher, deren Anführer der polnische Prinz (Franz) Xaver (von Sachsen) war, einen glücklichen Ausfall aus der Stadt gegen die Preussen machten und diese danach 16 Stunden lang verfolgten.

Die Verbündeten überfielen im November die Preussen und haben vor der Stadt Leipzig eine Zurückweisung hinnehmen müssen.

In 1757 hat es zwischen Österreichern und Preussen sieben blutige Schlachten gegeben unerhört.

Vor dem Haus Hüls11 sind am 23. Juni 1758 die Franzosen von den Hannoveranern besiegt worden, die (Lilienträger = Franzosen ?) flohen nach Köln. Die Hannoveraner eroberten am 25. Juni Neuss, wo sie Hafer fanden - etwa 200.000 Malter - nicht gerechnet den Weizen. Jene Hannoveraner raubten beim Einmarsch meinem Vater die Kleidung: ein Hemd mit silbernen Kugeln, den Sonntagsanzug ...

Anfang August verliesen die Hannoveraner das nördliche Gebiet der Kölner Diözese, nachdem sie alle Feldfrüchte abgeerntet und verbraucht hatten.

Die Franzosen ernteten alle Feldfrüchte und raubten die Bauern aus in Godorf, Wesseling bis nach Kevelaer.

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1759 Festo S. Jacobi Galli obtinuerunt urbem monasteriensem cum castro(?), tria millia hannoveranorum se dedere.

Generalis Broglio

27.julii die citadelle von Münster hat sich nach einer 5stündigen canonade und bombardierung ergeben, und die in 3.500 [...]dene garnison zu kriegsgefangenen gemacht worden, ein regiment hannoverische dragoner, der in form[...] gelegenen, hat sich nebst 19 canonen nach Hannover gezogen.

Die wieder(?) haben in der gegend zu12

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1ma augusti in Westphalia Galli perdiderunt in pugna 8.000 millia hoium, victores Hannoverani repulerunt Gallos usque in castel sub principe Ferdinando.

12ma augusti rex Borussus fuit praesens perdidit pugnam, Laudon cum Russis coniunctus plenam victoriam obtinuit. Ad 20.000 hoium Borussi. Austriaci cum Russis 10.000 hoium perdidisse dicuntur. Borussus ivit usque Cüstrin ad custodiendum.

23tia augusti ante horam quintam matutina sensi terrae motum per duas minutas, quem alias praecessit non tam fortis.

In laude principis Ferdinandi

dum civi vixi, vix ivi, vici ..

[...]

dux civi, diu vixi, vidi, vici.

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Leipzig hat prinz von Zweibrücken [...]13

14 augusti [...] general von Klee[...] hat den 11 augusti Torgau bekommen mit seinen magazins [...] 1 million [...]

Am Fest des heiligen Jakob (=25. Juli) 1759 eroberten die Franzosen Münster mit Festung(?) 3.000 Hannoveraner ergaben sich.

General (Victor Francois de) Broglie

Am 27. Juli hat sich die Festung Münster nach einer fünfstündigen Kanonade und Bombardierung ergeben, und ... Garnison zu Kriegsgefangenen gemacht worden. Ein Regiment hannoveraner Dragoner ... hat sich mit 19 Kanonen nach Hannover zurückgezogen.

Die wieder haben in der Gegend zu

Am 1. August haben die Franzosen in Westfalen [in Minden] in einer Schlacht 8.00014 Menschen verloren, die siegreichen Hannoveraner unter Herzog Ferdinand (von Braunschweig-Wolfenbüttel) verjagten die Franzosen bis nach Kassel.

Am 12. August hat der preussische König, der selbst anwesend war, eine Schlacht (bei Kunersdorf) verloren, (Feldmarschalleutnant Gideon Ernst von) Laudon - mit den Russen verbündet - hat einen vollen Sieg errungen. Die Preussen sollen 20.000 Menschen, die Russen mit den Preussen 10.000 Menschen verloren haben. Der Preusse ging nach Küstrin.

Am 23. August habe ich morgens vor fünf Uhr eine Erdbeben für zwei Minuten gespürt, das anderswo nicht so stark war.

Zum Lobe Herzog Ferdinands

...

Leipzig hat den Prinzen von Zweibrücken (Friedrich Michael, Pfalzgraf von Zweibrücken-Birkenfeld) ...

Am 14. August hat General von Klee...

am 11. August Torgau bekommen mit seinen Vorräten ... 1 Million...


1 PSA Brühl, Bestand BA 2228_S035 ff. - Im übertragenen Text sind die Eigennamen durchgängig gross geschrieben, die sonstigen Worte klein; die Satzzeichen sind dem modernen Stil angenähert. Unstimmigkeiten sind vermerkt. Stellenweise kann der Text nicht entziffert werden, weil entweder die Tinte zu blass ist oder die Schrift allzu unleserlich; diese Stellen sind mit [...] gekennzeichnet.

2 Eigentlich müsste es "fere" heissen.

3 Eigentlich schon am 29. August.

4 Dieses Wort und abgeleitete Fälle werden interpretiert als Abkürzung für "homines" bzw. "hominum" = Menschen.

5 Das Wort ist schlecht lesbar; in Analogie zu dem besser lesbaren "vitas" eine Zeile später wird dasselbe auch hier unterstellt.

6 Hier hat der Schreiber verbessert und eingefügt: schwer lesbar, möglicherweise heisst es "a Gallis in 9bris".

7 Die folgenden drei Wörter konten nicht entziffert werden.

8 Hier hat der Schreiber verschmierten Text auf den Rand gequetscht.

9 Eigentlich 6. Mai.

10 in der Konvention von Kloster Zeven.

11 Eigentlich bei Krefeld.

12 Hier bricht der deutsche Text ab, eine Fortsetzung gibt es nicht.

13 Hier und an den folgenden Stellen ist die Tinte sehr schwach.

14 Tatsächlich: 4.300.

 

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